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Vorübergehend elternlose Kinder – hier mit Gasmasken – ließ Anna Freud im Zweiten Weltkrieg in Londoner Heimen betreuen.

Psychoanalyse

Die Kinderversteherin

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Anna Freud entwickelte eine speziell auf Kleinkinder zugeschnittene Form der Psychoanalyse, die bis heute Beachtung findet.

Inge-Martine Pretorius bekommt heute noch eine Gänsehaut, wenn sie sich mit den Archiven der Kriegskinderheime beschäftigt. Anna Freud, die Tochter des berühmten österreichischen Begründers der Psychoanalyse, eröffnete die Heime während des Zweiten Weltkriegs in London. „Damals wurden so viele Leben zerstört“, sagt Pretorius, klinische Leiterin des Eltern-Kleinkind-Dienstes am Anna Freud Centre, wo sie als Psychoanalytikerin ein- bis dreijährige Kinder behandelt.

Insbesondere auf Anna Freuds Langezeitbeobachtungen von Geschwisterbeziehungen und gleichaltrigen Kindern ging Pretorius in ihrem Vortrag während der Jahrestagung der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten an der Goethe-Universität in Frankfurt ein. „Die Einladung, dort zu sprechen, war eine große Ehre für mich“, betont sie.

Mehr als 200 Kinder wurden in den Heimen, den Hampstead War Nurseries, ab 1940 betreut. In den Archiven lagern Briefe, darunter befand sich auch eine Gruppe von sechs Kindern, die aus dem Konzentrationslager Theresienstadt befreit worden war. Im Archiv lagern Akten und Briefe, aber auch Anna Freuds psychoanalytische Beobachtungen der kindlichen Entwicklung sind dokumentiert. Viele der Heimbewohner waren keine Waisen, sondern nur vorübergehend von ihren Eltern aufgrund der Kriegswirren getrennt.

„Vor kurzem kam eine Frau zu mir, die erst im Alter von 70 Jahren zum ersten Mal einen handgeschriebenen Brief ihrer verstorbenen deutschen Mutter zu Gesicht bekam“, berichtet Pretorius. „Das war berührend.“

Bereits im Jahr 1937 hatte Anna Freud in ihrer Heimatstadt Wien die experimentelle Jackson-Kinderkrippe gegründet, um zu studieren, wie Kinder wachsen und sich entwickeln. Sie wollte direkt beobachten und von den Kindern lernen. Doch bereits ein Jahr später – im März 1938 verhörte die Gestapo Anna Freud tagelang – sah sich ein Teil der Familie Freud aufgrund antisemitisch motivierter Repressionen gezwungen, nach London zu fliehen. Nur gegen Zahlung einer hohen Summe konnten die Familienmitglieder Österreichs Hauptstadt überhaupt verlassen. Die vier Schwestern von Sigmund Freud, die in Wien zurückblieben, wurden alle in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ermordet.

London entwickelte sich auch aufgrund der vielen jüdischen Emigranten zum neuen europäischen Zentrum der Psychoanalyse. Selbstverständlich wandte Anna Freud (1895 bis 1982) in ihrer Arbeit auch die von ihrem Vater entwickelten Phasen der psychosexuellen Entwicklung an. Diese beginnen mit der oralen Phase während des ersten halben Lebensjahres, wobei die Mundregion die erste erogene Zone darstellt.

Die Psychoanalytikerin Anna Freud mit ihrem Vater Sigmund auf dem Pariser Ostbahnhof, 1938.

Allerdings grenzte sich die Tochter bei der Entwicklung der Kinderpsychoanalyse in einigen Punkten kategorisch von den Annahmen ihres Vaters ab. So betrachtete sie Kinder „nicht als kleine Erwachsene“, sondern als unreif, die man dementsprechend anders behandeln muss – „mit einer Mischung aus Entwicklungstherapie und klassischer Technik für neurotische Störungen“, sagt Pretorius.

