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Aus Liebe zum Nachhaltigen

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Die Biodiversität im Amazonas-Gebiet ist bedroht. Für den jüngst verstorbenen Forscher Thomas E. Lovejoy war es ein wichtiger Ort.
Die Biodiversität im Amazonas-Gebiet ist bedroht. Für den jüngst verstorbenen Forscher Thomas E. Lovejoy war es ein wichtiger Ort. © Getty Images

Wie die Forscher Thomas E. Lovejoy und Edward O. Wilson die Biologie geprägt haben. Ein Gastbeitrag von Reinhard Loske.

Kürzlich sind zwei herausragende Vertreter der biologischen Forschung gestorben: Thomas E. Lovejoy, von der Naturschutzwelt liebevoll als „Godfather of Biodiversity“ bezeichnet, im Alter von 80 Jahren in McLean, Virginia, und Edward O. Wilson, wegen seiner bahnbrechenden Forschungsergebnisse zur Biogeographie von Inseln und zur sozialen Kommunikation von Insekten nicht selten als „Darwins natürlicher Erbe“ verehrt, im Alter von 92 Jahren in Burlington, Massachusetts.

Wilsons entomologische Doktorarbeit an der Harvard University und die Nachfolgestudien führten ihn seit den 1950er Jahren nach Kuba, Mexiko und später in den Südpazifik, wo er etliche neue Ameisenarten beschrieb und katalogisierte. Wilsons Arbeiten zur Biogeographie von Inseln, in denen er Zusammenhänge zwischen Arealgrößen und Artenzahlen beschrieb und analysierte, ließen sich zu guten Teilen auch auf das Festland übertragen und bildeten so eine wichtige Grundlage für die Bestimmung notwendiger Mindestgrößen von Naturschutzgebieten. Diese Areale gelte es, so Wilson, konsequent vor Zerschneidung und wirtschaftlicher Erschließung zu bewahren. In den letzten Jahren machte sich Wilson mit seiner „Biodiversity Foundation“ zur treibenden Kraft des „Half-Earth“-Konzeptes, das die Hälfte der Erde an Land und auf See ganz von menschlicher Nutzung freihalten will.

Lovejoy befasste sich in seiner Doktorarbeit an der Yale University 1971 mit der Ökologie von Vögeln im Amazonasgebiet. Über 50 Jahre forschte Lovejoy hier nicht nur zu ornithologischen Fragen, sondern auch zu den ökologischen Folgen der Zerschneidung und Zerstörung. Im Interview mit einem brasilianischen Wissenschaftsmagazin beschrieb er 2015 das Kennenlernen Amazoniens wie eine paradiesische Erfahrung, die seine Weltsicht gründlich verändert habe: „Der Amazonas ist einer der wichtigsten Orte der Welt, für die man sich einsetzen kann.“

Anders als in Deutschland, wo Naturschutz und Klimaschutz oft unfruchtbar als Gegensätze diskutiert werden und die jeweiligen Fach-Communities nur wenig verzahnt sind, haben Lovejoy und Wilson schon in den frühen 1990er Jahren auf die katastrophalen Folgen des menschgemachten Klimawandels für die biologische Vielfalt hingewiesen. Neben der Zerstörung, Fragmentierung und Übernutzung der Landschaft sowie der Umweltverschmutzung sei die Erderwärmung die Hauptursache für den Artenschwund, der im Falle des Nichthandelns verheerende Ausmaße annehmen werde. Umgekehrt sei der Schutz von Wäldern, Böden und Feuchtgebieten eine der besten Möglichkeiten, das lokale wie das globale Klima zu schützen. Sowohl für die Empfehlungen des Weltklimarats IPCC als auch für die des Weltbiodiversitätsrats IPBES bilden die Arbeiten von Lovejoy und Wilson wichtige Grundlagen.

Überhaupt sind die Fußabdrücke dieser beiden frühen Scientists for Future in den politischen und gesellschaftlichen Debatten der vergangenen Dekaden erheblich. Wilson etwa verstand unter Öffentlichkeit nicht nur die wissenschaftliche Fachöffentlichkeit, sondern richtete sich in seinen vielen Publikationen mit sprachlicher Eleganz und guter Allgemeinverständlichkeit auch immer wieder an ein breites Publikum. Auch für Lovejoy war das Publizieren immer zugleich Kommunikation mit der Gesellschaft, wobei er oft als Teamspieler auftrat, etwa bei der Herausgeberschaft der großen Bände zum Zusammenhang von Erderwärmung und Biodiversität, in denen er die weltweit besten Expert:innen zum Thema versammelte.

Wilson und Lovejoy waren zeit ihres Berufslebens auch mit berechtigter sowie unberechtigter Kritik konfrontiert. Wilsons Thesen zur Soziobiologie aus den 1970er Jahren, die von einem Zusammenhang von genetischer Ausstattung und sozialen Verhaltensweisen ausgehen, wurden als „biologistisch“ attackiert. Sie seien eine unzulässige Übertragung von Beobachtungen aus dem Tierreich in die Welt der Menschen und spielten implizit den Wert von Erziehung, Bildung und Kultur für das Sozialverhalten herunter. Dabei hatte der passionierte Lehrer Wilson lediglich festgestellt, dass die genetische Ausstattung eines Lebewesens einen kleinen Teil seines Verhaltens bestimme, welcher anzuerkennen sei. Der wahre Erfolgsfaktor der Evolution sei aber die Vernetzung und Kommunikation.

Auch Wilsons „Half-Earth“-Konzept erfährt heute Kritik. Von der religiösen Rechten wird ins Feld geführt, dass es für die Menschheit um den biblischen Auftrag gehe, sich die Erde untertan zu machen und nicht darum, sie zur Hälfte ungenutzt zu lassen. Eher links wird argumentiert, das Konzept gehe von einem negativen Menschenbild aus, das nur in den Kategorien des Schadens denke und nicht erkenne, dass der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur im Rahmen einer sozial-ökologischen Transformation gerecht umzugestalten sei.

Ganz gleich, wie man sich selbst zur Soziobiologie oder zur „Half-Earth“-Idee, zum Konzept der „Debt for Nature Swaps“ oder der These von der Corona-Pandemie als Folge mangelnden Respekts vor der Wildnis positionierte, so ließ sich doch stets sagen, dass die damit einhergehenden kontroversen Diskussionen fruchtbar waren und zu einem Erkenntnisgewinn für die Gesellschaft geführt haben.

Reinhard Loske, Jahrgang 1959, beteiligt sich seit den 1980ern am Nachhaltigkeitsdiskurs, als Forscher, Universitätsprofessor, Politiker, Publizist und Berater.

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