Erblindung droht

Exotische Mücke löst Augeninfektion aus: In Deutschland steigt die Zahl der Erkrankten

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Mückenstiche als Ursache: In Deutschland treten zunehmend Infektionen auf, die in hiesigen Breiten bisher nicht vorkamen. Falsch behandelt droht Erblindung.

  • Eingewanderte exotische Mücken wie die Tigermücke verbreiten bisher in Deutschland nicht übliche Krankheitserreger.
  • Oft werden die Symptome nach Mückenstichen falsch gedeutet und Infektionen falsch oder zu spät behandelt.
  • Im schlimmsten Fall droht unter anderem eine Erblindung, wenn nicht oder nicht rechtzeitig richtig behandelt wird.

Frankfurt - Wenn das Auge rot und geschwollen ist, tränt, brennt und bei jedem Lidschlag kratzt, denkt man als Erstes meist an eine Bindehautentzündung, ausgelöst durch Zug, einen grippalen Infekt oder einen Fremdkörper. Doch die Ursachen können auch anderer, gefährlicherer Natur sein: Zunehmend treten in Deutschland entzündliche Augeninfektionen auf, die auf Erreger zurückzuführen sind, die in unseren Breiten entweder bislang noch nicht oder aber lange nicht mehr vorgekommen sind. Das Tückische: Auf den ersten Blick sind sie oft nur schwer von anderen Erkrankungen zu unterscheiden, falsch oder gar nicht behandelt können sie jedoch zu bleibenden Sehschäden bis hin zur Erblindung führen.

Die Tigermücke ist aus Asien eingewandert und verbreitet gefährliche Krankheitserreger und Infektionen

Der Klimawandel trägt Schuld daran, dass exotische Mücken und Krankheitserreger und Infektionen nach Deutschland einwandern konnten

Die Gründe für die Ausbreitung der exotischen Erreger liegen im Klimawandel, dem weltweiten Reiseverkehr und der Migration. Beim Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft am kommenden Wochenende sollen die neuen Augeninfektionen in Deutschland ein wichtiges Thema sein. Denn auch viele Augenärzte sahen sich bisher noch nie mit diesen Krankheitsbildern konfrontiert – insbesondere dann, wenn sie nicht in einer großen Universitätsklinik, sondern in einer niedergelassenen Praxis arbeiten.

„Bisher kannte man in Deutschland als infektiöse Ursache von Augenerkrankungen vor allem Herpes und Toxoplasmose“, sagt Carsten Heinz, Professor für Augenheilkunde und leitender Arzt am Augenzentrum des St. Franziskus-Hospitals Münster: „Plötzlich hat man es mit Infekten zu tun, von denen wir vorher nie in dieser Region der Welt gehört haben.“ Zu diesen „neuen“ Erkrankungen gehören Augenleiden, die von bestimmten Viren ausgelöst und von Insekten übertragen werden. Die wärmeren Sommer und milderen Winter haben die Tigermücke bis nach Südeuropa gebracht, auch in Deutschland ist das ursprünglich in Afrika und Südostasien beheimatete Insekt inzwischen mehrfach aufgetaucht; es ist zu befürchten, dass es vor allem in südlichen Regionen der Bundesrepublik „sesshaft“ werden könnte.

Tigermücken verursachen unter anderem Infektionen mit dem Dengue-Fieber, Chikungunya, dem West-Nil- und dem Zika-Virus

Tigermücken können mehrere Krankheiten übertragen: das Dengue-Fieber, Chikungunya, das West-Nil- und das Zika-Virus. Diese Erreger verursachen Erkrankungen, die den ganzen Körper betreffen und auch mit einer Entzündung im Auge einhergehen können, erklärt Carsten Heinz. Die Anzeichen einer solchen viralen Augeninfektion reichen von einer leichten Entzündung im vorderen Teil des Auges mit Druckgefühl und einer vorübergehenden Rötung bis hin zu einer schweren Netzhaut- und Aderhaut-Infektion, die zu einem dauerhaften Verlust der Sehkraft führen kann. „Weil die Erkrankung in unseren Breitengraden so selten vorkommt, liegt die Herausforderungen für Augenärzte in der raschen Diagnose“, sagt der Mediziner. Diese zu stellen, ist allerdings nicht ganz einfach: „Das Auge besitzt nur wenig Möglichkeiten, um zu zeigen dass es Probleme hat. Man sieht als Arzt zunächst einmal vor allem rote Augen oder der Patient bemerkt nur leichte Veränderungen des Sehens. Dahinter kann alles Mögliche stecken, vom Fremdkörper bis zu einer schweren Erkrankung.“

Betroffen von einer viralen Augenentzündung nach dem Stich einer Tigermücke seien bislang vor allem Reiserückkehrer und Menschen mit Migrationshintergrund. „Neben der Untersuchung ist daher das Gespräch mit dem Patienten, die Anamnese, entscheidend“, erklärt der Mediziner. Menschen, die unter solchen Beschwerden leiden, rät er, ihren Augenarzt oder ihre Augenärztin deshalb über ihr Herkunftsland oder kürzliche Reisen zu informieren.

