Pinwand_091020
+
Aus der jüdischen Perspektive: Ein Workshop mit Kunstschaffenden in Brandenburg.

Interview

Antisemitismus: „Was ist kaputt in der Gesellschaft?“

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
    schließen

Angesichts der Häufung von antisemitischen Gewalttaten fordert Jo Frank vom Begabtenförderungswerk der jüdischen Gemeinschaft konkrete Taten von der gesamten Gesellschaft.

Herr Frank, jüngst ist ein Student mit einer Kippa vor einer Hamburger Synagoge mit einem Spaten angegriffen und verletzt worden. Das weckt Erinnerungen an das Attentat auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr. All das sind deutliche Warnsignale. Antisemitismus ist weit verbreitet in Deutschland. Was können wir gegen den Hass tun?

Es ist mehr als ein Warnsignal, denn es gibt seit Jahrzehnten antisemitisch motivierte Gewalt, die sich gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland richtet. Antisemitismus ist leider ein wirkmächtiger Teil der deutschen Gesellschaft. Die Gewalttaten gehören für Jüdinnen und Juden zum Alltag. Das zeigt auch Ronen Steinke in seinem Buch „Terror gegen Juden“, der die antisemitischen Angriffe der vergangenen 75 Jahre recherchiert hat. Die Dokumentation ist 89 Seiten lang! Die Frage, was man gegen Antisemitismus tun kann, muss zuvorderst die nicht-jüdische Gesellschaft beantworten und nicht jüdische Organisationen. In welcher katastrophalen Lage wir uns befinden, zeigen die kürzeren Abstände zwischen den antisemitischen Übergriffen. Wohlwollende Worte helfen jetzt keinem weiter, sondern Taten. Erschrecken, Empörung, Betroffenheit – das alles verändert nichts.

Wie sollte konkret gehandelt werden?

Es muss mehr getan werden für die Sicherheit jüdischer Institutionen, da gab es zu viel Versagen. Jüdinnen und Juden müssen in Deutschland sicher leben können. Im Diskurs über Antisemitismus werden jüdische Menschen oft als das ganz Andere dargestellt, als ginge es darum, Artenschutz zu betreiben. Wahr ist aber vielmehr, dass es sich um deutsche Staatsangehörige handelt, die der Staat nicht schafft zu beschützen. Das müsste alle in höchstem Maß alarmieren. Es ist ein Armutszeugnis, dass jüdisches Leben nur hinter polizeilich bewachten Sicherheitszäunen stattfinden kann.

Wo sollte der Kampf gegen den gesellschaftlichen Antisemitismus ansetzen?

Offenkundig ist Antisemitismus eine Folge eines massiven Bildungsversagens und einer Pluralitätsinkompetenz der gesamten Gesellschaft. Dagegen müssen alle etwas tun. Bei unseren pädagogischen Veranstaltungen im Rahmen des Dagesh-Programms mit Jugendlichen werden Juden oft noch mit ganz alten antisemitischen Stereotypen assoziiert. Diese Vorurteile kommen nicht von den Kindern, sondern ganz klar aus der Gesellschaft. Gerade seit der Corona-Pandemie kursieren wieder antisemitische Verschwörungsmythen. Die Gesellschaft lässt Behauptungen zu, dass Jüdinnen und Juden das Corona-Virus erfunden hätten und davon profitieren würden. Warum steht die Gesellschaft nicht geschlossen auf und wehrt sich dagegen, dass so etwas digital verbreitet wird? Und auch die antisemitischen und rassistischen Chatgruppen bei der Polizei sind ein Beweis dafür, dass die Bildungsarbeit auf diesem Gebiet von der Schule bis hin zu Berufsausbildung oder Hochschule nicht angemessen erfolgt.

Der Kampf gegen Antisemitismus ist demnach eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Zur Person

Jo Frank, 38 Jahre, ist Geschäftsführer des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES), das Begabtenförderungswerk der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Für kulturelle und politische Bildungsarbeit engagiert er sich als Geschäftsführer und Programmleiter bei „Dagesh. Jüdische Kunst im Kontext“; diese Initiative richtet sich auch an Jugendliche. Beide Einrichtungen werden von der Leo Baeck Foundation gefördert. Darüber hinaus arbeitet Jo Frank als Autor und Verleger in Berlin. isk anja weber

Ja, selbstverständlich! Und daher ist es ein Problem, wenn allein an jüdische Institutionen auch noch die Aufgabe delegiert wird, eine Lösung für den Antisemitismus zu finden. Wir tragen als Teil der gesamten Gesellschaft die Verantwortung dabei mitzuwirken. Doch wo bleiben die Bildungsprogramme anderer Akteure? Konkret lautet mein Appell: Der Kampf gegen Antisemitismus sollte Eingang in alle Landesverfassungen finden, denn dann müssten alle Länder auch etwas dagegen tun. So lässt sich die Bildungsarbeit nachhaltig verankern.

Welchen Ansatz verfolgen Sie bei der Antisemitismusarbeit?

Wir möchten Antisemitismusarbeit aus der jüdischen Perspektive machen. Deshalb binden wir jüdische Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft ein, um die Sicht der Betroffenen zu stärken. Das halte ich für ganz wichtig, da Jüdinnen und Juden oft fälschlicherweise suggeriert wird, sie seien selbst schuld, wenn sie zum Ziel von Gewalt werden. Die Frage muss doch vielmehr lauten: Was ist kaputt in der Gesellschaft? Auch im Wissenschaftsdiskurs sollte die jüdische Perspektive nicht länger aufgrund der potenziellen Betroffenheit in Frage gestellt werden.

Jo Frank.

Wie kann eine umfassende Bildungsarbeit aus jüdischer Perspektive aussehen?

Wichtig ist uns die Vermittlung gegenwärtigen jüdischen Lebens. Man darf der Auseinandersetzung mit Antisemitismus nicht zu viel Macht einräumen, denn oft fehlt dadurch dann die Zeit für Themen, die etwa innerhalb der jüdischen Gemeinschaft diskutiert werden. Wenn bei unserem innovativen Dagesh-Programm Kunstschaffende den Schüler*innen anhand ihrer Werke Einblicke in die jüdische Kultur und das jüdische Leben geben, wäre es absurd, damit nur auf die Bekämpfung von Antisemitismus abzuzielen. Dennoch öffnen sich dadurch Räume, um offen über Vorbehalte zu sprechen und Stereotype abzubauen.

Ihr Studienwerk hat das bundesweite Aktionsprogramm „Nie wieder!?“ initiiert, das sich an junge Menschen aller 13 bundesweiten Begabtenförderungswerke richtet.

Das Programm hat mehrere Ebenen. Wir arbeiten mit sehr engagierten Stipendiat*innen. In einer digitalen Öffentlichkeitskampagne, an der sich auch die 16 Ministerpräsident*innen beteiligen, erklären Menschen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft, weshalb sie sich gegen Antisemitismus engagieren und warum eine offene und plurale Gesellschaft für uns alle wichtig ist. Zu unseren Abendveranstaltungen laden wir wiederum alle Interessierten ein. In der Einbeziehung aller gesellschaftlichen Schichten sehe ich einen Schlüssel für Veränderung. (Interview: Franziska Schubert)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare