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Thomas Reiter bei einem Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation.

Interview mit Thomas Reiter

„Ich konnte nicht widerstehen, dieses Ungetüm anzufassen“

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Der frühere Astronaut Thomas Reiter über Gefühle beim Start ins All, Schwerelosigkeit, die unendliche Schwärze des Weltraums – und wie ihn die Mondlandung 1969 inspiriert hat.

Er hat seinen Kindheitstraum verwirklicht: Thomas Reiter sah die Erde von oben und als einer von nur wenigen Astronauten zwei Raumstationen – die MIR und die ISS – von innen. Mit insgesamt 350 Tagen im All zählt der gebürtige Frankfurter zu den erfahrensten Raumfahrern Europas. Die Mondlandung am 21. Juli 1969 war ein Schlüsselerlebnis für ihn, das ihn inspirierte – wie so viele andere, die heute ebenfalls bei den internationalen Weltraumagenturen arbeiten.

Herr Reiter, als vor 50 Jahren die ersten Menschen den Mond betraten, waren Sie ein Kind. Welchen Einfluss haben die Ereignisse von damals auf Ihren beruflichen Werdegang genommen?
Innerhalb weniger Jahre hat sich damals in der Raumfahrt sehr viel entwickelt, es herrschte eine richtige Aufbruchstimmung. In dieser Zeit ist auch mein eigenes Interesse geweckt worden und stetig gewachsen. Ich fing an, alles zu sammeln, was ich in Zeitschriften zum Thema Raumfahrt finden konnte. Auch meine Eltern schenkten mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag immer Dinge, die damit zu tun hatten. Ich erinnere mich noch, dass ich im Alter von sechs oder sieben eine kleine Rakete bekam, die man in ein Gummiband spannen musste, dann flog sie hoch, ein kleiner Fallschirm kam raus, und sie segelte wieder zur Erde runter. 1968 habe ich zusammen mit meinem Vater den Science-Fiction-Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ im Kino gesehen. Das alles kulminierte im Juli 1969 in der Mission von Apollo 11. Damals war ich elf. Mein Vater weckte mich nachts – die Landung fand ja nach unserer Zeit am frühen Morgen statt – und wir sind rüber zum Nachbarn, der schon einen Farbfernseher hatte. Zwar waren die Bilder vom Mond schemenhaft und in Schwarz-Weiß. Aber die ganze Dokumentation konnten wir in Farbe sehen. Die Vorstellung, dass erstmals Menschen mit eigenen Füßen auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers stehen, dass sie dort sind, wovon Menschen Jahrtausende geträumt haben, das hat mir damals Gänsehaut bereitet und tut es auch heute noch. Nun war es soweit und man selbst hat diesen Moment miterlebt.

"Das war mein Kindheitstraum"

Viele Menschen waren damals fasziniert von der ersten Mondlandung. Doch als die Nasa die Mondmissionen nicht einmal vier Jahre später einstellte, flaute die allgemeine Begeisterung wieder ab. Bei Ihnen war das offenbar nicht so.
Die Nachricht, dass die Nasa sich nach Apollo 17 von den Mondmissionen verabschiedete, war eine große Enttäuschung. Vorher hatte ich wie viele andere auch gedacht, es wird weitergehen mit dem Aufbau einer Mondstation. Doch das Wettrennen zwischen den USA und der Sowjetunion war gewonnen. Damals konnte ich noch nicht einordnen, welche Rolle dieser politische Hintergrund spielte. Das Thema Raumfahrt hielt mich gleichwohl in seinem Bann. Als ich mein Abitur gemacht hatte, war klar, dass ich einen Beruf in der Luft- und Raumfahrt ergreifen möchte, wo ich Theorie und Praxis verbinden konnte.

Hatten Sie damals schon das Berufsziel Astronaut vor Augen?
Das war mein Kindheitstraum. Aber nach dem Abitur war mir schon bewusst, dass dieser Wunsch unglaublich unrealistisch war. Deshalb studierte ich Luft- und Raumfahrttechnik bei der Bundeswehr und kombinierte es mit einer Pilotenausbildung. Das lag für mich auch deshalb nahe, weil ich durch meine Eltern schon früh mit dem Segelfliegen in Berührung kam. Ich selbst habe mit 14 damit angefangen.

Davon hat er bereits als Junge geträumt ...

