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Kinderrechte

„Auf die Vielfältigkeit aufmerksam machen“

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Irene Sikora-Joves, Leiterin eines Frankfurter Kinderzentrums, spricht im Interview über selbstbewusste Mädchen und warum Jungs sich nicht trauen zu weinen.

Frau Sikora-Joves, Sie haben schon viele Kinder aufwachsen sehen. Sind Mädchen heute selbstbewusster als noch zu Ihrer eigenen Jugendzeit?

Ja, sie trauen sich mehr zu und sind selbstständiger. Mädchen kennen ihre Möglichkeiten gut. Oft wissen sie, was sie später werden möchten. Es gibt weniger Grenzen als früher.

Gibt es in den Köpfen immer noch althergebrachte Rollenmuster? Wie machen sich diese bemerkbar?

Für Irene Sikora-Joves sind Kinderrechte immens wichtig.

Das zeigt sich in bestimmten Geschlechterstereotypien, wenn etwas als typisch männlich oder weiblich gilt. Man bekommt zu hören: ,Mein Vater kocht nicht‘ oder ,Frauen können das nicht‘. Je mehr Vorbilder Kinder in ihrem Umfeld haben, desto besser können sie sich vorstellen, dass Frauen und Männer gleichermaßen verschiedene Rollen ausfüllen können. Die Grundlage legen zunächst die Eltern, aber auch Erzieher*innen oder später Lehrer*innen können Modelle sein. Viel wird dabei im Alltag und in zugeneigten Beziehungen transportiert.

Für Sie fängt Gleichberechtigung bei den Kinderrechten an. Warum?

Die Kinderrechte sind für unsere Arbeit grundlegend. Kinder- und Frauenrechte sind Menschenrechte. Es ist schade, dass man das überhaupt betonen muss, aber das Problem ist erkannt. Regeln und Gesetze sind hierbei sehr wichtig, aber unser Leben verläuft prozesshaft. Indem man miteinander lebt, miteinander arbeitet und miteinander lernt, sollten sich Formen entwickeln, die dann über viele Jahre weitergetragen werden.

Kinderrechte: Jungen glauben, nicht weinen zu dürfen

Wie setzen Sie die Kinderrechte konkret in der Praxis um?

Bereits Kinder können respekt- und friedvoll miteinander umgehen und auch Konflikte untereinander austragen. Kinder sollen einschätzen lernen, wenn der andere sauer, geschockt oder frustriert ist. Und sie sollten sich gewertschätzt fühlen. Es ist wichtig, dem Kind nicht zu vermitteln, dass seine Meinung blöd ist, sondern darüber zu sprechen, wie man noch darüber denken und wie man das lösen kann. Kinder lernen schon im Morgenkreis, ihre Stimme zu nutzen. Sie können den Erzieherinnen immer alles sagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt oder wenn sie etwas nicht möchten. Wir beziehen alle Kinder mit ein. Meine Frage als Leitung ist immer: ,Was sagen die Kinder dazu?‘ Wir sammeln dann beispielsweise die Vorschläge auf einer Flipchart und dann wird abgestimmt. Das Recht auf Gesundheit und Unversehrtheit allerdings schließt manches aus.

Zur Person

Irene Sikora-Joves, 60 Jahre, leitet seit zwölf Jahren das Kinderzentrum Eulengasse in Frankfurt-Bornheim. Aktuell werden dort 52 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren sowie Hortkinder bis zum Alter von elf Jahren betreut. Seit mehr als 40 Jahren arbeitet die Diplomsozialpädagogin mit jungen Menschen, unter anderem war sie in der offenen Kinder- und Jugendarbeit tätig. 

Haben Sie auch mit Diskriminierung zu tun?

An solch gravierende Fälle kann ich mich nicht erinnern, aber natürlich sprechen wir bereits Zwischentöne an. Oft ist ein Thema, dass Jungen glauben, nicht weinen zu dürfen. Wir legen Wert darauf, dass Kinder ihre Gefühle spüren, dass sie merken, was sie traurig oder sauer macht, und das dann auch so formulieren. Es geht darum, früh zu lernen, gute Beziehungen zu führen, mit den Nachbarn in Frieden zu leben und gut im Team zu arbeiten.

Kinder übernehmen sehr schnell Vorurteile aus der Erwachsenenwelt. Was tun Sie dagegen?

Wir gehen in den Dialog. Außerdem gibt es wunderbare Kinderbücher zum Thema. Unbekanntes löst bei Kindern oft Verunsicherung aus. Wir versuchen, Kinder auf die Vielfältigkeit aufmerksam zu machen oder ihnen zu sagen, dass wir es schön oder spannend finden oder dass es Sinn macht, wenn andere Menschen etwas ganz anders machen als man selbst. Deshalb gehen wir unter anderem in Museen mit den Kindern, damit sie sehen, wie Menschen früher gelebt haben und sich als Ausdruck ihrer Persönlichkeit unterschiedlich zeigen. Als Pädagogen akzeptieren wir die Herkunft der Kinder, ihre Lebenswelt und ihre Familienmodelle. Alle Menschen sind gleichberechtigt.

Kinderrechte: Die Rollen können sich noch verändern

Ab welchem Alter kann man Kinder für das Thema überhaupt sensibilisieren?

Das geht immer, von Anfang an. Ob der Vater den Säugling wickelt oder in den Arm nimmt, hat etwas damit zu tun, welche Rollen Kinder kennenlernen. Und kleine Kinder wissen schon ganz früh mit eineinhalb Jahren, ob sie ein Junge oder Mädchen sind. Die Rollen sind noch nicht festgelegt und können sich auch noch verändern.

Oft wird beklagt, dass nur wenige Männer den Erzieherberuf ergreifen. Wie stehen Sie zu der Frage?

Das ist kein Manko, denn ich finde, das hat viel mit der Person zu tun, auch wenn ein Mann keine Frau ersetzen kann und umgekehrt. Bei uns im 14-köpfigen Team arbeitet ein Mann, aber im Vordergrund steht für mich der Umgang mit Kindern – und aus meiner Sicht kann eine Frau genauso gut und frei einen Jungen erziehen wie ein Mann und umgekehrt. Wenn wir vorleben, dass Männer und Frauen ihre zugewiesenen Rollen auch anders oder gegenläufig gestalten können, kommt das bei den Kindern an. Auf Dauer werden sich so Männer- und Frauenbilder weiter verändern.

Interview: Franziska Schubert

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