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Eine spezielle Tastatur mit einer Braille-Zeile unterhalb der Tastatur ermöglicht blinden Menschen das Lesen und Schreiben am PC. epd
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Eine spezielle Tastatur mit einer Braille-Zeile unterhalb der Tastatur ermöglicht blinden Menschen das Lesen und Schreiben am PC. epd

Digitalisierung

Barrieren im Studium

  • vonBrüggemann
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Wie können Blinde und Sehbehinderte ohne zusätzliche Hürden an der Online-Lehre partizipieren? Visuellen Präsentationen etwa können sie nicht folgen.

Anstelle von realen Vorlesungen oder Seminaren besuchen Studierende seit zwei Semestern unzählige Videokonferenzen, denn bei Präsenzveranstaltungen wäre während der Pandemie das Ansteckungsrisiko zu hoch. Doch Studierende haben teils ganz verschiedene Voraussetzungen, um an den digitalen Formaten teilzunehmen.

Für blinde und stark sehbehinderte Studierende bringt die Online-Lehre Verbesserungen, aber auch neue Hürden: „Neue Barrieren entstehen und andere lösen sich auf“, sagt Kai Kortus, Referent für Studierende mit Behinderung und chronischen Erkrankungen im Allgemeinen Student:innen-Ausschuss (Asta) der Philipps-Universität Marburg. Dort studieren etwa 150 blinde und sehbehinderte Menschen. Räumliche Barrieren spielten im Online-Studium zwar keine Rolle mehr, erläutert Kortus, dafür kämen aber andere hinzu.

Zu diesen neuen Barrieren gehören fehlende Raumwahrnehmung und kaum direkte Kontakte zu Kommiliton:innen und den Lehrenden. „Die direkte Interaktion fällt weg“, sagt Kortus. Und damit auch informelle Unterstützung von Mitstudierenden, die etwa vorlesen oder Tipps geben können. Auch deshalb hält Kortus den direkten Kontakt für wichtig. In Präsenz sei Kommunikation niedrigschwelliger und dadurch oft einfacher. „Der Aufwand miteinander zu kommunizieren steigt im Digitalen“, sagt der Asta-Referent. Und: Groß sei die Gefahr aufzugeben, etwa wenn E-Mails lange unbeantwortet bleiben.

Grundsätzlich seien gängige Videokonferenzsysteme wie Zoom, Bigbluebutton und Webex barrierefrei zugänglich. „Wie gut die Studierenden damit klarkommen hängt allerdings sehr von ihrer individuellen Technikaffinität ab“, sagt Kortus. Zoom sei für blinde Menschen am einfachsten zu bedienen. Damit ist er sich einig mit Marianne Preis-Dewey, der Geschäftsführerin des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS).

Digitale barrierefreiheit

Um Studierenden mit Behinderung ein barrierefreies digitales Studium zu ermöglichen, ist es hilfreich, folgende Punkte zu berücksichtigen:

Zu Beginn kann nach den Bedürfnissen der Studierenden gefragt werden sowie das Webkonferenzsystem und seine Funktionen erläutert werden. Dabei sollte man Geduld haben und auf Reaktionen warten.

Verwendete Dokumente, Präsentationen und Skripte vor der Veranstaltung für blinde und sehbehinderte Studierende barrierefrei zur Verfügung zu stellen, ist sinnvoll. Visuelle Darstellungen in Präsentationen sowie der Chatverlauf sollten bestenfalls auch verbal umschrieben werden. Zudem sollten Rückmeldungen verbalisiert und Personen mit Namen versehen werden.

Studierenden mit Hörbeeinträchtigung hilft es, Störgeräusche zu vermeiden, indem beispielsweise die Mikrofone der Teilnehmenden ausgeschaltet sind. Zudem schaltet die sprechende Person Kamera an. Verwendete Materialien vorher zur Verfügung stellen.

Aus der Handreichung „Barrieren in Online-Lehrveranstaltungen reduzieren – Empfehlungen für Lehrende“ der Philipps-Universität Marburg. prla

Bei Zoom sind laut Preis-Dewey die wichtigsten Funktionen über einfache Tastenkombinationen aufrufbar. Allerdings werde Zoom aus Datenschutzgründen oft nicht an Hochschulen genutzt, sagt die DVBS-Geschäftsführerin. Auch Microsoft Teams sei gut bedienbar.

Bei anderen Systemen sei es teils komplizierter. Mehrere Schritte seien nötig, um eine Aktion durchzuführen. Das kann dazu führen, dass blinde Studierende sich nicht interaktiv beteiligen können, da die Suche nach manchen Funktionen zu lange dauert. „Da ist die Abstimmung schon längst vorbei“, sagt Preis-Dewey. Nicht barrierefrei seien etwa Umfragen, Chats oder Meldefunktionen.

Präsentationen sind laut Kortus eine weitere Barriere. Blinde Studierende könnten visuellen Vorträgen nicht folgen. Kortus hat den Eindruck, dass diese in der Online-Lehre vermehrt eingesetzt werden und auch der Druck steigt, selbst visuelle Präsentationen zu erstellen. Zugleich ist die Partizipation erschwert. Beispielsweise sei es schwieriger nach Präsentationen Feedback und Reaktionen wahrzunehmen, sagt Kortus.

Damit digitale Barrierefreiheit vollständig erlangt wird, ist es laut Kortus notwendig, Lehrende und Studierende für das Thema zu sensibilisieren. Man müsse das „Kompetenzniveau der Dozent:innen und Studierenden anheben“, etwa durch Weiterbildungen und Leitfäden. Dazu gehört laut Preis-Dewey auch Wissen über das Erstellen barrierefreier Dokumente, die mit Sprachausgaben lesbar sind und so den Zugang zur Teilhabe vereinfachen. „Barrieren entstehen meistens aus Nachlässigkeit, sind aber keine Absicht“, erläutert Kortus.

Die Hochschulen in Hessen bemühen sich insgesamt, das digitale Studium barrierefrei zu gestalten, sagt Preis-Dewey. So gab es an der Universität Marburg beispielsweise eine Veranstaltung zu digitalem Empowerment, die im Sommersemester wiederholt wird. Außerdem gibt es verschiedene Netzwerke, die zu digitaler Barrierefreiheit arbeiten. Dazu gehört das Innovationsforum Barrierefreiheit der Goethe-Universität Frankfurt und der Technischen Hochschule Mittelhessen.

Die Digitalisierung der Lehre bringt laut Kortus auch Vorteile mit sich. Lehrmaterialien und Skripte werden nun selbstverständlich digital zur Verfügung gestellt. In dieser Form sind die Dokumente auch für blinde und sehbehinderte Studierende zugänglich. „Zu Kreidevorlesungen sollten wir nicht mehr zurückkehren, sondern digitale Materialien auf jeden Fall beibehalten“, sagt daher Kortus.

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