Häufig werden Symptome nach Mückenstichen falsch gedeutet und Infektionen zu spät erkannt

Die exotischen Viruserkrankungen machen anfangs häufig ähnliche Beschwerden wie ein grippaler Infekt, „die Augenproblematik kommt dann zeitverzögert hinzu“, erklärt Heinz. „Anfangs sind die Symptome häufig so mild, dass sie oft nicht wahrgenommen werden.“ Ohne Behandlung jedoch können die Erreger über die Blutbahn bis ins Auge vordringen: „Die Netzhaut gehört zum Gehirn und auf jeden Fall bleibt das, was durch den Infekt dort zerstört wird, für immer verloren.“ Wie bei vielen Viruserkrankungen gibt es auch für die von der Tigermücke übertragenen Infektionen bislang keine ursächliche Therapie, es können nur die Symptome behandelt werden. Mit Kortison-Präparaten lasse sich die Entzündung eindämmen und eine dauerhafte Minderung der Sehkraft verringern oder verhindern, sagt Carsten Heinz. Allerdings sei es unbedingt erforderlich, eine bakterielle Ursache der Entzündung sicher auszuschließen, denn in diesem Fall wäre Kortison kontraproduktiv.

Zu den Auslösern bakterieller Infektionen des Auges zählen auch Chlamydien. In unseren Breiten sind die Mikroorganismen vor allem als sexuell übertragbare Verursacher von Beschwerden im Intimbereich bekannt. Doch in Afrika kommt auch ein Chlamydientyp vor, der sich in Form einer schwer vernarbenden Bindehautentzündung zeigt. Menschen können sich damit über den direkten Kontakt mit infizierter Tränenflüssigkeit anstecken, in Afrika sind aber auch Fliegen, die ins Auge gelangen, Überträgerinnen.

Tuberkulose kann sich in Form einer Entzündung der Aderhaut auch an den Augen zeigen

Die Erkrankung äußert sich laut Carsten Heinz mit tränenden und geröteten Augen, „das Lid dreht nach innen, wodurch die Wimpern ständig im Auge kratzen und eine permanente Entzündung verursachen“. Werde ein solches Trachom rechtzeitig erkannt, helfe die Gabe von Antibiotika. „Im fortgeschrittenen Stadium kann allerdings eine Operation erforderlich werden, um Erblindung durch kratzende Wimpern zu verhindern.“ Anders als andere Infektionen durch Chlamydien geht diese Form nicht auf die Geschlechtsorgane über.

Eine Verbesserung der Lebensbedingungen und hygienischen Verhältnisse hat nach Ende des Zweiten Weltkriegs dafür gesorgt, dass die Lungenerkrankung Tuberkulose in West- und Südeuropa kaum noch eine Rolle spielt. In anderen Teilen der Welt allerdings ist die Erkrankung noch verbreitet; die Tendenz ist dort eher sogar steigend. Was vielen Menschen nicht bekannt sein dürfte: Eine Tuberkulose kann sich in Form einer Entzündung der Aderhaut auch an den Augen zeigen. Durch Migration aus Risikogebieten, zu denen unter anderem Rumänien, Bulgarien, Russland oder Afghanistan zählen, würden Ophthalmologen die Augen-Tuberkulose wieder häufiger sehen, berichtet Carsten Heinz. Die Erkrankung wird durch Tröpfcheninfektion übertragen und führt ohne Therapie zur Erblindung. Behandelt wird die Augen-Tuberkulose mit Tuberkulostatika, speziellen Antibiotika, die gegen Tuberkulose eingesetzt werden.

Klimawandel und weltweite Mobilität werden das Spektrum infektiöser Augenkrankheiten weiter verändern

Hans Hoerauf, Direktor der Augenmedizin der Universitätsklinik Göttingen und Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft, rechnet für die Zukunft damit, „dass Klimawandel und weltweite Mobilität das Spektrum der infektiösen Augenerkrankungen vermutlich noch weiter verändern werden“. (Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © James Gathany/CDC

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