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Man verträgt kein helles Licht, jedes Geräusch nervt: Migräne ist mehr als Kopfweh.

Medizin

Ein Antikörper gegen Migräne

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In Deutschland ist ein neues Medikament zur Behandlung der Schmerzkrankheit zugelassen worden.

In der Medizin spielen künstlich hergestellte Antikörper eine immer wichtigere Rolle. So werden sie seit Jahren bereits bei verschiedenen Krebsarten und bei Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder chronisch entzündlichen Darmleiden eingesetzt. Alle diese Substanzen sind dem Wirkungsprinzip der natürlich in Menschen vorkommenden Antikörper nachempfunden.

Unser Körper bildet diese Eiweißstoffe, wenn er Strukturen als fremd und potenziell gefährlich erkennt: Das können Eindringlinge wie Krankheitserreger sein, aber auch körpereigene Zellen, die sich bösartig verändert haben. Das Immunsystem ist in der Lage, speziell auf die jeweilige Bedrohung angepasste Antikörper zu produzieren. Sie binden sich nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an spezifische Substanzen auf der Oberfläche der fremden Strukturen und schalten diese damit aus. Inzwischen ist man in der Lage, Antikörper im Labor regelrecht zu designen, um gezielt bestimmte Funktionen im Organismus zu blockieren.

Solche Antikörper sind nun erstmals auch gegen Migräne entwickelt worden. Sie sollen helfen, einer Attacke vorzubeugen, indem sie einen Botenstoff blockieren, der am Entstehen eines Migräneanfalls beteiligt ist. Der erste Wirkstoff aus dieser neuen Medikamentenklasse ist nun in Europa zugelassen. Er heißt Erenumab und ist seit Anfang November auch in Deutschland erhältlich, hergestellt wird er von Novartis Pharma unter dem Produktnamen Aimovig.

Für zwei weitere Antikörper – Fremanezumab (Hersteller: TEVA) und Galcanezumab (Hersteller: Elli Lilly) – wurde die Zulassung ebenfalls beantragt. Experten rechnen damit, dass beide im Laufe des nächsten Jahres in Deutschland in den Handel kommen. Die Nachfrage sei enorm, sagt die Schmerzspezialistin Stefanie Förderreuther von der Neurologischen Klinik und Poliklinik am Campus Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Übernahme der Kosten ist noch nicht geklärt

Alle drei Antikörper der neuen Wirkstoffklasse richten sich gegen das gleiche Antigen, das Protein CGRP (Calzitonin-gene related peptide). Es gehört zu einer Gruppe von Botenstoffen, deren Aufgabe es ist, im Falle einer Minderdurchblutung die Blutgefäße weit zu stellen und so die Durchblutung zu verbessern.

Dieses Protein wird aber auch während einer Migräneattacke ausgeschüttet und ist wesentlich für die damit verbundenen, oft unerträglichen Kopfschmerzen verantwortlich. Denn CGRP und einige weitere Botenstoffe sorgen für eine Entzündung an den Blutgefäßen von Gehirn und Hirnhäuten. Während einer Migräneattacke ist die Konzentration von CGRP im Blut von Patienten erhöht. Bei Menschen, die unter chronischer Migräne leiden – darunter versteht man mehr als 15 Tage mit migränetypischen Kopfschmerzen im Monat – liegt der Spiegel im Blut dauerhaft über dem Normalwert.

Auch Immunzellen, Zellen der Gefäßwände und einige Hautzellen bilden CGRP, Rezeptoren (Bindungsstellen) für diesen Botenstoff finden sich an Blutgefäßen im gesamten Körper, an den Nieren und im Magen-Darm-Trakt.

Mit den neuen Antikörpern gegen CGRP wurden erstmals Medikamente gezielt zur vorbeugenden Therapie bei Migräne entwickelt. Zwar stehen Patienten bereits verschiedene Mittel zu Verfügung, doch basieren sie alle auf Nebeneffekten von Medikamenten, die primär zur Behandlung anderer Erkrankungen konzipiert wurden, erklärt Stefanie Förderreuther. So werden zur Migräneprophylaxe unter anderem Blutdrucksenker oder Anti-Epileptika eingesetzt. Die oft erheblichen Nebenwirkungen sorgen indes dafür, dass ein Großteil der Migräniker die Behandlung abbricht, sagt Charly Gaul, Leiter der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein.

Die Antikörper hingegen seien sehr gut verträglich, in den Studien hätten deshalb nur zwei bis drei Prozent der Teilnehmer die Behandlung aufgegeben. Nebenwirkungen, die man vielleicht aufgrund der Blockade des Botenstoffs befürchten könnte, traten in den Studien nicht auf. Hauptbeschwerden sollen Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle gewesen sein. Denn die neuen Medikamente können nicht als Tabletten eingenommen, sondern müssen (wie alle Antikörper) gespritzt werden – je nach Präparat einmal alle zwei oder alle vier Wochen oder alle drei Monate. Charly Gaul weist allerdings darauf hin, dass die positiven Erfahrungen bislang nur auf Studien basieren: „Wir wissen nicht, wie die Verträglichkeit in der Breite ist.“

In den Studien führten die Antikörper bei den Teilnehmern zu einer deutlichen Abnahme der monatlichen Migränetage – und das bereits nach vier Wochen. Bei der Behandlung mit Erenumab gingen bei Patienten mit durchschnittlich acht Migränetagen im Monat (das entspricht einer „episodischen Migräne“) die Zahl der Schmerztage um drei Tage zurück. 40 Prozent der Patienten, die den Antikörper erhielten, haben laut Studienergebnis eine Besserung von mindestens 50 Prozent erfahren. Bei der besonders schwer zu behandelnden chronischen Migräne mit durchschnittlich 18 Migränetagen im Monat gingen die Kopfschmerztage um sechs bis sieben Tage zurück. Eine mindestens 50-prozentige Besserung war auch hier bei etwa 40 Prozent der Patienten zu verzeichnen.

Mit einer Fremanezumab-Therapie ließ sich bei der „hochfrequenten episodischen Migräne“ mit acht bis zehn Migränetagen im Monat ein Rückgang um etwa sechs Tage erreichen. Mehr als 50 Prozent der Patienten zeigte eine Besserung um mindestens die Hälfte. Bei Patienten mit chronischer Migräne gingen die Kopfschmerztage um vier bis fünf Tage zurück. Eine mindestens 50-prozentige Besserung war bei 40 Prozent der Teilnehmer festzustellen. Galcanezumab wurde in den Studien nur bei episodischer Migräne eingesetzt. Die Migränetage nahmen bei neun Tagen im Monat um vier bis fünf Tage ab, es wurde eine Verbesserung um mindestens 50 Prozent bei 60 Prozent der Patienten erreicht.

„Wundermittel sind auch die neuen Antikörper nicht“, räumt Charly Gaul ein – aber eine Alternative vor allem für jene Patienten, die mit den anderen Therapien zur Prophylaxe nicht zurechtgekommen sind. Eine Heilung der Migräne sei allerdings auch bei einem Anschlagen der neuen Mittel nicht zu erwarten. Noch ist zudem nicht geklärt, welche Patienten die Antikörper- Therapie von den Krankenkassen bezahlt bekommen.

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