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Studie

Artenschutz - Windanlagen und Vögel: Wie gelingt Windkraftausbau und Vogelschutz?

  • VonJörg Staude
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Eine Studie versucht herauszufinden, welche Arten durch Windkraftanlagen besonders gefährdet sind.

Oldenburg - Mit den Vögeln, den flatterhaften Wesen, hat es die Windkraft nicht leicht. Arten wie Adler, Milane und Weißstorch gelten als „brutplatzkonstant“. Von ihren Horsten ausgehend lässt sich noch relativ einfach bestimmen, welchen Abstand Windkraftanlagen zu den Vogelbehausungen haben müssen. Andere Vogelarten wie Rohrweihe oder Wanderfalke, deren Bestände ebenfalls gefährdet sind, brüten mal hier und mal da. Der Falke niste besonders gern auf Freileitungen, baue aber keine eigenes Nest, sondern nutze beispielsweise das von Krähen, berichtete der Biologe Marc Reichenbach jüngst in einer Windkraft-Debatte auf den virtuellen Berliner Energietagen. Zerstörten Wind und Witterung das Nest, müsse der Falke weiterziehen. Für solche Arten machten feste Schutzabstände zu Windanlagen kaum Sinn, erklärte Reichenbach, zugleich Geschäftsführer der Arsu, der Arbeitsgruppe für regionale Struktur- und Umweltforschung in Oldenburg. Für die Stiftung Klimaneutralität hat die Arsu eine Studie erstellt, wie sich Windenergie-Ausbau und Artenschutz vereinbaren ließen.

Um das Problem kreist seit Monaten eine Lobbyschlacht. Ausgangspunkt ist eine 2019 veröffentlichte Umfrage der Fachagentur Wind unter Windkraftbetreibern. Die Umfrage war zwar nicht repräsentativ – nur etwa 30 Prozent der Branchenunternehmen beteiligten sich –, sie ergab aber, dass 48 Prozent der Klagen gegen Windanlagen auf den Schutz fliegender Spezies (Fledermäuse und Vögel) zurückzuführen sind sowie weitere 24 Prozent auf allgemeine Artenschutzprobleme. Die addierte und gerundete Zahl von 70 Prozent findet sich seitdem in jeder guten Begründung, warum der Artenschutz im Interesse des Klimaschutzes Federn lassen müsse.

Artenschutz: Klagen gegen Windanlagen auf den Schutz fliegender Spezies zurückzuführen

„Das Ziel muss sein, dass der Ausbau der Windenergie nicht zu einem Bestandsrückgang führt oder die Erholung gefährdeter Arten behindert“, zitierte Marc Reichenbach bei der Präsentation der Studie aus den Anforderungen der europäischen Vogelschutzrichtlinie. Diese habe den langfristigen Schutz und Erhalt sämtlicher europäischer Vogelarten zum Ziel. Die Arten seien einerseits auf einem aus wissenschaftlicher Sicht erforderlichen Populationsstand zu halten, andererseits seien aber auch wirtschaftliche und energiepolitische Erfordernisse zu berücksichtigen.

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist es verboten, wild lebende Tiere besonders geschützter Arten zu verletzen oder zu töten. Ausnahmen vom Tötungsverbot lässt das Gesetz dann zu, wenn durch Eingriffe oder Vorhaben das Tötungsrisiko für Exemplare betroffener Arten nicht „signifikant“ erhöht wird. Für Reichenbach sind insbesondere solche Vogelarten zu schützen, die die „zusätzliche Mortalität“ durch Kollisionen mit Windanlagen schlecht ausgleichen können. Das seien langlebige Arten mit zugleich niedriger Reproduktionsrate und einem ohnehin niedrigen Bestand. Dazu kämen noch Arten, die nur hierzulande vorkommen und für die Deutschland eine besondere Verantwortung trage. Der Rotmilan sei da nur eins, wenn auch das „prominenteste“ Beispiel.

Nirgendwo ist der Rotmilan so verbreitet wie in Deutschland.

