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Eine Arbeitsbiene lebt etwa fünf Wochen. In dieser Zeit sammelt sie knapp zwei Teelöffel Honig.

Bienensterben

Die Biene - das Hipster-Insekt

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Gefährdet und geliebt: Bienen und Artenschutz sind schwer in Mode. Das treibt mitunter seltsame Blüten. Und kann ein prima Geschäft sein.

Viele Unternehmen stellen sich Bienenvölker auf die Dächer, Supermärkte verteilen Biene-Maja-Blumensamen, die Zahl der Imker steigt: Die Bienenliebe boomt gewaltig. Was steckt dahinter? Was kommt wirklich den Insekten zugute – und was ist purer Aktionismus?

Der Ort, von dem aus die Bienen in die Welt geschickt werden, auf die Dächer von Konzernen, in die Vorgärten von Unternehmen, liegt gleich hinter Delmenhorst. An der Bundesstraße nach Bookholzberg, gegenüber einem Gebrauchtwagenhandel. Ein Haus, gelb-schwarz bemalt, mit einer stilisierten Biene und dem Schriftzug „Bee-Rent“, Bienenvermietung.

Drinnen steht Dieter Schimanski, 54 Jahre, in Jeans und weißem Hemd, und zeigt auf eine Deutschlandkarte mit vielen farbigen und wenigen weißen Flächen. Farbig heißt: Hier kann man Schimanskis Bienen mieten. Weiß heißt: Hier nicht. Noch nicht.

Hessen ist noch weiß. Aber das ist schon nicht mehr aktuell. „Seit gestern habe ich dort auch jemanden“, sagt Schimanski erfreut. Einen Imker, der sich vor Ort um die Bienen kümmert. So funktioniert das Modell.

An 400 Orten stehen seine Bienen schon

Dass es in Lokalzeitungen gerade überall Schlagzeilen gibt wie „Bei der Tui sind die Bienen los“, dass Bienenvölker auf die Dächer von VW, dm oder der Telekom ziehen, das liegt an ihm. 2015 hat Schimanski angefangen, Bienenvölker zu vermieten. Betreuung, Pflege, Honig, für alles sorgen er und seine regionalen Imker, für knapp 200 Euro im Monat. All inclusive, einfach summen lassen, so bietet er es an – mit gewaltigem Erfolg. Für die Idee gewann er Preise, an 400 Orten stehen seine Bienen schon, Tendenz steigend. Und wenn sich irgendjemand an dem Modell stört, wenn es irgendwem nicht recht ist, dass bei ihm Ökologie und Ökonomie gute Freunde sind, dann entgegnet er: „Es muss in Ordnung sein, Geld mit etwas Gutem zu verdienen.“ Und was könnte besser sein als die Biene? So gut ist die Biene, dass ihr gerade alle helfen wollen.

Da gibt es die Initiativen „Hannover summt“, „NRW summt“, „Der Kreis Paderborn blüht und summt“, nicht zu vergessen „Deutschland summt“. Braunschweig möchte offiziell „Bienenstadt“ sein. Kaum eine Firma, die sich nicht den Bienenschutz auf die Fahnen schriebe – und jeder, der auf sich und die Bienen hält, verteilt Blumensamen, auf dass sie gut versorgt sind.

Eine kleine Auswahl: Bochum verteilt 10 000 Tütchen mit Wildblumensamen. Die oberpfälzische Stadt Schwandorf verteilt Samentütchen an Fahrer, die ihr Auto korrekt abgestellt haben. Supermärkte verteilen Tütchen an der Kasse, Nutella klemmt sie unters Deckelglas. Aber ist das eine echte Hilfe für die Insekten? Oder Aktionismus? Ausdruck eines neuen Engagements, eines Umdenkens? Oder eine Alibiveranstaltung, die Umweltsünden an anderer Stelle verdecken soll? Ist es mehr als PR? Auf jeden Fall, kann man sagen, hatte Dieter Schimanski den richtigen Instinkt.

Die Idee zum Bienenverleih hatte er 2014, als er sah, dass eine Supermarktkette Landwirte beim Anlegen von Blühstreifen unterstützte. Schimanski stutzte. „Davon gibt es doch noch keine einzige Biene mehr“, sagt er.

