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In Somalia werden Frauen wie Amran Mahamood nach wie vor bestellt, um Mädchen und Frauen zu beschneiden. Nichole Sobecki/AFP
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In Somalia werden Frauen wie Amran Mahamood nach wie vor bestellt, um Mädchen und Frauen zu beschneiden.

Genitalverstümmelung

Grausame Tradition der Beschneidung von Mädchen und Frauen: Die Sehnsucht nach dem unversehrten Körper

  • vonPhilipp Hedemann
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Neyrus war neun, als sie beschnitten wurde. Die junge Somalierin teilt ihr Schicksal mit weltweit 200 Millionen Frauen, die Opfer dieser archaischen Praxis wurden.

  • Weltweit leben nach Schätzungen 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen.
  • Die archaische Tradition der Genitalverstümmelung soll Mädchen und Frauen „rein“ halten für eine Verheiratung.
  • In Deutschland leben schätzungsweise 70.000 Opfer der Beschneidung. Weitere 17.000 gelten als gefährdet.

Als sie neun Jahre alt war, wollte Neyrus am liebsten sterben. Oder zumindest in Ohnmacht fallen, um die höllischen Schmerzen nicht länger ertragen zu müssen. Vier Frauen und zwei Männer hielten sie fest, während eine Beschneiderin ihr die Klitorisspitze und die inneren und äußeren Schamlippen abschnitt. Anschließend nähte sie das Mädchen bis auf eine winzige Öffnung für Urin und Menstruationsblut wieder zu. Alles ohne Betäubung.

Ziel Verheiratung: Im Bürgerkriegsland Somalia lassen fast alle Mütter ihre Töchter beschneiden

Ob die alte Frau dafür Akaziendornen oder Nadeln, Fäden oder Tierhaare benutzte, das wisse sie nicht, sagt die heute 18-jährige Neyrus, die eigentlich anders heißt, aber ihren richtigen Namen nicht nennen möchte. Sie weiß nur, dass sie schief zugenäht wurde. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich so doll gewehrt habe.“

Als die Beschneiderin sie damals im Haus ihrer Eltern in Mogadischu verstümmelte, schrie sie flehend nach ihrer Mama. Doch die Mutter versuchte den Blicken ihrer Tochter auszuweichen, sich vor Neyrus zu verstecken. Der Mensch, dem sie zuvor am meisten vertraut hatte, kam ihr in ihrer Todesangst nicht zu Hilfe. „Ich war wahnsinnig wütend auf meine Mama. Ich werde nie vergessen, was sie mir antun ließ. Verziehen habe ich ihr trotzdem“, sagt sie neun Jahre später.

Sie weiß, dass ihre Mutter sie nicht beschneiden ließ, um sie zu quälen, sondern weil sie nur das Beste für sie wollte. Im Bürgerkriegsland Somalia lassen fast alle Mütter ihre Töchter beschneiden. Sie tun es, weil sie glauben, dass ihre Mädchen sonst einen so starken Sexualtrieb entwickeln, dass sie später nicht treu sein und deshalb nicht verheiratet werden können. Sie tun es, weil sie glauben, dass ihre Töchter sonst unrein würden. Sie tun es, weil sie denken, dass der Koran die Beschneidung fordert. Nichts davon stimmt. Praktiziert wird die grausame Tradition dennoch – weil es schon immer so gemacht wurde.

Nach Schätzung der WHO aktuell weltweit 200 Millionen beschnittene Frauen und Mädchen

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Neyrus eine von weltweit rund 200 Millionen heute lebenden beschnittenen Frauen. Die meisten von ihnen leiden ihr Leben lang unter dem brutalen Eingriff. Und wenn Neyrus von ihrer Beschneidung erzählt, füllen sich ihre Augen immer noch mit Tränen. Niemals würde sie ohne Schmerzen leben, niemals würde sie sich wie eine vollständige Frau fühlen, niemals würde sie ein erfülltes Sexualleben haben können, hatte die junge Somalierin gedacht.

Damit die blutige Wunde verheilen konnte, wurden Neyrus nach der Beschneidung die Oberschenkel eine Woche lang zusammengebunden. Tagelang lag sie mit einer schwärenden Entzündung zwischen den Beinen wimmernd im Haus ihrer Eltern. Als die Beschneiderin schließlich kam, um die Fäden zu ziehen, rannte Neyrus davon. Nie wieder sollte die Frau, die ihr so wehgetan hatte, sie berühren. Schließlich entfernte eine Freundin die Fäden aus der eitrigen Wunde.

„Ich habe die Hütte der Beschneiderin mit Steinen beworfen und sie laut beschimpft: Die Leute sollten wissen, was sie getan hat. Nie wieder sollte sie einem Mädchen so weh tun wie mir“, berichtet Neyrus, die rund fünf Jahre nach der Beschneidung ihre Eltern verlor. Sie starben am 14. Oktober 2017 beim schwersten Terroranschlag, der die somalische Hauptstadt je erschütterte. Als ein Selbstmordattentäter sich mit einem mit Sprengstoff beladenen Lastwagen in die Luft jagte, riss er mindestens 587 Menschen in den Tod, 316 Kinder, Frauen und Männer wurden verletzt.

Täter nach Vergewaltigung unbehelligt, Mädchen zugenäht

Neyrus war von diesem Tag an mit ihrer kleinen Schwester und ihrem kleinen Bruder allein und schutzlos auf sich selbst gestellt. Kurz darauf wurde sie von drei Männern aus der Nachbarschaft brutal vergewaltigt. Als ihr Onkel beschloss, sie nach dem abscheulichen Verbrechen erneut zunähen zu lassen und sie gegen ihren Willen mit einem ungefähr 60 Jahre alten Mann zu verheiraten, beschloss die damals 15-Jährige zu fliehen.

„Ich konnte es einfach nicht ertragen, dass die Täter, die ich jeden Tag sehen musste, frei rumliefen und ich für das, was sie mir angetan hatten, bestraft werden sollte. Ich hätte die Schmerzen beim Zunähen nicht ein zweites Mal ertragen können und wollte keinen alten Mann heiraten“, erzählt Neyrus.

Ein anderer Onkel besorgte ihr ein Flugticket nach Istanbul. Von dort schlug sie sich irgendwie nach Berlin durch, lebt seitdem in einer Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Erst hier erfuhr sie, dass nicht alle Frauen beschnitten sind und dass es im „Desert Flower Center“ in Berlin Ärztinnen und Ärzte gibt, die Genitalien und damit die Würde von beschnittenen Frauen wiederherstellen können.

Schutzbrief vorgestellt

Der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung wird am 6. Februar begangen. Er soll darauf aufmerksam machen, dass jährlich Hunderttausende Mädchen von Genitalverstümmelung bedroht sind. Ausgerufen wurde der Tag 2003 von Nigerias damaliger First Lady Stella Obasanjo. Im Jahr 2012 erklärte die UN-Menschenrechtskommission ihn zum internationalen Gedenktag.

Die deutsche Bundesregierung will mit einem „Schutzbrief“ dabei helfen, Mädchen vor Genitalverstümmelung zu bewahren. Das Dokument mit rechtlichen Hinweisen und Hilfsangeboten sei eine „klare Ansage zum mitnehmen mit dem Bundesadler vorne drauf“, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bei der Vorstellung am Freitag in Berlin. Weibliche Genitalverstümmelung sei eine „archaische Straftat“ und ein Thema, dem „wir uns auch in Deutschland stellen müssen“.

Der „Schutzbrief“ im Format eines Reisepasses weist darauf hin, dass weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland strafbar ist – auch bei einer Durchführung im Ausland. Eltern, die ihre Tochter nicht davor beschützen, machen sich ebenfalls strafbar. Der „Schutzbrief“ weist zudem auf körperliche und seelische Folgen für die Betroffenen hin.

