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Stefan Oschmann von Merck (links) Pardis Sabeti und James Crowe. Merck

Neuer Forschungspreis

Der Ausbreitung von Seuchen vorbeugen

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Eine Systembiologin und ein Immunologe aus den USA erhalten den ersten „Futre Insight Prize“ des Darmstädter Pharmakonzerns Merck

Rasend schnell hat sich Ebola ausgebreitet, nachdem im Frühjahr 2014 die erste Infektion in einem Dorf im westafrikanischen Guinea aufgetreten war. Nach wenigen Monaten hatte die Seuche die Nachbarländer Liberia und Sierra Leone, im August auch Nigeria und den Senegal erreicht. Als die Epidemie Anfang 2016 für beendet erklärt wurde, waren bis dahin mehr als 10 000 Menschen gestorben und insgesamt knapp 30 000 erkrankt gewesen. Es gab Zeiten, da hatte man geglaubt, dass Infektionskrankheiten – einst die Haupttodesursache auch in unseren Breiten – bald ihren Schrecken verlieren würden. Das war in jenen Jahren, als immer mehr Impfstoffe entwickelt und die Antibiotika entdeckt wurden. Doch die Hoffnung trog.

Pandemien, also Epidemien, die sich nicht nur auf einen Land erstrecken, sondern sogar auf andere Kontinente übergreifen, sind eine der großen Herausforderungen der Medizin – gerade heute, da man mit dem Flieger binnen Stunden große Distanzen überwinden kann. Wie nach dem Auftreten einer Infektionskrankheit der Erreger schnell identifiziert, die Patienten geheilt, eine weitere Ausbreitung gestoppt und so eine Pandemie verhindert werden kann – darum ging es beim ersten „Future Insight Prize“, den das Chemie- und Pharmaunternehmen Merck ins Leben gerufen hat.

Gestern wurden im Innovationscenter des Stammwerks in Darmstadt die ersten beiden Preisträger ausgezeichnet. Es sind Pardis Sabeti, Professorin für Systembiologie an der Harvard University und der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Cambridge, und James Crowe, Direktor des Vanderbilt Vaccine Center am Vanderbilt University Medical Center in Nashville. Sie erhielten den Preis für ihre Forschungsarbeit, die jeweils den Grundstein für die spätere Realisierung eines „Pandemic Protectors“, eines Schutzes vor Pandemien, legen könnte, wie es in der Begründung für die Wahl der Preisträger heißt. Beide wurden von einer unabhängigen 40-köpfigen Jury ausgewählt. Der „Future Insight Prize“ ist mit einer Million Euro dotiert (das ist höher als der Nobelpreis mit 870 000 Euro), er geht zu gleichen Teilen an die Institute der beiden ausgezeichneten Wissenschaftler, wo er in die weitere Forschung investiert wird.

Pardis Sabeti hat die verheerende Lage in Westafrika selbst miterlebt, als dort das Ebolafieber wütete. Bei Untersuchungen des Virusgenoms stellte sie fest, wie schnell Veränderungen im Erbgut des Erregers zu erkennen waren. Eine hohe Mutationsrate – sie ist typisch für sogenannte RNA-Viren, zu denen auch´der Ebola-Erreger gehört – erschwert die Behandlung. Sabetis Ansatz ist es, eine Gentechnologie zu entwickeln, mit der sich ein möglichst breites Spektrum an Infektionskrankheiten nachweisen und behandeln lässt. Und vor allem soll dieses Werkzeug nicht nur bekannte Viren erkennen und angreifen, sondern auch bei neu auftretenden anwendbar sein.

James Crowe beschäftigt sich vor allem mit viraler Immunologie und mit Antikörpern. Sein Ziel ist es, wichtige Mechanismen der Immunantwort zu entschlüsseln und auf dieser Basis neue Therapeutika und Impfstoffe zu entwickeln. Er konzentriert sich insbesondere auf humane monoklonale Antikörper, die gegen Ebola-, Dengue-, Zika- und Marburg-Viren wirken sollen. Crowe arbeitet dabei an einer neuen Technologie, die es ermöglichen soll, binnen weniger Wochen einen neutralisierenden Antikörper gegen bedrohliche, bis unbekanne Viren zu erzeugen. Außerdem entwickelt sein Labor eine Reihe von Antikörper-Kandidaten gegen verschiedene Arten möglicherweise neu auftretender Viren aus bekannten Virenfamilien. Die finanzielle Unterstützung durch das Preisgeld werde die Entwicklung erheblich beschleunigen, freute sich der Forscher.

Die Arbeit von Sabeti und Crowe sei ein Beleg dafür, „dass Wissenschaft eine Kraft sein kann, die Gutes bewirkt und einen bedeutenden sowie nachhaltigen Beitrag zum Fortschritt der Gesellschaft leisten kann“. sagte Stefan Oschmannn, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck. Den Schutz vor Pandemien sieht er als extrem dringlich an: weil es zuerst und besonders hart die Verletzlichsten treffe, die Menschen in den armen Ländern, weil durch den Klimawandel Hitzewellen und Überflutungen zunehmen und vielen Krankheitserregern gute Bedingungen schaffen würden, weil durch die Globalisierung auch Viren rund um die Welt reisen und nicht zuletzt, weil man Terror mit biologischen Waffen befürchten müsse. Einen Pandemie-Protector zu entwickeln sei deshalb „ein Muss“.

Nicht das einzige Muss: In den nächsten Jahren soll es beim „Future Insight Prize“ um weitere große Probleme gehen, als nächstes um Mittel gegen Antibiotika-Resistenzen, um die Ernährung der Weltbevölkerung und um Produkte, die CO2 binden können. Keines der prämierten Projekte, so betont man bei Merck, stünde in Verbindung mit einem der Unternehmerbereiche. Man sehe es „unsere Verantwortung als Technologiekonzern an“, daran mitzuarbeiten, diese Probleme in den Griff zu kriegen, erklärte Oschmann. Weitere Themen werden hinzukommen, denn das 1668 gegründete und somit älteste pharmazeutisch-chemische Unternehmen der Welt will den „Future Insight Prize“ über die kommenden 35 Jahre jährlich vergeben.

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