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Der Mond übt nicht nur auf die Erde eine Anziehungskraft aus, sondern fasziniert auch die Menschen. Auch deshalb möchte die US-Regierung möglichst bald dorthin zurück.

Raumfahrt

Die Anziehungskraft des Mondes

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  • Pamela Dörhöfer
    Pamela Dörhöfer
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Touristenziel, Rohstofflieferant oder Startpunkt für Marsexpeditionen ? der Mond steht im Zentrum vieler Pläne. Und auch die Privatwirtschaft mischt kräftig mit.

Thomas Reiter ist dem Mond näher gekommen als der große Rest der Menschheit, zumindest ein Stück: Als Astronaut auf der russischen Raumstation MIR und der Internationalen Raumstation ISS war er zwar nur rund 400 Kilometer dichter dran am Erdtrabanten – doch der Blick, sagt er, sei viel klarer als vom Boden aus: „Kein Staub, kein Wölkchen trübt die Sicht. Ich habe mich dann oft an die erste Mondlandung erinnert, die ich als Kind vor dem Fernseher verfolgt habe. Damals habe ich gedacht: Dort will ich auch einmal hin.“

Der Mond hat die Menschen schon immer inspiriert. Nach sechs Apollo-Missionen allerdings schien das Interesse an seiner Erkundung geschwunden zu sein, die US-Raumfahrtagentur Nasa stellte das Programm 1972 vorzeitig ein. Nun ist die alte Liebe wieder aufgeflammt – nicht nur bei den staatlichen Weltraumorganisationen, auch private Unternehmen haben sie entdeckt und treiben ihre Projekte mit Verve voran. Ein Potpourri unterschiedlicher Ideen, denen eines gemein ist: die hohen Kosten.

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Ein neuer Wettlauf zum Mond ist entbrannt, getrieben nicht allein vom ewig menschlichen Drang, Neuland zu erforschen, sondern auch von wirtschaftlichen und politischen Motiven. Beim „Space Race“ im Kalten Krieg feierten die USA mit der ersten bemannten Mondlandung 1969 einen Triumph über die damalige Sowjetunion; heute ist die Ausgangslage eine andere. Zwar hat sich der neue US-Präsident Donald Trump bisher mit Äußerungen zur Raumfahrt zurückgehalten, doch ein positiv besetztes, schlagzeilenträchtiges Ereignis könnte er gut gebrauchen, um die zerrissene Nation hinter sich zu einen und die Welt staunen zu lassen. Und eine Reise zum „nur“ 400 000 Kilometer entfernten Mond würde schneller spektakuläre Bilder liefern als die unter seinem Vorgänger Barack Obama für die 2030er Jahre angepeilte „Journey to Mars“.

Tatsächlich gibt es Hinweise auf Pläne der Nasa, noch in diesem Jahrzehnt Menschen Richtung Mond zu schicken. So hat deren kommissarischer Administrator Robert Lightfoot kurz nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten eine Studie in Auftrag gegeben, die erkunden soll, ob bei dem für 2018 avisierten ersten Testflug der neuen Nasa-Rakete SLS (Space Launch System) Astronauten an Bord sein und um den Mond fliegen könnten. Mit einem Ergebnis wird demnächst gerechnet. Bisher war vorgesehen, die Rakete samt dem Raumfahrzeug Orion im kommenden Jahr zunächst unbemannt ins All zu schicken, um dann 2020 den Flug mit Menschen zu wagen. Es wäre die weiteste Reise, die Vertreter unserer Spezies je angetreten hätten, denn bei den Apollo-Missionen war nur die der Erde zugewandte Seite des Mondes angesteuert worden.

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Doch eine Vorverlegung des Termins wäre gewagt, denn sogar im Hinblick auf den ursprünglich geplanten unbemannten Testflug gab es zuletzt Probleme mit Finanzen und Technik der SLS-Rakete – es scheint nicht so einfach zu sein, die Glanzleistung von vor 50 Jahren zu wiederholen, als die Saturn-5-Trägerrakete es schaffte, Astronauten sicher zum Mond zu schicken.

„Das Wissen von damals ist teilweise verloren gegangen“, sagt Reiter, der heute als Koordinator für internationale Agenturen und Berater des Generaldirektors bei der Esa arbeitet. Er sieht zudem noch eine andere Hürde: Das Antriebs- und Versorgungsmodul für den Jungfernflug der Orion-Kapsel wird von Airbus Defence and Space in Bremen gebaut, vor wenigen Wochen haben das europäische Unternehmen und die Esa auch einen Vertrag mit der Nasa für den Bau eines weiteren Versorgungsmoduls – dann für die Reise mit Astronauten – abgeschlossen. Die europäischen Partner seien bei der Entwicklung des Moduls für den ersten Flug allerdings vom ursprünglichen Nasa-Konzept ausgegangen, 2018 zunächst unbemannt zu fliegen, so Reiter: „Entsprechend hat man sich beim Design mit der Nasa auf Kompromisse geeinigt. Wären gleich beim ersten Mal Menschen an Bord, so müsste es massive Änderungen geben. Es ist fraglich, ob das bis Ende 2018 zu schaffen ist.“

Die Europäer haben eigene Pläne für den Mond, von denen das von Esa-Generaldirektor Jan Wörner vor zwei Jahren erstmals präsentierte „Moon Village“ sicher das technisch ehrgeizigste ist. „Es handelt sich um ein offenes Konzept, das bei vielen unserer internationalen Partner auf großes Interesse gestoßen ist“, sagt Reiter, der es als „den momentan einzigen und auch besten Ansatz“ ansieht, eine „einigermaßen koordinierte Rückkehr von Menschen zum Mond und dessen Nutzung zum Wohle aller zu erreichen“. Dort sollen einmal Menschen dauerhaft arbeiten: „Man könnte auf dem Mond zum Beispiel Satelliten herstellen und von dort aus starten“, sagt Reiter. Wegen der geringeren Schwerkraft wäre ein Raketenstart leichter und kostengünstiger als von der Erde aus; daher würde sich der Mond ebenso als Basis für eine Reise zum Mars anbieten.

