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Gastbeitrag

Der autonome Luftballon

Autonom ist nun alles und jedes: Wenn Worte einen Infarkt bekommen und nicht mehr gesunden. Der Gastbeitrag.

Autonomie boomt. Es ist kein Modewort, es ist ein Tatsachenbegriff. Zumindest scheint es so. Jüngst dachte der Mensch, er wäre autonom. Er allein. Und nun? Der Mensch wirft sich aus seinem Autonomietempel. Und hinter ihm her landen Freiheit, Würde, Einsicht und Verantwortung auf der Straße. Aber langsam. Bitte nicht in die moralische Falle tappen. Denn endlich, endlich gibt es das autonome Haus, den autonomen Supermarkt, das autonome Fahrzeug und die autonome Revolution.

Bei so viel Autonomie können allerorts Luftsprünge gemacht werden. Und werden auch. Aber es war doch zu viel an Bewegung. Denn nun stehen wir mitten in einem Kategorieninfarkt. Nicht nur das Gewebe von Autonomie ist aufgrund einer Gedankenunterversorgung untergegangen. Auch die Klarheit rund um Freiheit, Würde, Einsicht und Verantwortung ist getrübt und deren Wände verkalkt.

Nun zählt jede Sekunde. Wiederbeleben? Sterben lassen? Neues Leben einhauchen? Oder doch erst einmal durchatmen und Ruhe bewahren. Was ist mit den Kategorienpatienten rund um die Autonomie los? Wagen wir eine Diagnose. Wenden wir uns der Patientin „Autonomie“ zu. Achten wir auf die Wortbestandteile: auto-nomos, Selbst-gesetz(gebung). In unserer Tradition hat sich der Mensch diese Fähigkeit zugeschrieben: Das Ich kann mehr oder weniger frei agieren, kann im Laufe des Lebens immer autonomer und authentischer werden. Das geschieht nicht einfach so, der Mensch muss dafür doch etwas tun: schöpferisch mit sich umgehen, sich Schritt für Schritt aus Vorgaben befreien, in die er seit meiner Geburt eingewoben ist. Heißt also: lebenslang den geistig-emotionalen Horizont erweitern, sich öffnen und vertiefen.

Das ist alles andere als leicht und oft anstrengend und mühsam. Aber es lohnt sich. Zumindest wenn man es als ureigenste Aufgabe des Menschen ansehen will, zu reifen und möglichst zu dem zu werden, der man sein könnte.

Will man das? Achtet man auf die Sprache, deren Grenzen für Ludwig Wittgenstein die Grenzen der Welt sind, kann Sprache nun endlich ohne Grenzen auskommen. Autonom ist nun alles und jedes. Hauptsache, es bewegt sich, es macht etwas, es braucht niemanden. Autonom ist jetzt das Fahrzeug. Autonom der Pflegeroboter. Autonom das smarte Haus. Autonom ist, was nach Ursache-Wirkungsgesetz geschieht. Was maschinell lernen kann. Was algorithmengesteuert Ziele innerhalb eines Rahmens verfolgt.

Könnte man dann nicht auch den Luftballon für autonom halten? So wie er mühelos in den Himmel steigt? Oder die Kröte? So wie sie selbstbewusst über die Straße hüpft? Oder den Stein? So wie er dank eines Fußtrittes zielsicher im Gras landet? Zugegeben, wir reden von einem hergestellten Ding, einem Tier und einem Stück unbelebter Materie.

Aber aus welchem guten Grund sollten wir sie nicht ebenso für autonom halten wollen? Wir haben es selbst gesagt: Es sieht nur „so aus wie“. Wir übertragen menschliche Qualitäten auf Ding, Tier und Materie. Wir vermenschlichen munter und tun und sprechen so, als ob sie diese Eigenschaften hätten.

Und genau das geschieht zurzeit bei unserer informatischen Horizontverschmelzung. Das autonome Fahrzeug, der autonome Pflegeroboter und das smarte Haus bleiben maschinell gebundene Erzeugnisse des Menschen. Was wir für autonom halten, sind Simulationen und Imitationen.

Es sind Ergebnisse von Programmierungen und Algorithmisierungen. Es sind Maschinen im Rahmen ihrer mehr oder weniger starken Automatisierungen. Wie könnte man ihr ‚Handeln‘ bezeichnen? Wie könnte man das nennen, was da passiert und so aussieht wie? Mein Vorschlag: Wir könnten von Autonomatisierungen sprechen. Es bleibt die maschinelle Rückbindung – mit mehr oder weniger autonom aussehenden Anteilen.

Warum sollten wir nicht all diese sprachlichen Kategorienfehler begehen? Warum sollte der Unterschied zwischen Mensch und Ding und Maschine nicht hinfällig werden? Drehen wir gedanklich den Spieß doch einfach um. Im Jahr 2017 wurde offiziell erstmals einem androiden Roboter mit dem Namen „Sophia“ in Saudi-Arabien die Staatsbürgerschaft verliehen. Der weiblich aussehende Roboter hat nun nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte. Wie gut, könnte man meinen.

Was aber, wenn man von der Maschine aus auf Menschen Übertragungen vornimmt? Und wenn der Mensch seinen Pflichten nicht mehr nachkommen kann? Wenn die Ursache- und Wirkungsrationalität eines Roboters auf den Menschen angewendet wird? Wenn Funktionalität, Effizienz und Störfreiheit an erster Stelle unseres Wertesystems stehen? Eine Maschine, die nichts mehr taugt, wird durch eine bessere ersetzt. Ist das ein Modell, an dem wir uns prinzipiell orientieren sollten?

Und wollen wir dort, wo Pflichten und Rechte sind, auch künftig zwangsläufig Staatsbürgerschaften verleihen? Dann plädiere ich dafür, dass dem Blindenhund genauso die Staatsbürgerschaft verliehen wird wie all den anderen Tiere, denen wir Pflichten aufbürden, allen voran den Nutztieren, die die Pflicht haben, für unser leibliches Wohl zu sorgen.

Global betrachtet befindet sich die Menschheit dank digitaler Transformationen in einem grundsätzlichen Wandel. Das bietet ungeheure Chancen und Möglichkeiten. Aber wir stehen mitten in einem Kategorieninfarkt. Daran gibt es nichts zu rütteln. Wachen wir auf.

Stehen wir unseren bisherigen Kategorien zur Seite und arbeiten wir miteinander an kategorialen Transformationen, die zu den Produkten des technischen Fortschrittes passen. Sonst werden wir sprachlos und weltlos. Wir wissen dann nicht mehr, was wir sagen und denken. Und wir wissen nicht mehr, wer wir sein wollen. Wir gewinnen dann keine Welt, wir verlieren sie.

Die Autorin

Karen Joisten ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Kaiserslautern.

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