Idealist und Geschäftsmann

Schimanski ist Idealist. Und Geschäftsmann. Bei den Bienen lässt sich beides inzwischen gut kombinieren. Sein Vater hatte Bienen, er selbst auch, Bienen liegen ihm. Außerdem hat er Marketing studiert, mit 29 ein Bremer Autohaus geleitet, später eine Werbeagentur gegründet. Aus der hat er sich dann verabschiedet, als er merkte, dass mit den Bienen etwas ging.

Im Moment verhandelt er gerade mit einer Lebenseinzelhandelskette mit 2000 Filialen über Bienen auf den Dächern. Es wäre sein größter Auftrag. Manchmal sage er abends zu seiner Frau: „Du glaubst nicht, was heute wieder los war.“ Wenn er sich selbst diesen Erfolg zu erklären versucht, landet er schnell bei der fast unheimlichen Begeisterung der Menschen für diese Tiere. Als in einer Firma zwei Bienen in einem Fensterrahmen zerdrückt wurden, „kamen zwei Mitarbeiterinnen die Tränen“, erzählt er.

Bei einer Baumaschinen-Firma musste er die Mitarbeiter per Whatsapp über jedes Detail des Bienenvolks auf ihrem Dach auf dem Laufenden zu halten. Und als er neulich mal wieder mit Bienen bei einer Firma anrückte, standen nicht nur 20 Leute Spalier, wie es der Chef vermutet hatte, sondern 100. „Das ist die Biene“, sagt er. „Ich habe noch nie so viel Positives erfahren.“

Die Liebe der Deutschen zu den Bienen setzt neue Maßstäbe. 1,7 Millionen Menschen haben das bayerische Volksbegehren für „Artenvielfalt und Naturschönheit“ unterzeichnet.

„Von Anfragen regelrecht überrollt“

Gut 120 000 Imker zählt der Deutsche Imkerbund inzwischen, ein Rekord. Nur wissen viele dennoch nicht, wie sie den Bienen helfen sollen. Zum Beispiel hatte Matthias Wucherer neulich einen Mann am Telefon, der ihm stolz erzählte, er habe seine Streuobstwiese gerade umgepflügt, um eine insektenfreundliche Blumensamenmischung auszubringen. Wucherer war fassungslos. „Streuobstwiesen sind die Korallenriffe Deutschlands“, sagt er, artenreiche Kleinstbiotope also. Da hatte der Mann etwas grundsätzlich falsch verstanden. Und das, sagt Wucherer, sei leider typisch. Der Biologe Wucherer hat früher zehn Jahre lang in einem Labor für die Industrie Insektizide getestet. Bis er vor zwei Jahren genug hatte und Koordinator des Netzwerks Blühende Landschaft wurde. Und damit steht er jetzt vor einem besonderen Phänomen.

Da ist dieses gewaltige Interesse. „Wir werden von Anfragen regelrecht überrollt“, sagt er. Von Anrufern also, die – alarmiert von der Krefelder Studie, die 2017 den Tod der Insekten in Deutschland dokumentierte, von Berichten über Klimawandel und Artensterben – nun wissen möchten, was sie ganz konkret im Garten oder auf dem Balkon für die Bienen tun können. Und dabei, konstatiert Wucherer, „sind viele völlig hilflos“. Bienenretten ist gar nicht so einfach, stellen da viele fest. Der neue Boom stellt Wucherer nun vor ein Dilemma. Plötzlich sind da jede Menge Menschen, die wissen wollen, wohin mit ihrer Energie fürs Ökologische. Gute Sache. Und dann kommt da auch ein Billig-Discounter und bietet eine Kooperation an. Für die Bienen. Die Dächer von Filialen und Logistikzentren sollen begrünt werden – in Kooperation mit dem Netzwerk. Und jetzt?

Der Fall erinnert an die Situation von Bioland, als Lidl eine Zusammenarbeit anbot. Eine der renommiertesten Biokooperativen und der Billigheimer, bekannt für teils zweifelhafte Arbeitsbedingungen. Reine Ökolehre gegen die Aussicht, viele Menschen zu erreichen. Bei Lidl gibt es jetzt Bioland-Milch – und Aldi Süd bepflanzt seine Dächer gemeinsam mit dem Netzwerk.