Mädchen, denen Genitalverstümmelung droht, sollen den „Schutzbrief“ bei sich tragen, insbesondere bei Reisen in ihre Herkunftsländer. Laut Giffey kann der Schutzbrief auf Internetseiten der Bundesregierung heruntergeladen werden und soll bei Beratungsstellen, Hilfsorganisationen und in Praxen ausliegen. Das Dokument soll auch an Schulen verteilt und zudem auf Englisch, Französisch sowie in verschiedenen afrikanischen und asiatischen Sprachen erhältlich sein.

Gwladys Awo, die Vorsitzende des gegen weibliche Genitalverstümmelung engagierten Vereins Lessan e.V., lobte den „Schutzbrief“. Ein solches Dokument sei „extrem wichtig“, da gefährdete Mädchen oder deren Eltern damit Verwandten beweisen könnten, dass weibliche Genitalverstümmelung in Deutschland verboten und strafbar ist. Schätzungen des Bundesfamilienministeriums zufolge leben in Deutschland rund 68 000 Frauen, die eine Genitalverstümmelung erlitten haben. Tausende Mädchen gelten als gefährdet. afp/boh

Terre des Femmes-Schätzung: Mehr als 70 000 beschnittene Frauen und Mädchen in Deutschland

Benannt ist das Zentrum nach Waris Dirie, dem somalischen Topmodel, das selbst beschnitten wurde und in „Wüstenblume“ (im englischen Original Desert Flower) offen über die brutale Tradition sprach. Doch auch mehr als 20 Jahre nach Erscheinen des Buches werden vor allem in afrikanischen, asiatischen und arabischen Ländern Mädchen und Frauen immer noch beschnitten. Die meisten von ihnen sind muslimisch, doch auch Christinnen werden beschnitten. Durch Flucht und Migration kommen auch immer mehr von ihnen nach Deutschland. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes schätzt, dass mittlerweile mehr als 70 000 beschnittene und mehr als 17 000 gefährdete Frauen und Mädchen in Deutschland leben.

Wie viele Mädchen und Frauen bei den meist von medizinischen Laien unter unhygienischen Umständen durchgeführten Eingriffen verbluten, an Infektionen sterben oder sich bei der Beschneidung mit HIV, Hepatitis und anderen Krankheiten infizieren, ist unbekannt. Sicher ist, dass viele beschnittene Frauen ihr Leben lang darunter leiden, seelisch und körperlich.

„Je enger sie zugenäht sind, desto höher ist in Somalia der Brautpreis. In einer männerdominierten Welt sollen Frauen so in Schach gehalten werden“, erklärt Cornelia Strunz, die ärztliche Koordinatorin des Desert Flower Centers. In der Hochzeitsnacht werden die oft sehr jungen Bräute unter höllischen Schmerzen durch Penetration, mit einem Messer oder einer Rasierklinge geöffnet. Schon viele Frauen haben ihre Hochzeitsnacht nicht überlebt, andere starben – teilweise mit ihrem ungeborenen Kind – wenn ihr Baby bei der Geburt im vernarbten und verengten Geburtskanal stecken blieb.

Viele von einer Beschneidung betroffene Mädchen und Frauen sind traumatisiert

„Viele meiner Patientinnen sind traumatisiert und leiden unter Panikattacken, Bindungsängsten, Alpträumen und Depressionen“, berichtet Cornelia Strunz. Mehr als 200 Frauen haben sich bislang im Desert Flower Center operieren lassen. Viele von ihnen stammen aus Somalia, die jüngste Patientin war acht Jahre alt, die älteste 65 Jahre. Wenn sie nach dem bis zu 4000 Euro teuren, von der Krankenkasse oder aus Spendengeldern bezahlten Eingriff aus der Narkose aufwachen, ist Cornelia Strunz meist die erste Person, die sie sehen. „Viel Frauen weinen dann vor Glück und fallen mir um den Hals“, erzählt die Ärztin.

