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Australiens Natur ist in „armseligem Zustand“

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Ein verletzter Koala sitzt nach den Buschfeuern David Mariuz/AAP/dpa
Ein Koala, der sich bei den Buschfeuern auf Kangaroo Island verletzt hat. © David Mariuz/dpa

Die neue Regierung legt einen schockierenden Umweltbericht vor. Viele Tierarten stehen vor dem Aus

Australien gilt schon seit Längerem als das Testlabor des Klimawandels. Chris Dickman, ein Forscher der Universität Sydney, nennt den Kontinent nicht umsonst gerne den „Kanarienvogel in der Kohlemine“, da er als einer der ersten und besonders deutlich zeigt, was die Welt erwartet, wenn die globalen Temperaturen in den kommenden Jahren weiter ansteigen. Ein Bericht, den die neue sozialdemokratische Regierung Australiens am Dienstag vorstellte, zeigt nun, wie drastisch sich die Umwelt des fünften Kontinents in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Die Natur sei in einem „armseligen und sich verschlechternden Zustand“, heißt es darin. Schuld daran sind neben dem Klimawandel Bergbau, Umweltverschmutzung, eingeschleppte Tierarten und Habitatsverluste. So wurden allein seit 1990 mehr als 6,1 Millionen Hektar Wald gerodet.

Australiens Umweltministerin Tanya Plibersek sparte dabei nicht mit Vorwürfen gegenüber der Vorgängerregierung. Diese hatte den Bericht anscheinend seit Dezember vorliegen, wollte ihn aber wohl nicht vor der Wahl im Mai veröffentlichen. Die frühere Umweltministerin habe sich dafür entschieden, den Bericht bis nach der Wahl „geheim zu halten“, sagte Plibersek in einer Ansprache vor dem National Press Club in Canberra. „Wenn Sie ihn lesen, werden Sie wissen, warum.“

Tatsächlich ist das Fazit schockierend: So sind sämtliche Ökosysteme auf dem Kontinent unter Druck geraten. 19 zeigen bereits Anzeichen eines Kollapses oder befinden sich kurz vor dem Kollaps. Inzwischen gibt es in Australien mehr nicht-einheimische Pflanzenarten als einheimische, die Zahl der als bedroht eingestuften Arten ist seit 2016 um acht Prozent gestiegen. Etliche Arten stehen bereits vor dem Aussterben. Dabei hat Australien schon jetzt mehr Säugetierarten verloren als jeder andere Kontinent.

Außerdem dokumentiert der Bericht einige besonders tragische Ereignisse: So haben Meereshitzewellen am Great Barrier Reef in den Jahren 2016, 2017 und 2020 Massenbleichen von Korallen verursacht. Erst im März dieses Jahres – und damit nach Fertigstellung des Berichts – wurde erneut eine Massenbleiche gemeldet. Junge Korallen sind zudem durch die zunehmende Ozeanversauerung gefährdet. 2018 tötete eine Hitzewelle 23 000 Flughunde, die tragischen Buschfeuer 2019/20 kosteten rund drei Milliarden Tiere das Leben und im Murray-Darling-Becken, Australiens größtem Flusssystem, wurden 2019 die bisher niedrigsten Wasserstände gemeldet. Aufgrund der extremen Trockenheit verendeten damals rund eine Million Fische.

In einem Begleitartikel im akademischen Magazin „The Conversation“ schrieben die Autor:innen des Berichts, dass sich die Intensität und Häufigkeit extremer Wetterereignisse in den vergangenen fünf Jahren gewandelt habe. So hätten Extremereignisse wie Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände, Stürme und Hitzewellen jeden Teil Australiens heimgesucht. „Saisonale Brandperioden werden länger.“ Im Bundesstaat New South Wales beispielsweise dauere die Buschfeuersaison jetzt fast acht Monate.

Die Hauptautorin des Berichts, Emma Johnston von der University of Sydney, sagte dem australischen Sender ABC, dass der größte Unterschied zwischen dem aktuellen Bericht und dem vorherigen aus dem Jahr 2016 darin bestehe, wie sehr der Klimawandel inzwischen die Umwelt schädige. „In früheren Berichten haben wir hauptsächlich über die Auswirkungen des Klimas in der Zukunftsform gesprochen“, sagte sie. In diesem Bericht dagegen gebe es einen starken Kontrast. Jetzt hätten sie die „weitreichenden Auswirkungen des Klimawandels“ bereits dokumentiert.

Die australische Umweltministerin sprach von einer „Umwelt in der Krise“, die das Ergebnis einer „Dekade der Untätigkeit und der bewussten Ignoranz“ sei. „Nach einem verlorenen Jahrzehnt, einem Jahrzehnt des Rückschritts, können wir keinen weiteren Tag verschwenden“, sagte Plibersek. Ihre Regierung will nun die Emissionen bis 2030 auf 43 Prozent unter das Niveau von 2005 senken und 30 Prozent der australischen Landfläche sowie 30 Prozent der Gewässer bis 2030 unter Schutz stellen. Kohlekraftwerke sollen aber trotzdem nicht früher stillgelegt werden. Letzteres betonte die Ministerin erneut. Nicht umsonst liegen etliche der neu genehmigten Kohleminen im Bundesstaat Queensland, der von einer sozialdemokratischen Ministerpräsidentin geführt wird.

Der Bericht brachte zudem die Ernsthaftigkeit der Lage zu Papier und nannte die Umweltzerstörung eine „Bedrohung für die Menschheit“. Es könne zu einem gesellschaftlichen Zusammenbruch mit lang anhaltenden und schwerwiegenden Folgen kommen.

Obwohl der Bericht die Lage mit besonders drastischen Worten schildert, ist er bei Weitem nicht die erste warnende Stimme: 2017 prophezeite eine Studie der Australischen Nationaluniversität in Canberra, dass Melbourne und Sydney sich bis 2040 auf Sommertage bis zu 50 Grad einstellen müssen, und das selbst, wenn das Klimaabkommen von Paris eingehalten werde. Zwei Jahre zuvor hatten auch die australische Forschungsagentur CSIRO und die nationale Wetterbehörde ein Horrorszenario gezeichnet: Der Klimawandel werde Australien deutlich heftiger treffen als den Rest der Erde, schrieben die Forschenden und prophezeiten Extremhitze im Outback, tote Korallen am Great Barrier Reef und überschwemmte Millionenstädte am Meer.

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