1. Startseite
  2. Wissen

Wien wappnet sich gegen Hitzewelle: Kältezonen sollen Schutz bieten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jörg Staude

Kommentare

Die Stadt Wien will bestehende Räumlichkeiten als Kältezonen nutzbar machen.
Die Stadt Wien will bestehende Räumlichkeiten als Kältezonen nutzbar machen. © Alexander Spatari/Getty Images

Trotz zunehmender Hitzewellen gibt es im öffentlichen Raum kaum Schutz für Hilfebedürftige. Wien möchte das ändern und richtet „Cooling Zones“ ein.

Wien – Die große Gluthitze hat Wien in den letzten Tagen verschont. Auf „nur“ 34 Grad Celsius war das Thermometer gestiegen. Für die Wiener Stadtverwaltung ist Hitze die am deutlichsten spürbare Folge des Klimawandels. Belastend sind besonders die immer häufigeren und längeren Hitzewellen, bei denen es mehrere Tage in Folge tagsüber heiß ist und sich in der Nacht kaum abkühlt – so erläutert es die Bereichsleitung für Klimaangelegenheiten der Stadt Wien. Zudem mache sich gerade in den dicht bebauten innerstädtischen Bezirken der Wärmeinseleffekt bemerkbar, heißt es bei den städtischen Klimaexpert:innen. Dort sind die Temperaturen zum Teil deutlich höher als am Stadtrand oder im Umland.

Auch in Wien sind „vulnerable“ Gruppen besonders betroffen: ältere und sozial isoliert lebende Menschen, Pflegebedürftige und Menschen mit chronischen oder psychischen Erkrankungen, Schwangere und Kleinkinder. „Nicht jeder kann sich einen Swimmingpool am Dach leisten oder ans Meer fliegen, um sich abzukühlen“, sagte Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky Anfang Mai, als er den Wiener Hitzeaktionsplan vorstellte.

Wien gegen die Hitzewelle: Bestehende Räumlichkeiten sollen für „Cooling Zones“ genutzt werden

Einer der fast 30 Punkte des Plans sind sogenannte „Cooling Zones“. In der Hitzewelle könnten viele Wohnungen nicht mehr ausreichend gekühlt und vor allem für verletzliche Bevölkerungsgruppen zur Hitzefalle werden, begründen die Wiener Fachleute die Maßnahme. Es sei wichtig, kühle Räume zu schaffen oder zu adaptieren, um diesen Menschen eine Möglichkeit zu geben, einige Stunden im Kühlen zu verbringen.

Nutzbar für die „Cooling Zones“ sind den Wiener Klimaexpert:innen zufolge bestehende Räumlichkeiten wie die Volkshalle im Rathaus, Shoppingcenter, Schulen oder Universitäten. Mit kleineren Investitionen könnten soziale Einrichtungen auch bei Kühlungsmaßnahmen unterstützt werden, etwa der Einrichtung von Verschattungssystemen, passiver Klimatisierung oder Begrünungen. So entstünden dann kühle Räume zur öffentlichen Nutzung.

Gerade läuft in der österreichischen Hauptstadt eine Erhebung geeigneter Räume. Diese sollen dann auf einer Karte dargestellt werden und mit der Smartphone-App „Cooles Wien“ aufrufbar sein. Die Stadt denkt auch daran, wie Hilfebedürftige zu den „Cooling Zones“ kommen. In der Prüfung sind Shuttledienste zu den kühlen Räumen oder verbilligte oder gar kostenlose Wiener-Linien-Tickets.

Hitzewelle in Wien: Bundesumweltministerium fordert Anpassungen an den Klimawandel

Seit die Hitzewelle Deutschland im Griff hat, gibt es hierzulande von den Kommunen Hitze-Tipps en masse. Man solle sich am besten in klimatisierten Kaufhäusern, Supermärkten oder Discountern aufhalten, heißt es – man müsse ja nichts kaufen. Die Stadt Mannheim wird inzwischen dafür gelobt, dass sie seit letztem Jahr über einen Hitzeaktionsplan verfügt. Dieser warnt etwa davor, Wohnungslose von schattigen öffentlichen Plätzen zu vertreiben, und fordert dazu auf, ihnen bei Hitzewellen den Aufenthalt in öffentlichen Gebäuden zu gestatten.

