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Die Freiheit der Wissenschaft – ein hohes Gut. Am Zentrum für Radiopharmazeutische Tumorforschung stellen Chemiker nachgefragte Radiopharmaka her.

Wissenschaft unter Trump

„Anzeichen für Politisierung der Wissenschaft“

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Der Frankfurter Krebsforscher Al-Batran spricht über die negativen Folgen der Trump-Politik auf die Wissenschaft in Europa. Staatliche Forschungsgelder könnten wegfallen.

Viele Wissenschaftler in den USA haben Sorge, dass die Regierung Trump ihre Forschung beschneiden wird, etliche befürchten auch wegen ihrer muslimischen Herkunft Nachteile. Wie nehmen Sie als Forscher in Deutschland, der selbst aus einem arabischen Land stammt und häufig in die USA reist, diese Geschehnisse wahr?
Mich berühren die Veränderungen dort insgesamt stark. Was die Wissenschaft angeht, so wird sie durch die aktuelle Politik in mehrfacher Weise beeinträchtigt. Das Thema Einreisestopp etwa nimmt einen direkten Einfluss, weil es viele Menschen betrifft, die in den USA studieren, wissenschaftlich arbeiten oder dorthin zu Kongressen oder sonstigen Treffen reisen müssen. Diese Kolleginnen und Kollegen konnten für einige Zeit nicht in die Vereinigten Staaten fliegen, selbst wenn sie einen zweiten deutschen Pass besitzen. Auch wenn der Einreisestopp mittlerweile außer Kraft gesetzt wurde: Forscher, die in diesen Ländern geboren wurden, überlegen es sich nun zweimal, ob sie eine wichtige Arbeit bei einem amerikanischen Kongress anmelden oder nicht. Denn so etwas benötigt immer eine Vorlaufzeit von drei bis sechs Monaten. Bis dahin kann sich die Gesetzeslage wieder geändert haben.

Kennen Sie Kollegen, die davon betroffen sind?
Ja, den Partner eines Mitarbeiters von mir, ein Kollege aus dem Iran. Als Hintergrund muss man wissen: Der Iran bürgert nicht aus, auch Syrien tut das nicht. Das führt dazu, dass selbst jemand, der die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, seine iranische oder syrische nicht abgeben kann. Das stellt sich nun als Problem für diese Menschen dar.

Für sich selbst erwarten Sie aber keine Schwierigkeiten?
Ich besitze einen deutschen Pass und habe meine jordanische Staatsbürgerschaft abgegeben, war jedoch noch nicht in den USA, seit der sogenannte „Muslimbann“ verhängt wurde. Aber selbst für Deutsche, die keinen Ursprung in muslimischen Ländern haben, gibt es seit einiger Zeit einen erheblichen Nachteil: Deutsche werden für die USA visumspflichtig, falls sie innerhalb der letzten fünf Jahres eines der Länder besucht haben, für die auch der Einreisestopp gegolten hätte. Ich kenne einige Wissenschaftler, die aufgrund dieser Regelung geplante Reisen in die USA nicht antreten konnten. Was die Zukunft angeht, so fragt man sich außerdem, ob mit den angekündigten „stärkeren Kontrollen“ eine Art „racial profiling“ eingesetzt wird, das es für Wissenschaftler bestimmter Herkunft beschwerlicher machen wird, in die USA zu reisen.

Sie pflegen als Krebsforscher einen intensiven Austausch mit Medizinern aus den Vereinigten Staaten. Wie ist die Stimmung dort?
Bei vielen herrscht große Sorge und Verunsicherung. Ein bekannter Krebsforscher, der sich gegen die Politik gestellt hat, sagte zu mir: „Bald seht ihr mich in Guantanamo.“ Das mag überspitzt formuliert sein, zeigt aber die Angst vor Sanktionen und eine starke Verbitterung.

