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„Fallen in Dornröschenschlaf“: Achtbeinige Tierchen altern nicht

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Von: Tanja Banner

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Die winzigen Bärtierchen sind ganz besonders robuste Geschöpfe.
Die winzigen Bärtierchen sind ganz besonders robuste Geschöpfe. © imago/blickwinkel

Bärtierchen sind besonders robuste Geschöpfe, die einen raffinierten Trick nutzen, um ihr Leben zu verlängern, wie eine neue Studie zeigt.

Stuttgart – Bärtierchen (Tardigrada) sind erstaunliche Geschöpfe: Die achtbeinigen Tierchen sind nur etwa einen Millimeter groß und können die extremsten Bedingungen überleben. Egal ob Trockenperioden, Kälteeinbrüche, Sauerstoffmangel oder starke Schwankungen im Salzgehalt des Wassers – die Tierchen sind äußerst robust und können jede dieser Situationen überstehen. Im Jahr 2008 hatte die europäische Raumfahrtorganisation Esa in einem Experiment nachgewiesen, dass Bärtierchen sogar im Vakuum des Weltraums überleben können. Möglicherweise existierten einige der kleinen Tierchen auch auf dem Mond.

Eine der spannendsten Eigenschaften der kleinen Tierchen ist jedoch, wie sie die extremen Situationen überstehen: Bei extremer Hitze und Trockenheit können die Tardigraden ihren Stoffwechsel fast komplett herunterfahren. Ihre Körper können dann einen großen Teil des Wassers verlieren, ohne Schaden davonzutragen – von Fachleuten wird dieser Prozess Kryptobiose genannt. Besonders faszinierend: In diesem Zustand altern die Bärtierchen nicht weiter und können lange Zeit überdauern. Diese sogenannte „Dornröschen“-Hypothese wurde von Forschenden bereits bestätigt. „Sie fallen in einen Dornröschenschlaf ohne zu sterben“, erklärt Ralph Schill von der Universität Stuttgart.

Gefrorene Bärtierchen altern nicht – wie „Dornröschen“

Unklar war jedoch bisher, ob die kleinen Lebewesen auch im gegenteiligen Extrem die Alterung einstellen – gilt die „Dornröschen“-Hypothese auch für gefrorene Bärtierchen, die sich in der sogenannten Kryobiose befinden? Dieser Frage widmet sich eine deutsch-südkoreanische Studie um Erstautorin Jessica Sieger von der Universität Stuttgart, die im Journal of Zoology veröffentlicht wurde. Um die Hypothese zu testen, wurde eine Gruppe mit mehr als 500 Tardigraden bei minus 30 Grad eingefroren, regelmäßig aufgetaut, gefüttert und wieder eingefroren. Dieses Muster wurde so lange wiederholt, bis alle Tierchen gestorben waren. Parallel dazu lebte eine Bärtierchen-Kontrollgruppe bei konstanter Raumtemperatur.

In ihrer Studie stellen die Forschenden fest, dass „die zeitweise gefrorenen Tardigraden doppelt so lang lebten wie die Kontrollgruppe“. Klammert man jedoch die Zeit aus, in der die erste Gruppe eingefroren war, dann hatten beide Gruppen sehr ähnliche Lebensspannen. In der eingefrorenen Gruppe überlebte das älteste Bärtierchen 94 Tage, in der Kontrollgruppe wurde das älteste Tier 93 Tage alt. „Bärtierchen halten also auch im Eis wie Dornröschen ihre innere Uhr an“, schlussfolgert Schill. „Dies ist der erste Nachweis, dass die ‚Dornröschen‘-Hypothese auf die Kryobiose zutrifft, das heißt, dass Bärtierchen im gefrorenen Zustand nicht altern“, schreiben die Forschenden in der Studie.

Tardigraden halten in inaktiven Perioden ihre innere Uhr an

„Während inaktiver Perioden bleibt die innere Uhr stehen und läuft erst wieder weiter, sobald der Organismus reaktiviert wird“, erklärt Schill in einer Mitteilung der Universität. „So können Bärtierchen, die ohne Ruheperioden normalerweise nur wenige Monate leben, viele Jahre und Jahrzehnte alt werden.“ (tab)

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