Speziell für „vulnerable“ Gruppen eingerichtete öffentliche Räume gibt es in Deutschland offenbar noch nicht. Dabei veröffentlichte bereits im März 2017, also vor fünf Jahren, das Bundesumweltministerium Empfehlungen einer Bund-Länder-Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Gesundheitliche Anpassung an die Folgen des Klimawandels“ und riet den Kommunen, „Cooling Centres“ einzurichten – öffentliche kühle Räumlichkeiten in Behörden, Einkaufspassagen, Kirchengebäuden, Büchereien oder Bahnhöfen.

Gefördert wird vom Bund derzeit nur die Errichtung von „Cooling Centres“ an Orten wie Pflegeheimen oder Krankenhäusern im Rahmen der Förderrichtlinie „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“. Es handle sich hier jedoch nicht um öffentlich zugängliche Räume, schränkt das Umweltministerium ein. Einem bundesweiten Hitzeaktionsplan erteilte die Bundesregierung bisher eine Absage, trotz lauter werdender Forderungen wie jüngst von der Bundesärztekammer.

Hitzewelle in Wien: Es fehlt an Ressourcen, um Hitzeaktionspläne umzusetzen

So ein bundesweiter Plan komme in den Handlungsempfehlungen von 2017 nicht vor, erinnert Dea Niebuhr, Professorin für Medizintechnik-Folgenabschätzung und Gesundheitssystemplanung an der Hochschule Fulda. Maßnahmen gegen Belastungen durch Hitzeereignisse zu entwickeln, liege in Deutschland allein in der Zuständigkeit der Länder und Kommunen beziehungsweise der Träger von Einrichtungen und der Selbstverwaltung. Seit 2019 hätten zwar zahlreiche Städte und Gemeinden einzelne Maßnahmen ergriffen, zum Teil im Rahmen von Klimaanpassungskonzepten, so Niebuhr weiter.

Allerdings seien fehlende personelle und finanzielle Ressourcen in Deutschland eine maßgebliche Barriere bei der Umsetzung kommunaler Hitzeaktionspläne. Die derzeitigen Förderprogramme seien „vollkommen ausgereizt“, erklärt Niebuhr. „Hitzeaktionspläne können nicht allein die Aufgabe von Städten, Kommunen und Gemeinden sein“, sagt die Forscherin. „Wird Hitzeschutz als ein Teil der Prävention im öffentlichen Gesundheitsschutz begriffen, dann ist für jedes Bundesland ein landesweiter Hitzeaktionsplan erforderlich.“

Wien: Viele Menschen werden aufgrund von Hitzewellen gesundheitliche Probleme bekommen

Das Problem dürfte künftig nicht kleiner werden, nicht nur wegen der zunehmenden Zahl und Stärke der Hitzewellen. In Wien schätzt die Stadtverwaltung, dass auch der Anteil der gefährdeten Bevölkerungsgruppen stetig steigen wird. Allein die Zahl der über 80-Jährigen wird sich laut Statistik bis 2048 mehr als verdoppeln. So weit in die Zukunft muss man allerdings gar nicht schauen. Ben Clarke, Extremwetterforscher an der Universität Oxford, sieht schon in der aktuellen Hitze ein echtes Risiko für die öffentliche Gesundheit. Es werde viele Menschen geben, die gesundheitliche Komplikationen bekommen und sogar als direkte Folge des Klimawandels sterben werden.

Die Zahl der Todesopfer bei den jüngsten Hitzewellen zeige, wie schlecht man auf solche Ereignisse vorbereitet sei, betonte der Wissenschaftler. Die am meisten gefährdeten Gruppen seien ältere Menschen, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen – und Menschen in den Städten. (Jörg Staude)

Auch interessant

Kommentare