Und flogen dann sozusagen immer höher, bis Sie Astronaut wurden …
Das kam letztlich überraschend für mich. Es war an einem grauen Herbsttag im Jahr 1986. Ich war damals in Oldenburg stationiert. Ich kam nachmittags vom Fliegen zurück und ging in die Staffel. Da sagte der Einsatzoffizier zu mir: „Thomas, du musst dich beim Kommandeur melden.“ Ich bekam ein mulmiges Gefühl, denn es war die Zeit, in der viel über die Tieffliegerei diskutiert wurde. Man musste sehr darauf achten, welche Bereiche man überflog. Ich packte also meine Karte unter den Arm und ging zum Kommandeur. Der fragte mich dann entgegen meiner Erwartung, ob ich an einem Auswahlverfahren für Astronauten teilnehmen möchte. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Aber die Antwort musste ich mir nicht lange überlegen.

Warum dauerte es dann noch neun Jahre, bis Sie zur russischen Raumstation Mir fliegen konnten?
Es war kein Durchmarsch, sondern hat sich sehr lange hingezogen, mit vielen Höhen und Tiefen. Nach dem nationalen Auswahlverfahren 1986/87 war drei Jahre lang Sendepause. Erst 1990 kam wieder ein Anruf, dass es jetzt bei der Esa weitergehen soll. Dann musste ich das ganze Auswahlverfahren noch einmal durchlaufen.

Tests von morgens bis abends

Wie läuft es genau ab?
Man muss zunächst umfassend Auskunft über medizinische Details geben, auch von Eltern und Großeltern. Dann kommen Tests, von morgens bis abends, psychologische Tests, Speed-Tests, bei denen man in begrenzter Zeit möglichst viel schaffen muss, Tests in Mathematik, Physik, Sprachen. Die Gruppe wurde von Tag zu Tag kleiner. Und natürlich werden auch umfangreiche medizinische Tests gemacht. Eine Woche lang bin ich an der Uniklinik Köln auseinandergenommen worden.

Am 3. September 1995 war es so weit. Sie sind zur russischen Raumstation Mir gestartet. Was geht dabei in einem Menschen vor? Hatten Sie eigentlich Angst?
Vor dem Start waren wir ja schon einige Tage vorher im Weltraumbahnhof Baikonur in Quarantäne. Wenn wir dort abends auf dem Balkon gestanden haben, konnten wir die Mir-Station über uns hinwegfliegen sehen. Es war eine ganz unwirkliche Vorstellung zu wissen, in ein paar Tagen wirst du selbst dort oben sein. Als wir die Kapsel inspiziert hatten, bevor sie an die Rakete montiert wurde, stieg die Vorfreude enorm – aber auch das Bewusstsein, dass das alles kein Spaß ist, dass es mit Risiken verbunden ist. Natürlich weiß man das die ganze Zeit. Aber wenn man sich dann tatsächlich am Tag vorher von seiner Familie verabschiedet und am Morgen diesen ganzen Komplex sieht, den Raum- und den Druckanzug anlegt, überkommt einen schon das Gefühl: Das wird jetzt ernst, jetzt wirst du diesen Planeten verlassen. Dann geht es mit dem Bus zur Rakete. Sie ist außen mit einer Art Reif überzogen, der sich durch die niedrigen Temperaturen bildet. Die Rakete zischt und raucht, sie kam mir vor wie ein Ungeheuer, ein wildes Tier, das nur darauf wartet, losgelassen zu werden. Ich konnte nicht widerstehen, dieses Ungetüm anzufassen. Dann fährt man mit einem Lift hoch zur Kapsel und steigt ein. Das ist ein sehr eindrucksvoller Moment. Bis zum Start dauert es dann noch ungefähr dreieinhalb Stunden, denn es sind noch etliche Checks zu machen.

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Auf Bildern sieht es sehr eng aus in diesen Raumkapseln …
Es ist wirklich sehr eng, eineinhalb Kubikmeter, in denen drei Erwachsene Platz finden müssen. Man sollte keine Tendenz zur Klaustrophobie haben.

Ist es beim Start laut da drinnen?
Überhaupt nicht. Von dem infernalischen Lärm, der außen zu hören ist, merkt man innen gar nichts, nur das Rauschen der Klimaanlage. Wenn der Treibstoff in die Brennkammern gepumpt wird, hört man den hohen Ton der Turbopumpen, und es vibriert ein bisschen. Und dann geht es los. Die Rakete hebt ab.

Als würde man sich in einem Aufzug befinden

Was spürt man dabei im Körper?
Im ersten Moment ist es eher so, als würde man sich in einem Aufzug befinden. Aber dann nimmt die Beschleunigung zu, nach zwei Minuten hat die Rakete schon das Sechsfache der Schallgeschwindigkeit erreicht und 60 Kilometer zurückgelegt. Wenn sich dann die erste Stufe trennt, geht das sehr abrupt, die Beschleunigung nimmt schlagartig ab. Kurz nach dem Abtrennen der zweiten Stufe wird die aerodynamische Verkleidung der Rakete abgesprengt. Das geschieht nach etwa 80 Kilometern. Erst dann kann man rausschauen.