Es ist auch damit zu rechnen, dass die Regierung in die inhaltliche Ausrichtung der Wissenschaft eingreifen wird…
Es gibt Anzeichen für eine Politisierung der Wissenschaft. Die neue Regierung ist durch die Weltanschauung der Trump- Berater sehr ideologisch geprägt. Und ich habe den Eindruck, dass auch viel „Geschäftssinn“ herrscht, der auf finanziellen Erfolg ausgerichtet ist, vor allem auf kurzfristigen. Auf Basis beider Aspekte dürfte es zu deutlichen Verschiebungen kommen. So erwartet man Einschnitte bei der Stammzellen- und Embryonenforschung oder bei der Klimaforschung. Technologische Forschung, auch im Weltraum, könnte dagegen verstärkt werden.

Welche Rolle spielt die Krebs-forschung? Es war zu lesen, dass offenbar das 2015 von der Obama-Regierung initiierte Großprojekt „Cancer Moon-shot“ zur Entwicklung individualisierter Therapien gegen Krebs nicht weiter staatlich finanziert werden soll.
Davon ist auszugehen. Wobei wir nicht wissen, ob die Krebsforschung ideologisch nicht passt, ob sie einfach uninteressant ist oder nicht unterstützt wird, weil sie langwierig und schwierig ist.

Das würde sicher auch für die internationale Krebsforschung einen Rückschlag bedeuten.
Ja natürlich. Die USA ist mit Abstand der wichtigste Forschungsstandort der Welt, auch bei der Krebsforschung. Kommt es zu einer Verlangsamung des Fortschritts in den USA, so wird das Auswirkungen auf die restliche Welt haben. Tröstlich ist allerdings die Tatsache, dass in den USA Forschung grundsätzlich zu einem erheblichen Teil durch private Gelder finanziert wird. Wir hoffen alle sehr, dass das nicht negativ durch die politische Ausrichtung beeinflusst wird.

Wissenschaftler in den USA wollen am 22. April mit einem „March for Science“ demonstrieren, auch in Deutschland ist eine solche Veranstaltung geplant. Lässt sich damit etwas bewirken?
Es ist wichtig, die Meinung öffentlich zu äußern. Ob sich so etwas erreichen lässt – ich weiß es nicht. Interessant finde ich aber auch eine andere Reaktion: Aus Sorge vor Wissenschaftsfeindlichkeit haben Forscher in den USA eine neuartige Initiative gestartet. Mit der Gruppe „314 Action“ verfolgen sie das Ziel, dass Wissenschaftler stärker in die Politik gehen. Denn zur Zeit haben nur sehr wenige Kongressmitglieder eine wissenschaftliche Ausbildung.

Wie können Wissenschaftler hierzulande Einfluss nehmen? Europäische Astronomen haben in dieser Woche aufgerufen, Fachkonferenzen in den USA zu boykottieren. Ist das eine Möglichkeit?
Das war auch die erste Reaktion, die mir in den Kopf gekommen ist. Im Mai findet in Chicago ein großer Krebskongress statt, dort sind wir hier aus dem Institut mit zwölf Beiträgen vertreten. Dann habe ich aber gedacht, dass wir so die Kollegen in den USA im Stich lassen. Erst vor kurzem erhielt ich ein Rundschreiben der amerikanischen Gesellschaft für Onkologie, bei der ich Mitglied bin. Es wurde dazu aufgerufen, nicht die amerikanischen Kongresse zu boykottieren, sondern in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten. Wie wir in Deutschland reagieren, wird sehr von den nächsten Erfahrungen abhängen. Sollten Wissenschaftler wegen ihres Aussehens, Ursprungs oder aufgrund ihrer vorangegangenen Auslandsaufenthalte in den USA benachteiligt werden, so könnte es letztlich doch dazu führen, dass der wissenschaftliche Austausch in Zukunft mehr in Europa geführt wird.

Interview: Pamela Dörhöfer

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