Vögel in Gefahr?„Zusätzliche Mortalität“ durch Kollisionen mit Windanlagen

Direkte Kollisionen von Vögeln mit Windkraftanlagen sind allerdings „seltene Ereignisse“, betonte auch Reichenbach. Man müsse schon lange unter Windanlagen suchen, bis man einen toten Vogel finde, sagte er. Allerdings stelle jede Anlage ein „potenzielles Risiko“ für Vögel dar. Dieses hänge auch davon ab, wie groß die Bestände der jeweiligen Vogelart sind und wie stark sich deren Lebensräume mit Windpark-Flächen „überlappten“. Genaue Zahlen über die Häufigkeit von Kollisionen nannte auch Reichenbach nicht. Diese sind auch schwierig zu bestimmen. Ein toter Vogel unter einer Windanlage muss nicht unbedingt mit dieser kollidiert sein – er kann auch geschossen worden sein. Tote Vögel werden bei Zählungen unter der Anlage gar nicht gefunden oder sind bereits von Aasfressern weggeschleppt.

Die Umweltministerkonferenz startete deswegen 2020 ein Projekt, um die Todesursachen kollisionsgefährdeter Vogelarten zu ermitteln. Am plausibelsten scheint derzeit die Annahme, dass pro Jahr und Anlage ein bis zwei Vögel zu Tode kommen. Bei aktuell rund 30 000 Windrädern zu Lande kann da bundesweit eine erhebliche „zusätzliche Mortalität“ zustande kommen.

Artenschutz: Direkte Kollisionen von Vögeln mit Windkraftanlagen eher selten

Die Umweltminister von Bund und Länder stuften bisher folgende Arten zwar als kollisionsgefährdet ein – bei diesen könne das Tötungsverbots aber umgangen werden könnte, sofern „artspezifische Regelabstände“ eingehalten werden: Beim Baumfalken halten die Minister derzeit 350 Meter Regelabstand zur Windanlage für nötig, beim Fischadler sind es 1000 Meter, bei der Rohrweihe 500, beim Rotmilan 1000 bis 1500, beim Schreiadler 3000, beim Schwarzmilan 1000, beim Seeadler 2000 bis 3000, beim Steinadler 3000, beim Uhu 1000, beim Wanderfalken 1000, beim Weißstorch 1000 und bei der Wiesenweihe 500 Meter.

In ihrer Studie identifizierte die Arsu ihrerseits 13 durch Windkraft besonders gefährdete Vogelarten: Seeadler, Schreiadler, Fischadler, Rotmilan, Schwarzmilan, Wiesenweihe, Rohrweihe, Mäusebussard, Wespenbussard, Uhu, Weißstorch, Wanderfalke und Baumfalke. Für die Vogelarten, die relativ „brutplatzkonstant“ sind, bestimmt die Arsu-Studie dabei auch so genannte Schutzabstände der Horste zu Windkraftanlagen. Das sind beim Seeadler 2000 Meter, beim Schreiadler 6000, beim Rotmilan 900 Meter sowie beim Weißstorch 900 Meter.

Wenn die Schutzabstände unterschritten werden, bedeutet das für Reichenbach nicht, dass die Windanlage nicht genehmigt werden kann. Dann müssten eben weitere Schutzmaßnahmen greifen, um das Kollisionsrisiko zu vermeiden. Der Ansicht sind auch die Umweltminister bei ihren Regelabständen.

Vögel und Windkraft: Kameras erkennen Vögel und fahren Windanlage automatisch herunter

Inzwischen wird dabei vor allem auf „technische Antikollisionssysteme“ gesetzt, die mit Kameras heranfliegende Vögel erfassen und die Windanlage dann automatisch herunterfahren. Erprobt wird das seit Jahren – die Windbranche ist von der teuren Technik aber nicht übermäßig begeistert.

Alternativ könnten Windanlagen in Zeiten, in denen die Vögel erfahrungsgemäß am meisten in den Lüften unterwegs sind, auch einfach zeitweise abgeschaltet werden – stunden-, tage- oder wochenweise. Hier schmerzen die Branche die nicht erzeugten Kilowattstunden. Für kommenden Dienstag will die Stiftung Klimaneutralität nicht nur die vollständige Arsu-Studie präsentieren, sondern auch europarechts- und naturschutzkonforme Lösungen für den Konflikt zwischen Windkraft-Ausbau und Artenschutz vorlegen. (Jörg Staude) Vogelschützer verlassen Frankfurt mit wehem Herz

Rubriklistenbild: © Getty Images

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