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Aortariss: Das Röntgenbild einer gerissenen Aorta.

Aortendissektion

Aortariss: Wenn jede Sekunde zählt

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Ein Aortariss stellt Mediziner vor große Herausforderungen, denn es besteht akute Lebensgefahr. Alles muss ssehr schnell gehen.

Oft passiert es scheinbar plötzlich. Ein stechender Schmerz im Brustraum, wie aus heiterem Himmel, denn vielfach merken die Patienten gar nicht, was sich in ihrem Körper Bedrohliches angebahnt hat. Häufig litten sie schon jahrelang unter Arteriosklerose, und diese zunehmende Belastung der Gefäße durch Verkalkung führt dann irgendwann zu einem Riss der Hauptschlagader, einer sogenannten Aortendissektion.

Eine fatale Kettenreaktion setzt sich in Gang: Das Blut dringt mit großem Druck in die Wand unseres größten Blutgefäßes und bildet eine zweite Blutbahn, die den normalen Blutfluss verdrängen kann. Weil die von der Natur nicht vorgesehene „falsche“ Blutbahn nicht an die Organe angebunden ist, werden diese nicht mehr richtig durchblutet. Außerdem droht die instabil gewordene Gefäßwand der Aorta vollständig zu reißen; dann würde das Blut sich ungehemmt in den Körper ergießen.

Aortariss: Akute Lebensgefahr besteht

Es besteht also akute Lebensgefahr, alles muss äußerst schnell gehen. Gleichwohl reicht die Zeit häufig nicht, um das dramatische Geschehen im Körperinneren zu erkennen und dann auch noch in den Griff zu kriegen. Rund 25 Prozent der Patienten sind bereits tot, bevor eine Klinik erreicht wird, und viele weitere sterben innerhalb der ersten 48 Stunden, oft, bevor Mediziner die richtige Diagnose stellen konnten. Insgesamt ist mehr als die Hälfte der Patienten mit Aortendissektion tot, bevor sie überhaupt behandelt werden konnte. „Eine bittere Erfahrung“, wie der Essener Mediziner Heinz Günther Jakob sagt, der seit 30 Jahren als Herz-Gefäß-Chirurg arbeitet.

Um den potenziell tödlichen Zeitverlust zu minimieren, hat das Universitätsklinikum Essen vor elf Jahren am damals neu gegründeten Westdeutschen Herzzentrum Essen einen sogenannten Hybridraum eingerichtet, der alle Möglichkeiten der Angiographie-Diagnostik bietet (sie umfasst die bildgebenden Verfahren zur Darstellung von Gefäßen) und zugleich ein steriler Operationssaal ist. Dort kümmern sich Mediziner verschiedener Fachrichtungen um die Patienten, darunter Anästhesisten, Kardiologen und Herzchirurgen. Eine Kooperation, die schon viele Menschenleben gerettet hat, wie Heinz Günther Jakob, der Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie um Universitätsklinikum Essen, sagt. Das Westdeutsche Herzzentrum Essen ist eines der wenigen Zentren weltweit und das einzige in Deutschland, wo Patienten mit Aortendissektion in einem solchen speziellen Hybridraum untersucht werden und danach bei Bedarf sofort bei einem aufwendigen Operationsverfahren an der verletzten Stelle Gefäßprothesen eingesetzt bekommen.

Ursachen für einen Aortariss können unterschiedlich sein

Risse in unserer größten Arterie sind immer lebensbedrohlich, „weil alle Organsysteme angeschlossen sind“, sagt Heinz Günther Jakob. Die Ursache für einen Riss können unterschiedlich sein: So kann eine chronische Erweiterung der Bauchschlagader, ein Aneurysma, stetig größer werden und dann plötzlich platzen; durch die Masse des ausströmenden Blutes in den Bauchraum verbluten die Patienten dann häufig innerlich. Auch eine angeborene Schwäche der Gefäßwand oder ein Bluterguss kann zum Einreißen der Aorta führen.

In den meisten Fällen jedoch sind „degenerative“ Prozesse der Grund, warum die Hauptschlagader an einer Stelle reißt, erklärt der Essener Chirurg und Klinikdirektor. Deshalb seien auch meistens Menschen über 60 Jahre betroffen, die Häufigkeit von Aortenerkrankungen sei in den letzten 20 Jahren von drei auf zehn bis 16 pro 100 000 Einwohner gestiegen. Eine familiäre Veranlagung, Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte oder Diabetes können dazu führen, dass sich über die Jahre hinweg, Plaques an den Gefäßwänden ablagern.

Aortariss wird oft mit Herzinfarkt verwechselt

Eine solche Arteriosklerose kann einerseits das Entstehen eines Aneurysmas begünstigen, andererseits kann es aber auch ohne die mit dieser Erkrankung verbundene Gefäßerweiterung zu Einrissen an der inneren Wandschicht der Hauptschlagader kommen. Diesen Vorgang bezeichnen Mediziner als Aortendissektion. Die Probleme können entweder am aufsteigenden Ast, dem Aortenbogen, oder am entlang der Wirbelsäule absteigenden Ast auftreten, erläutert Heinz Günther Jakob.

