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Die sorglose Verabreichung von Antibiotika begünstigt Resistenzen.  

Medizin

Antibiotika werden zu oft und falsch verordnet

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Über Antibiotika gibt es weit verbreitete Irrtümer. Zur Weltantibiotikawoche klären Experten auf. Wogegen wirken Antibiotika und wie soll man sie einnehmen?

Würden Antibiotika nicht mehr wirken, so könnte das die Menschheit medizinisch weit zurückwerfen: Infektionskrankheiten, die längst beherrschbar schienen, könnten sich massiv ausbreiten und wieder so häufig zum Tode führen wie vor der Entdeckung des Penicillins im Jahr 1928. Dass Erregern furchtbarer Krankheiten wie der Pest oder schwerer Lungenentzündungen nicht mehr mit Medikamenten beizukommen sein könnte, ist eine Horrorvorstellung. Doch ganz unrealistisch ist dieses Szenario nicht: Vor allem durch die allzu sorglose Verschreibungspraxis und den in manchen Ländern sogar rezeptfreien Zugang zu Antibiotika haben viele Bakterien Resistenzen entwickelt und reagieren nicht mehr auf diese Mittel.

Auf dieses Problem – eines der größten in der modernen Medizin – will die Weltgesundheitsorganisation WHO mit der diesjährigen Weltantibiotikawoche aufmerksam machen, die noch bis zum Sonntag dauert. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) nimmt das zum Anlass, um auf einige häufige Irrtümer und Missverständnisse im Zusammenhang mit Antibiotika und Resistenzen aufmerksam zu machen. Sie stellen klar:

Antibiotika wirken nicht gegen eine Erkältung oder Grippe

Wenn es im Hals kratzt, das Schlucken schmerzt, man ständig husten muss und die Nase läuft, denken viele Menschen immer noch, ein Antibiotikum könnte schnell Abhilfe verschaffen. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK erwarten 72 Prozent der Patienten, dass ihr Hausarzt ihnen bei einer Erkältung ein Antibiotikum verordnet, wenn die Symptome nicht schnell von selbst besser werden. Tatsächlich geben immer noch viele Ärzte diesem Drängen nach – irrtümlicherweise oder auch wider besseres Wissen.

Grippale Infekte, Erkältungen und Grippe werden jedoch nicht von Bakterien, sondern von Viren ausgelöst – und gegen diese Erreger richten Antibiotika überhaupt nichts aus. Eine Verordnung kann nur dann angezeigt sein, wenn sich auf die Virusinfektion noch eine bakterielle Infektion „draufsetzt“.

Die oft unnötige Einnahme von Antibiotika hat weitreichende Folgen, nicht alleine für die Patienten, deren Beschwerden davon nicht verschwinden, die dafür aber ein Medikament mit einer Reihe von Nebenwirkungen genommen haben. Werden Antibiotika zu oft oder falsch eingesetzt, bilden Bakterien immer schneller Resistenzen aus, warnen die Experten der DGI. Die Mittel verlieren ihre Wirkung –und helfen nicht mehr, wenn es wirklich nötig wäre.

Die Faustregeln zur Einnahme von Antibiotika sind veraltet

Wer ein Antibiotikum verschrieben kriegt, bekommt vom Arzt oft gesagt, das Mittel auf jeden Fall auch noch nach dem Verschwinden der Beschwerden bis zum Ende der Packung einzunehmen. „Diese Regel ist zu stark vereinfacht und veraltet“, warnt die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie. Vielmehr wisse man heute, dass bei vielen Infektion eine kurze Einnahmezeit ausreiche, um die Erkrankung erfolgreich zu bekämpfen. „Bei einer Harnwegsinfektion beispielsweise muss das Medikament mitunter nur einen Tag lang eingenommen werden“, heißt es in der Mitteilung der DGI.

Eine kürzere Therapie habe zudem den Vorteil, dass weniger resistente Erreger entstünden. Die Experten empfehlen: „Der Arzt sollte idealerweise eine individuelle Einnahmedauer vorgeben, die gezielt auf die jeweilige Infektion und den zu erwartenden Verlauf abgestimmt ist.“ Seien die Symptome frühzeitig ausgeheilt, sollten Patienten ihren Arzt kontaktieren und mit ihm das weitere Vorgehen besprechen. „Für Antibiotika gilt also, was für andere Medikamente auch gilt: Sie sollten so lange wie nötig, aber so kurz wie möglich eingenommen werden.“

Bakterien und nicht Menschen werden gegen Antibiotika resistent

„Ich habe schon so viele Antibiotika geschluckt, deshalb schlagen sie bei mir nicht mehr an, bei anderen Menschen würden sie noch wirken“: Solche Gedanken sind verbreitet, wie eine Befragung aus dem Jahr 2018 zeigt. Demnach gingen 63 Prozent der 2000 Befragten Deutschen davon aus, dass Menschen gegen Antibiotika resistent werden können. Das stimmt jedoch nicht, betonen die Ärzte der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Richtig hingegen sei: „Nur Bakterien werden gegen Antibiotika resistent.“ Dabei handelt es sich um einen Abwehrmechanismus, den die Erreger im Laufe der Evolution ausgebildet haben.

Damit sind Resistenzen kein Problem eines individuellen Menschen. Vielmehr können unempfindlich gewordene Bakterien sich ausbreiten und werden so zur Gefahr für alle Menschen – also auch für jene, die vorher unter Umständen noch nie ein Antibiotikum genommen haben. Vor allem bei Patienten, deren Immunsystem geschwächt ist oder die gerade frisch operiert wurden, können resistente Bakterien zu Infektionen führen, die dann kaum noch in den Griff zu kriegen sind.

Die größte Gefahr stellen immer noch Erreger dar, die nicht gegen Antibiotika resistent sind

Resistente Keime dominieren zwar die Schlagzeilen, sind aber tatsächlich nicht per se gefährlicher als nicht-resistente, erklären die Mediziner der DGI. So stünden auch gegen den berüchtigten MRSA-Keim (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) immer noch Antibiotika „aus mindestens sechs unterschiedlichen Substanzklassen“ zur Verfügung“. Andere Bakterien, die nicht als resistent eingestuft sind, ließen sich teilweise mit weniger Substanzklassen behandeln.

Außerdem würden zumindest in Deutschland nach wie vor die „allermeisten schweren Infektionen durch Erreger verursacht, die nicht als multiresistent gelten“. So erkrankten jedes Jahr in Deutschland etwa 30 000 Menschen an einer durch das Bakterium Staphylococcus aureus ausgelösten Blutstrominfektion, die wegen ihrer hohen Sterblichkeitsrate gefürchtet ist. Für weniger als zehn Prozent dieser Infektionen sei die multiresistente Variante des Keims verantwortlich, erläutern die Mediziner.

WHO mahnt: Jeder muss helfen, die Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen einzudämmen

Die WHO mahnt zur Weltantibiotikawoche, dass alle in der Verantwortung seien, um die Verbreitung von Resistenzen einzudämmen. „Das reicht von der rationalen Antibiotikaverordnung in der Human- und Tiermedizin über den sorgsamen Umgang mit Antibiotika seitens der Patienten bis hin zur Politik und der pharmazeutischen Industrie, die sich dringend über die Problematik der unzureichenden Antibiotika-Forschung und Antibiotika-Lieferengpässe verständigen müssen“, sagt Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Die DGI fordert zudem, in der Inneren Medizin eine Facharztausbildung für Infektionskrankheiten zu etablieren, um die Versorgung von Patienten langfristig zu verbessern.

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