Für viele ihrer Patientinnen ist sie mittlerweile eine Art Ersatzmutter. Sie wenden sich nicht nur an sie, wenn ihre Narben schmerzen, sondern auch, wenn sie eine Wohnung, einen Job oder einen Kindergartenplatz für ihre Töchter und Söhne suchen. Als eine ihrer Patientinnen nach einer erfolgreichen Operation ein Kind bekam, wünschte die werdende Mutter sich, dass „Dr. Conny“ bei der Geburt dabei sein solle. Die Chirurgin schnitt die Nabelschnur durch und ist seitdem Patentante.

Als Neyrus das erste Mal bei Cornelia Strunz im Beratungszimmer saß, erklärte die Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie der jungen Somalierin anhand eines überdimensionierten Modells der Vulva, was die Beschneiderin ihr abgeschnitten hatte und was rekonstruiert werden kann. In dem rund einstündigen Eingriff werden – je nach Ausmaß der Genitalverstümmelung – die zugenähte Vulva geöffnet und die Schamlippen und die Klitoris rekonstruiert.

Cornelia Strunz im Gespräch mit der jungen Frau, deren Geschichte hier erzählt wird.

Beschnittene Frau: „Gott hat mich perfekt erschaffen. Ein Mensch hat mich verstümmelt. Das ist eine Sünde“

Viele Frauen, die ins Desert Flower Center kommen, haben in Deutschland einen Mann kennengelernt und wollen sich operieren lassen, um mit ihrem Partner intim sein und ohne Angst schwanger werden zu können. Nach einer erfolgreichen Operation haben die meisten Patientinnen keine Schmerzen beim Geschlechtsverkehr mehr, können ohne erhöhtes Risiko Kinder bekommen und haben zumindest die anatomischen Voraussetzungen, um eine erfüllte Sexualität zu erleben.

Neyrus geht es nicht um Sex. „Gott hat mich perfekt erschaffen. Dann hat ein Mensch mich verstümmelt. Das ist eine Sünde“, sagt die gläubige junge Frau, die ihr Haar unter einem Schleier verbirgt. Sie weiß, dass keine einzige Sure des Korans fordert, dass Frauen beschnitten werden sollen. „Darum wollte ich wieder vollständig sein. Normal! So wie andere Frauen“, sagt Neyrus, die nach ihrer Flucht aus Somalia ihre weiten, jede Rundung verhüllenden Gewänder wegwarf und jetzt am liebsten – wie viele Teenagerinnen – knallenge Hosen trägt.

Die Tradition der Beschneidung in Frage zu stellen, kommt in einigen Regionen einem „Verrat“ gleich

Neyrus möchte auch deshalb anonym bleiben, weil ihre Familie in Somalia nie erfahren darf, wie sie sich jetzt kleidet und dass ihre Klitoris rekonstruiert wurde. Die alte Tradition der Beschneidung in Frage zu stellen, käme einem Verrat gleich – einem Verrat an der eigenen Kultur, am eigenen Glauben, an der eigenen Familie und damit einem Verrat an allem, was in Somalia heilig und wichtig ist. „In meiner Heimat würde ich als nicht mehr zugenähte Frau als Schlampe gelten und nicht heiraten können“, sagt Neyrus. Dann fügt sie hinzu: „Aber nachdem, was Männer mir angetan haben, will ich eh nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Die meisten, die ich kennengelernt habe, waren böse.“

Bei ihrem harten Urteil nimmt sie einen Mann explizit aus: Uwe von Fritschen. Der Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Vaginalrekonstruktion und operierte auch Neyrus im Desert Flower Center im Krankenhaus Waldfriede.

„Es ist zwar ein bisschen seltsam, dass ein Mann mich operiert hat“, sagt Neyrus etwas verschämt, „aber jetzt sehe ich da unten schön aus. Ganz normal. Ich bin glücklich.“ So glücklich, dass sie künftig den Tag der Operation als ihren zweiten Geburtstag feiern will. (Philipp Hedemann)

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