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Ein großes Problem bei der Diagnostik von Aortendissektionen ist die Ähnlichkeit der Symptome mit anderen Erkrankungen. So gehe ein Riss im absteigenden Ast oft mit Rückenschmerzen einher; im Extremfall könne die Beeinträchtigung der Gefäße im Rückenmark zu einer plötzlichen Querschnittlähmung führen, erklärt der Mediziner. Die noch lebensbedrohlicheren Risse im aufsteigenden Ast wiederum machen sich durch extreme Schmerzen im Brustkorb bemerkbar. Am häufigsten werde eine Aortendissektion aufgrund dieser Symptomatik mit einem Herzinfarkt verwechselt. Ein gefährlicher und oft tödlicher Irrtum: „Patienten mit einer Aortendissektion in diesem Bereich müssen sofort operiert werden“, sagt der Essener Herzchirurg; überdies habe die bei einem Infarkt oft angezeigte Gabe von gerinnungshemmenden Medikamenten bei einem Riss in der Hauptschlagader gerade einen unerwünschten Effekt, der den Tod der Patienten beschleunigen könne und darüber hinaus die Operation mit erheblichen Blutungsrisiken belastet.

Die Fehldiagnosen haben viel damit zu tun, „dass bei einem Verdacht auf einen Herzinfarkt keine Computertomographen-Untersuchung gemacht wird“, erklärt Jakob; diese wäre aber notwendig, um eine Aortendissektion eindeutig feststellen zu können.

Bild bei einem Aortariss kann sich sehr schnell ändern

Im Hybridraum des Essener Herzzentrums werden Patienten mit entsprechenden Symptomen sofort auf den OP-Tisch gelegt und dort einer Angiographie und einer Computertomographie unterzogen. „Dadurch kann jederzeit sofort operiert und interveniert werden, wenn beispielsweise zusätzlich zum operativen Ersatz der Hauptschlagader des Brustraums ein Stent zur Wiederherstellung der Durchblutung der Bauchorgane gesetzt werden muss“, veranschaulicht Heinz Günther Jakob – „und dies ohne Zeitverlust“.. Das alles ist lebenswichtig, weil Menschen mit einer akuten Aortendissektion sofort operiert werden müssen. Es sei aber auch deshalb von Bedeutung, weil sich das Bild bei einem Riss der Aorta sehr schnell ändern könne und eine länger zurückliegende liegende Aufnahme deshalb möglicherweise gar nicht mehr den Status Quo im Augenblick der Operation dokumentiere, wie Professor Jakob erklärt.

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Das Ganze erfordere einen „hohen logistischen Aufwand“, sagt der Essener Spezialist – und vom Operateur große Erfahrung; für Herzchirurgen sind Eingriffe an der Aorta bis heute einer der größten Herausforderungen. Für die Operation wird der Kreislauf stillgelegt und der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die Körpertemperatur auf 26 bis 28 Grad gekühlt und der Stoffwechsel heruntergefahren, um das Organsystem zu schonen.

Aortariss: Erkrankte Areale werden durch Rohrprothesen ersetzt

In einem hochkomplizierten Eingriff mit eigens dafür entwickelten Instrumenten und Implantaten werden die erkrankten Areale dann durch Rohrprothesen ersetzt, die direkt in einen Stent – eine Stütze, mit der die Gefäße offen gehalten werden sollen – münden. Ziel dieser Operation ist es nicht allein, den entstandenen Schaden zu beseitigen, sondern auch, eine reibungslose Durchblutung zu gewährleisten und dauerhaft die Spannung der Gefäßwand zu reduzieren, damit es nicht zu weiteren Rissen kommt.

Die Überlebenschancen bei einer akuten Aortendissektion hätten sich seit Einführen des Vorgehens verdoppelt, sagt Heinz Günther Jakob. Das Risiko eines erneuten Risses ist damit freilich nicht gänzlich ausgeschaltet: So sollten sich Patienten nach einer Operation lebenslang und lückenlos untersuchen lassen, sagt der Essener Herzchirurg, am besten im Ein-Jahres-Rhythmus.

Experten und Patienten können sich über das „Leben vor und nach dem Aorteneingriff“ am Samstag, 5. September 2015, ab 9 Uhr beim Essener Arzt-Patienten-Seminar „Aortic Life“ im Westdeutschen Herz- und Gefäßzentrum am Universitätsklinikum Essen informieren. Die Teilnahme ist frei, um Anmeldung wird gebeten, per Mail an aortic-life@uk-essen.de oder telefonisch unter 0201/7 23 49 16. Infos im Internet: www.whze.de

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