Kronzeuge sein für Aldis Ökoengagement? Man habe diskutiert, räumt Wucherer ein. „Aber am Ende überwog klar das Positive, das ist eine große Chance.“ 25 Hektar Grün, dazu der Zugang zu Lieferanten, die auch Blühstreifen an ihren Feldern anlegen. „So unterwandern wir Deutschland“, sagt Wucherer lächelnd.

Insektenschutz ist ein mühsames Geschäft

Für ihn geht es jetzt nur darum, klarzumachen, dass mit grünen Discounterdächern und etwas Bienenromantik nicht alles gut ist. Dass nicht die Honigbiene bedroht ist, sondern die Wildbiene – und eine Menge anderer Käfer und Insekten, die nicht den Charme der Biene haben. Dass es auf Berliner Hipsterbalkonen inzwischen mehr Bienenvölker gibt, als es der Imkerbund gut findet. Oder dass es vielleicht widersprüchlich ist, sich Gemüsedosen mit aufgeklebtem Bienenblütensamen zu kaufen, wenn der Mais darin in großen Monokulturen mit Insektiziden angebaut wurde.

Die Verzückung beim Anblick von Bienen ist im besten Fall ein guter Einstieg. Am Ende ist Insektenschutz ein komplizierteres, langwieriges, im besten Fall beglückendes, immer aber mühsames Geschäft. Davon kann zum Beispiel Silvia Unger erzählen.

Die 62-jährige Hauswirtschafterin und Gärtnerin leitet im fränkischen Burgoberbach eine der ältesten Regionalgruppen des Netzwerks Blühende Landschaft – eine Art Urgestein des Insektenschutzes. Silvia Unger hat sich 2003 ihr erstes Bienenvolk zugelegt, nach dem großen Bienensterben im Winter zuvor, als 80 Prozent der Völker starben. Die ersten Erfahrungen, die sie machte: „Das, was die Bienen brauchen, gibt die Landschaft so nicht her.“

Silvia Unger suchte in ihrer 3400-Einwohner-Gemeinde Mitstreiter, 2006 säten sie auf der ersten Wiese heimische Blühpflanzen, Bienennahrung also. Seitdem bieten sie bei jeder Bauausgleichsfläche oder bei freien Grundstücken, auf denen der Bürgermeister auch mal einen Rasen favorisiert, für ihre Bienenblumen, ungezählte Flächen haben sie schon bepflanzt. Auch Landwirte sind dabei, die ein Stück ihrer Felder an die Blüten abtreten. „Die sind ja selbst oft einfach ins System gedrängt“, sagt Silvia Unger, „man muss sie wertschätzen.“

Seltener Friedensschluss mit Landwirten

Es ist ein seltener Friedensschluss zwischen Bienenfreunden und Landwirten, anderswo ist die Atmosphäre angespannt. Als eine Lebensmittelkette auf ihrer Blühmischung namens „Greta’s Blumenmischung“ notiert, Monokulturen und Insektizide machten die Landschaft „unbrauchbar“, reagiert der schleswig-holsteinische Bauernverband pikiert. Er verweist auf seine eigene Aktion „blomenpaten.plus“ – und zeigt polemisch auf die Flächen von Edeka-Märkten, wo es ja schließlich gar keine Landschaft mehr gebe. Als Bienenfeind zu gelten, das ist heute einer der größtmöglichen Imageunfälle.

Derweil trifft sich Unger monatlich mit ihren Mitstreitern, um Aktionen zu planen, Schüler zum Säen einzuladen, Vorträge zu organisieren. Ein gutes Dutzend Mitglieder hat die Gruppe.

Hoch im Norden sitzt Bienenvermieter Schimanski schon an neuen Ideen, die den Insektenschutz verstetigen sollen. Eine davon nennt er „Bee Immo“, ein Konzept, um die Rücksicht auf Bienen und andere bei neuen Gebäuden zur Auflage zu machen, wie Brandschutz oder Barrierefreiheit.

Den Bienenunternehmer treibt eine Sorge um: „Was ist denn, wenn die Biene in fünf Jahren mal nicht mehr in ist?“, fragt er. Das, da ist er sicher, wäre weitaus schlechter als eine Bienenmode, die so manche kuriose Blüte treibt.

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