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In Deutschland hat die Ständige Impfkommission empfohlen, unter 60-Jährigen, die bereits die erste Dosis von Astrazeneca bekommen haben, bei der zweiten Dosis einen anderen Impfstoff zu verabreichen. (Symbolbild)
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In Deutschland hat die Ständige Impfkommission empfohlen, unter 60-Jährigen, die bereits die erste Dosis von Astrazeneca bekommen haben, bei der zweiten Dosis einen anderen Impfstoff zu verabreichen. (Symbolbild)

Astrazeneca-Impfstoff

Thrombose nach Astrazeneca-Impfung: Risikofaktoren immer noch unklar

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Wirkung und Risiken des Astrazeneca-Impfstoffs werden heiß diskutiert: ohne einheitliche Einigung in Europa. Auch über die Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff haben Forschenden geteilte Ansichten. 

Frankfurt – Selten in der Geschichte der modernen Medizin gab es ein solches Chaos um die Empfehlungen zu einem Arzneimittel, in diesem Fall einem Impfstoff: Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat am Mittwoch das Vakzin von Astrazeneca nach „sorgfältigem Abwägen“ uneingeschränkt empfohlen – verbunden allerdings mit einer Warnung vor möglichen schweren, wenn auch sehr seltenen Nebenwirkungen. Verbunden auch mit dem Hinweis, es sei wichtig, dass Impflinge sich dieses Risikos bewusst seien.

Der britisch-schwedische Pharmakonzern wurde verpflichtet, weiter zu diesem Thema zu forschen. Die Frage eines Journalisten von „Bloomberg“, ob es irgendeinen anderen Impfstoff mit ähnlich schweren Nebenwirkungen gebe und ob man den von Astrazeneca auch ohne Pandemie zugelassen hätte, blieb in der Pressekonferenz unbeantwortet.

Debatte um Astrazeneca-Impfstoff: Länder folgen den Empfehlungen der WHO nicht

Kurz nach der EMA meldete sich die Weltgesundheitsorganisation WHO zu Wort, auch sie schätzt den Nutzen des Corona-Impfstoffs als wesentlich höher als das Risiko ein: „Nichts hat sich an unserer Empfehlung geändert und diese heißt: weiter damit impfen“, erklärte die WHO gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Mehrere Länder indes folgen diesem Vorgehen nicht – das aber wiederum auf unterschiedliche Weise. Weil die im Fokus stehenden gefährlichen Hirn- und Bauchvenenthrombosen vor allem bei Menschen unter 60 aufgetreten sind, lautet die Empfehlung in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Spanien, Astrazeneca nur noch an über 60-Jährige zu verimpfen. In Belgien und Frankreich liegt die Altersgrenze bei 55. In Großbritannien sollen künftig über 30-Jährige den Impfstoff bekommen, dort traten nach jüngster Prüfung bei 18 Millionen Impfungen 79 Fälle von Hirnvenenthrombosen auf, von denen 19 tödlich verliefen. Dänemark und Norwegen impfen derzeit überhaupt nicht mehr mit Astrazeneca. In den USA und der Schweiz ist der Impfstoff nicht zugelassen.

Nach Astrazeneca-Impfung: Uneinigkeit über Risiko bei Zweitimpfung mit anderem Impfstoff

In Deutschland hat die Ständige Impfkommission (Stiko) empfohlen, unter 60-Jährigen, die bereits die erste Dosis von Astrazeneca bekommen haben, bei der zweiten Dosis einen anderen Impfstoff zu verabreichen. Die EMA allerdings sieht sich aufgrund „fehlender Daten“ nicht der Lage, diese Empfehlung abzugeben.

Bei einem Pressegespräch des Science Media Centers bezeichnete der Gefäßmediziner Robert Klamroth, Vorsitzender der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung, die Ergebnisse eines solchen Impfmixes als „reine Spekulation“. Es gebe keine Evidenz und keine „validen Daten“. Man wisse nicht, wie das Immunsystem reagiere – weder, wenn man mit dem mRNA-Impfstoff und somit einer anderen Technologie, noch mit einem anderen Vektorvakzin impfe (das könnte künftig Johnson & Johnson oder Sputnik V sein).

Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts des Universitätsklinikums Erlangen und Stiko-Mitglied, hält dem entgegen, dass das Antigen – also das Protein, gegen das das Immunsystem Antikörper bildet – bei allen Vakzinen das gleiche sei. Sowohl die mNRA- als auch die Vektorimpfstoffe zielen darauf, dass der Körper das Spike-Protein von Sars-CoV-2 bildet. Es sei „extrem unwahrscheinlich“, dass eine Kombination zweier Covid-Impfstoffe nicht funktioniere. Bei Medikamenten könne man schließlich auch von einem zu anderen wechseln. In der „momentanen Situation“ erscheint es dem Mikrobiologen deshalb als „sinnvoller Weg“.

Astrazeneca-Impfung: System-Auflösung bei Arzneimittelzulassung „darf nicht zur Regel werden“

Anders äußerste sich gegenüber der Frankfurter Rundschau der Pharmakologe Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg. Es sei etwas anderes, ob man zwei Antibiotika hintereinander einnehme oder erst einen Vektorimpfstoff und dann einen mRNA-Impfstoff spritze – „ohne klinische Prüfung“. Früher, so Sörgel, wäre es auch „unvorstellbar“ gewesen, die Zeitspanne zwischen zwei Impfdosen einfach zu strecken, wie es in Großbritannien geschehe. „Zum Glück ist bislang noch nichts komplett schiefgegangen.“ Die „Auflösung“ von „vernünftigerweise“ eingeführten Systemen bei der Arzneimittelzulassung betrachte er mit Sorge, sagt Sörgel. „Das darf nicht zur Regel werden.“

Die Vertreter:innen von EMA und WHO erklärten in ihren Stellungnahmen, dass ein ursächlicher Zusammmenhang zwischen den aufgetretenen schweren thromboembolischen Ereignissen und dem Astrazeneca-Impfstoff nicht ausgeschlossen werden könne, aber auch nicht belegt sei. Im Gespräch beim Science Media Center sagte der Mikrobiologe Christian Bogdan von der Stiko indes, es habe sich bei den Meldedaten aus Deutschland ein „klares Risikosignal“ für die Altersgruppe der 20- bis 59-Jährigen abgezeichnet.

Thrombose-Risiko bei Astrazeneca-Impfung besonders bei jungen Menschen

Das Risiko sei demnach bei Frauen um den Faktor 20, bei Männern um den Faktor 15 erhöht gewesen. „Das heißt, wir hatten bei den Frauen in diesem Alter zwanzigmal mehr Sinusthrombosen als es in dieser Altersgruppe zu erwarten gewesen wäre.“ Das könne kein Zufall sein. „Wir impfen gesunde Menschen“, sagt Bogdan, „es geht auch um das Individuum“. In der Altersgruppe 20 bis 50 sei die Mortalitätsrate von Covid-19 sehr gering, deshalb sei das Risiko dieser schweren Nebenwirkungen „nicht akzeptabel“.

Auch Marianne Röbl-Mathieu, niedergelassene Fachärztin für Frauenheilkunde und ebenfalls Mitglied der Stiko, sagt: „Diese Menschen tragen mit ihrer Impfung mehr zur Bekämpfung der Pandemie bei als dass sie einen eigenen Vorteil haben.“ Deshalb müsse man sie vor einer Nebenwirkung schützen, die ihnen „dauernde schwere Beeinträchtigung oder den Tod“ bringen könne.

Thrombose durch Astrazeneca: Vollumfängliche Risikofaktoren sind noch unklar

Bislang konnte noch nicht geklärt werden, welche Faktoren neben dem Alter (auch das ist ja nur eine starke Vermutung aufgrund von Beobachtungen) das Risiko für die durch immunologische Prozesse verursachten Thrombosen an ungewöhnlichen Stellen im Körper erhöht. Es sei aber unwahrscheinlich, dass es keine Disposition dafür gebe, sagt Röbl-Mathieu.

Dass vor allem Frauen betroffen waren, könnte nach Ansicht von Christian Bogdan auch damit zusammenhängen, dass bisher mehr Frauen als Männer geimpft wurden. Ebenso weiß man noch nicht, welcher Bestandteil des Impfstoff die unheilvolle Kaskade in Gang setzt. (Pamela Dörhöfer)

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