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Austern in der Zuchtanlage des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts auf Helgoland.

Naturschutz

„Königin der Meere“: Nach 100 Jahren kehrt die Auster wieder in die Nordsee zurück

Mit einer in Europa bislang einzigartigen Renaturierungsmaßnahme soll die Europäische Auster in der Nordsee wieder angesiedelt werden. Sie galt für fast 100 Jahre als nahezu ausgestorben. 

  • Die Europäische Auster galt in der deutschen Nordsee als ausgestorben.
  • Wissenschaftler haben im offenen Meer ein Schutzgebiet angelegt.
  • Die „europaweit erste Restaurationsmaßnahme für diese Art“ ist gelungen.

Einst regierte die „Königin der Meere“ ein Reich, das von der Nordsee über das Mittelmeer und das Schwarze Meer bis in den Atlantik vor der Küste Nordafrikas reichte. Doch dann wurde der Europäischen Auster der Appetit der Menschen auf ihr gräulich-glibberiges Inneres zum Verhängnis.

Schon in der Steinzeit ließen sich unsere Vorfahren die Schalenweichtiere regelmäßig schmecken. Und bereits im Mittelalter gehörten Austern zu den wichtigsten Fangobjekten der Fischerei, die von Segelschiffen aus mit speziellen Pflügen vom Meeresboden „geerntet“ wurden.

Nordsee: Die Europäische Auster galt als ausgestorben

Der wachsende Hunger auf die Delikatesse aus dem Meer blieb für die mehr als 200 Millionen Jahre alte Art nicht ohne Folgen: Seit 1930 gilt die Europäische Auster bis auf einzelne gesichtete Exemplare in der deutschen Nordsee als nahezu ausgestorben. Zusätzlich macht den Tieren die Konkurrenz durch die Pazifische Felsenauster zu schaffen, die durch Zuchtanlagen entkommen und ins freie Meer gelangt sind, wo sie sich zunehmend ausgebreitet haben.

Naturschützer versuchen seit längerem, die Europäische Auster wieder in der Nordsee heimisch zu machen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) und des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), ist es jetzt gelungen, im Naturschutzgebiet Borkum Riffgrund Austernriffe anzulegen. Es handelt sich nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz um „die europaweit erste Restaurationsmaßnahme für diese Art“ in einem Schutzgebiet im offenen Meer. Aufgrund eines Anstiegs der Wassertemperaturen breitet sich neue Arten in der Nordsee aus, zum Beispiel die aus dem Nordatlantik und dem Mittelmeer stammende Trapezkrabbe.

Nordsee: Austern filtrieren riesige Wassermengen

Borkum Riffgrund ist ein Offshore-Windpark in der Nordsee und beherbergt ein rund 625 Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet, das von einer großen Sandbank durchzogen wird. Die Austernriffe wurden 20 Seemeilen vor der Insel Borkum in etwa 30 Metern Tiefe auf dem Meeresboden angelegt. Sie sollen den Grundstein für eine „nachhaltige Wiederansiedlung“ der Europäischen Auster in der Nordsee bilden, wie es in einer Mitteilung des Bundesamtes für Naturschutz heißt. Das Projekt wird vom Bundesumweltministerium gefördert.

Austern übernehmen für das ökologische Gesamtgefüge der Nordsee wichtige Funktionen, erklärt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz: „Sie können nicht nur große Wassermengen filtrieren, sondern auch Riffe bilden.“ Solche sogenannten biogenen – heißt: von Lebewesen aufgebauten – Riffe seien heute in der Nordsee sehr selten. Dabei sind gerade sie besonders wertvoll: „Sie weisen eine besonders hohe biologische Vielfalt auf und haben damit eine große Bedeutung für den Meeresnaturschutz“, erläutert Beate Jessel.

Renaturierung in der Nordsee: Austernriff angelegt

Austernbänke gelten als „Hotspots der biologischen Vielfalt“, ist auch auf den Internetseiten des Bundes für Umwelt und Naturschutz BUND zu lesen. So nutzten viele Tiere und Pflanzen sie auf der Suche nach Schutz und Nahrung sowie als Laichgebiet und Kinderstube. Zudem besitzen die Austernbänke laut BUND eine hohe Reinigungsfunktion: „Eine Auster filtert pro Tag etwa 240 Liter Meerwasser, die Miesmuschel im Vergleich nur zirka 10 bis 20 Liter täglich“.

Die Europäische Auster gehört wie alle Austern zur Klasse der Muscheln. Ihr Gehäuse ist meist nahezu kreisrund, manchmal auch leicht elliptisch und hat eine bräunlich-graue Schale. Die Europäische Auster kann etwa zwölf bis 18 Zentimeter messen und – wenn sie nicht gefangen oder gefressen wird – ein Alter von bis zu 30 Jahren erreichen. Die Tiere sind Zwitter und wechseln mehrfach in ihrem Leben das Geschlecht. Europäische Austern leben bevorzugt in Küstengewässern mit bis zu 80 Metern Wassertiefe und einem festen Untergrund.

Die jetzt in der Nordsee ausgesetzten Austern stammen aus einer Zuchtanlage auf Helgoland, die das Alfred-Wegener-Institut 2018 mit dem Ziel der nachhaltigen Wiederansiedlung der Tiere in der deutschen Nordsee aufgebaut hat. Im Sommer wurden die Austern dann zu ihrer neuen Heimat gebracht. Ein Tauchteam setzte die Tiere direkt oder auf Kalksteinen und Sandsteinblöcken auf den Grund, zusammen mit der jeweiligen Unterlage sollen sie das „Pilotriff“ bilden.

Nordsee: Weitere Flächen zur Renaturierung der Europäischen Auster geplant

Projektleiterin Bernadette Pogoda vom Alfred-Wegener-Institut berichtet: „Wir haben trotz der Herausforderungen der Offshore-Bedingungen weit draußen mit Wind, Wellen und größeren Wassertiefen planmäßig Austernriffflächen mit jungen Austern unter Wasser im Borkum Riffgrund aufbauen können.“ Das sei „ein großer Erfolg“ und könne „schon in wenigen Jahren“ zu „wichtigen ökologischen Effekten“ in der Nordsee führen.

Künftig sollen noch mehr Flächen in der Nordsee angelegt werden. Vorher wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber erst einmal beobachten, auf welchen Unterlagen sich die Europäischen Austern am besten entwickeln. Diese Erkenntnisse sollen dann bei der weiteren Ansiedlung berücksichtigt werden.

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