Und was sieht man da?
Keinen blauen Himmel mehr, sondern die Schwärze des Weltraums. Nach acht Minuten und 50 Sekunden gibt es einen kräftigen Ruck, weil die Kapsel sich mit Federn von der dritten Stufe trennt. In diesem Moment ist man dann plötzlich schwerelos und weiß: Jetzt sind wir im Weltraum, 200 Kilometer von der Erde entfernt und mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit von fast 28 000 Stundenkilometern unterwegs. Da haben wir uns erst einmal die Hände geschüttelt. In diesem Moment konnte ich auch den ersten Blick von oben auf die Erde erhaschen, auf die Küste Japans.

Wie haben Sie den Blick vom All aus auf die Erde wahrgenommen? Viele Astronauten haben erzählt, wie ergriffen sie waren.
Es sind Eindrücke, die so überwältigend sind, dass sie einen ein Leben lang begleiten. Wenn ich bei Vorträgen Bilder zeige und dazu erzähle, ist es immer wieder so, als wäre es erst gestern passiert. Das Gefühl, das alles mit eigenen Augen gesehen zu haben, berührt mich emotional immer noch sehr stark.

Und wie war der Blick auf den Mond?
Man nimmt ihn viel klarer wahr, weil die Erdatmosphäre nicht dazwischen ist. Von der Mir aus sahen wird Mondaufgänge und –untergänge im Zeitraffer. All diese Eindrücke werden durch das Gefühl der Schwerelosigkeit noch verstärkt.

Unser kleiner Planet sieht sehr einsam aus

Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.
Wenn man sich im Schwimmbad einfach mal treiben lässt und die Luft anhält, kommt es der Schwerelosigkeit ein bisschen nahe. Allerdings weiß man dann immer noch, wo oben und unten ist. Wir sitzen hier auf der Erde auf einem Stuhl, die Füße auf dem Boden, alles zieht nach unten. Das fällt da oben weg.

Hat man auch das Gefühl von Kontrollverlust?
Das habe ich nicht so empfunden, ich fand es vielmehr sehr angenehm. Wenn man von der Raumstation auf die Erde schaut, nimmt man diesen Anblick gewissermaßen körperlos wahr – und das verstärkt die Bilder noch. Es ist einfach wunderbar, was man von dort aus sieht: die Wolken, Gewitter, Leuchtphänomene, die dünne Atmosphäre, Sonnenauf- und -untergänge, den Weltraum.

Was sieht man, wenn man in den Weltraum schaut?
Die Sterne, die Milchstraße, gestochen scharf. Aber sonst ist alles pechschwarz. In diesen unendlichen Weiten sieht unser kleiner Planet sehr einsam aus. Hier unten kann man sich das nicht vorstellen, aber dort oben wirkt es erschreckend. Da ist sonst nichts. Nur dieses kleine blaue Fleckchen in der unendlichen Schwärze des Weltraums. Und das ist unser Zuhause.

Es gibt viele Pläne für künftige Missionen zum Mond. Befürworten Sie, dass wieder Menschen dort landen?
Das ist überfällig. Für die Wissenschaft ist der Mond nach wie vor von großem Interesse. Man darf nicht glauben, dass man durch die Apollo-Missionen alles über den Mond weiß. Menschen sollten aber nicht zum Mond fliegen, um dort die Fahne ihres Landes in den Staub zu setzen, sondern um für längere Zeit dort zu bleiben. Ich stelle mir eine Station vor, die wie heute die Internationale Raumstation ISS permanent besetzt ist – und das in internationaler Zusammenarbeit. Große Herausforderungen wie diese lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Wenn jeder für sich kämpft, wird das nichts.

Interview: Pamela Dörhöfer

Zur Person

Thomas Reiter, geboren 1958 in Frankfurt, besuchte die Offiziersschule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck und studierte an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München Luft- und Raumfahrttechnik.

Bis 1990 war er Mitglied des Jagdbombergeschwaders 43 auf dem Fliegerhorst Oldenburg.

1993 wurde Thomas Reiter von der Europäischen Weltraumorganisation Esa als Astronaut für die Euromir-95-Mission nominiert. Am 3. September 1995 flog er für 179 Tage zur russischen Raumstation Mir. Reiter kehrte danach zunächst zur Bundeswehr zurück, arbeitete aber ab 1999 wieder für die Esa.

Am 4. Juli 2006 startete er mit dem Space-Shuttle zur Internationalen Raumstation ISS und kehrte nach 171-tägigem Aufenthalt wieder zur Erde zurück. Thomas Reiter ist heute als Esa-Koordinator für internationale Agenturen und Berater von Generaldirektor Jan Wörner tätig. 

pam

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