Auch sei die uns abgewandte Seite der ideale Standpunkt für ein Teleskop, um damit tief ins All zu blicken und drohende Gefahren wie sich nähernde Asteroiden frühzeitig zu erkennen. Wann sich solche Außenposten verwirklichen lassen, ist allerdings ungewiss und hängt maßgeblich auch von anderen internationalen Partnern wie der Nasa ab.

Konkreter sind die Pläne für die robotischen Luna-Missionen der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, bei denen ab 2019 am Südpol des Mondes nach Wasser gesucht werden soll. Voraussichtlich bereits im Dezember 2017 soll zudem eine chinesische Sonde auf dem Himmelskörper landen und Gestein mit zur Erde nehmen. Denn der Mond ist auch wegen der vorhandenen und vermuteten Ressourcen für die Menschheit interessant. So verfügt der Erdtrabant unter anderem über große Mengen an Helium-3, das laut Reiter womöglich für die Energieversorgung auf der Erde einmal eine bedeutende Rolle spielen könnte, wo es so gut wie nicht vorkommt. „Rein theoretisch kann man mit Helium-3 eine nahezu ,saubere Fusion‘ ohne frei werdende Neutronen erreichen“, sagt Reiter. Ob eine Förderung des Brennstoffs vom Mond wirklich eine „praktikable Option“ wäre, sei allerdings umstritten.

Es kann aber auch sein, dass der Mond seltene Erden birgt, wie sie unter anderem für elektronische Geräte benötigt werden. So kann der ehemalige Astronaut sich durchaus vorstellen, dass auf dem Mond einmal „höherwertige Produkte“ gefertigt werden – eine Idee von Jeff Bezos, Amazon-Gründer und Chef des Raumfahrtunternehmens Blue Origin.

Bezos hat noch einen weiteren Plan, der – wenn es nach ihm geht – bereits ab 2020 umgesetzt werden soll: einen Lieferservice, der Fracht zum Mond transportiert. Zu diesem Zweck will er einen Mond-Lander bauen lassen, der auf unterschiedlichen Raketen zum Einsatz kommen kann. Der Unternehmer setzt dabei auf eine Kooperation mit der Nasa. Ob Blue Origin allerdings Chancen hat, von der Regierung Geld zu bekommen, ist fraglich: Im Wahlkampf twitterte Bezos, er würde Trump am liebsten mit einer seiner Raketen ins Weltall schicken.

Im Gegensatz zu ihm gilt SpaceX-Chef Elon Musk als wohlgelitten beim Neuen im Weißen Haus – was ihn nicht hindert, die staatliche Raumfahrtagentur übertrumpfen zu wollen. So verkündete er kürzlich, sein Unternehmen werde noch 2018 die ersten Weltraumtouristen in der Raumkapsel „Dragon 2“ auf eine Reise um den Mond schicken. Allerdings solle die Nasa Vorrang haben: Wenn die US-Raumfahrtorganisation die beiden Plätze in der Kapsel – deren Entwicklung sie im Rahmen des „Commercial Crew Program“ mitfinanziert – für eigene Astronauten haben wolle, müssten die privaten Kandidaten zurückstehen, heißt es bei SpaceX. Für die staatliche Organisation würde das jedoch gleichzeitig dem Eingeständnis nahekommen, dass ihre eigene Rakete SLS gescheitert wäre. Indes: Auch die Trägerrakete „Falcon Heavy“ von SpaceX ist bislang noch nicht geflogen, zudem ist das Unternehmen dafür bekannt, die selbst gesteckten Zeitpläne nicht unbedingt einzuhalten. So war der erste Testflug der „Falcon Heavy“ ursprünglich für 2013 geplant, nun soll er im Sommer 2017 stattfinden.

Feststehen dürfte aber in jedem Fall, dass die Privatwirtschaft künftig eine größere Rolle bei der staatlichen Raumfahrt spielen wird. Darauf weisen auch kürzlich bekannt gewordene Dokumente der Nasa hin, in denen das Ziel ausgegeben wird, Astronauten möglichst „schnell und bezahlbar“ wieder auf dem Mond landen zu lassen. Auch bei anderen staatlichen Weltraumprojekten könnten private Unternehmen in stärkerem Maße als bisher einsteigen. So denkt man bei der Nasa über eine Raumstation im sogenannten „cislunaren“ Bereich zwischen Mond und Erde nach. Bill Gerstenmaier, bei der Nasa für den Bereich „menschliche Erforschung“ zuständig, forderte auf einem Symposium: „Wir müssen langsam Entscheidungen treffen, welche Fracht wir mitnehmen, mit wem wir eine Partnerschaft eingehen und wie wir die Ausrüstung bauen.“

Thomas Reiter sieht die aktuellen Entwicklungen mit gemischten Gefühlen. Er hoffe, dass die internationale Zusammenarbeit von Europa, den USA, Russland, Kanada und Japan im ISS-Programm, die in den vergangenen Jahrzehnten den erbitterten Konkurrenzkampf zwischen Ost und West im All abgelöst hat, auch weiterhin Bestand habe, sagt er: „Würde Donald Trump auch für die Exploration des Weltraums die Devise ,America first‘ ausgeben, so wäre das eine Abkehr von der bestehenden und sehr bewährten Kooperation.“

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