Besonders aufschlussreich war für Anna Freud, dass in den Heimen gleichaltrige Kinder zusammenlebten. So habe sie eine sehr komplizierte Theorie der Entwicklungslinien entwickelt, „die wie Bahnen parallel zueinander verlaufen, die sie bewusst aber nicht auf bestimmte Altersgrenzen festlegte, da sie individuell sehr unterschiedlich ablaufen“, sagt Pretorius. Anna Freud und Melanie Klein, die 1926 nach London emigriert war und dort ihre eigene Schule der Kinderanalyse entwickelt hatte, lieferten sich übrigens eine heftige Kontroverse darüber, ab wann und wie Kinder zu therapieren seien.

Körper und Geist sind auch bei Kindern eng verbunden. „Befindet sich ein Kind nicht auf dem normalen Weg der Entwicklung, ist es nicht hilfreich ausschließlich die Symptome zu therapieren“, betont Pretorius. „Wenn etwa ein Kind bei Schulbeginn als Bettnässer zu mir kommt, frage ich zunächst, ob es überhaupt schon mal trocken war. Dann versuche ich herauszufinden, ob es sich um eine Stressreaktion, um eine Verzögerung oder eine Regression handelt.“

Traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit haben Auswirkungen auf das spätere Liebes- und Berufsleben. Während Erwachsene in der psychoanalytischen Therapie zunächst locker darüber sprechen, was sie ihnen etwa gerade einfällt oder was sie stört, spielt und spricht die Kinderpsychoanalytikerin Inge-Martine Pretorius mit ihren kleinen Patienten – in der Regel 50 Minuten lang bis zu viermal in der Woche.

Pretorius kann sogar Kinder behandeln, die noch gar nicht sprechen können. Und mit kleinen Kindern bis zum Alter von drei Jahren arbeitet sie anders als mit denen, die bereits sprechen und Erlebtes oft in Bildern und Symbolen abspeichern. „Dass wir uns so schlecht daran erinnern, was vor dem Eintritt ins vierte Lebensjahr passiert ist, liegt daran, dass Kleinkinder das Erlebte als körperliche Aktionen abspeichern und diese auch nur in dieser Form reproduzieren können.“

Doch welche Anzeichen gibt es für eine Störung? „Traumatisierte Kinder können oft nicht spielen“, berichtet Pretorius von ihrer Arbeit. Sie hatte einen sehr schwierigen Fall eines vierjährigen Adoptivkindes, das sie insgesamt fünf Jahre lang therapierte. Als er zu ihr kam, sei er hochaggressiv gewesen: „Er hat geschrien, wenn er seinen Adoptivvater sah, den er nicht leiden konnte. Er hatte kein Vertrauen zu seinen neuen Eltern, die wiederum außer sich waren, weil sie nicht mehr weiter wussten.“ Grund für sein Verhalten war eine grauenvolle Traumatisierung in seiner Herkunftsfamilie im Alter von 18 Monaten.

„Zunächst leistete ich während der Behandlung nur Erziehungshilfe und verhinderte, dass er sich, den Raum oder mich zerstörte. Indem er provozierte, reproduzierte er das Weltbild, das er kannte und das ihm Sicherheit verschaffte“, berichtet Pretorius. Schwierige Kinder hätten oft Lücken in der Erziehung, beispielsweise fehlen ihnen Vokabeln für ihre Gefühle, die ihnen im Normalfall die Eltern beibringen.

Der traumatisierte Junge war zudem hyperaktiv, „aber wir waren uns sicher, dass das eine Folge der Traumatisierung war. Wenn wir diese behandeln, glaubten wir, würde auch die Unruhe nachlassen.“ Und Pretorius behielt recht; auch ohne Medikamente holte der Junge in der Schule schließlich nach, was er in der ersten Klasse verpasst hatte – das Alphabet und Rechnen.

Von seinen späteren Lehrern merkte niemand, dass der Junge früher verhaltensauffällig war, und er baute eine vertrauensvolle Beziehung zu seinen Adoptiveltern auf. „Nur am Ende der Therapie waren sie beunruhigt, da der Junge wieder Rückschritte machte.“ Das sei jedoch normal, weil ein Patient mit dem Ende der Therapie stets eine wichtige Bezugsperson verliere. „Aber wir Psychoanalytiker können bei so einem schweren Trauma nur helfen. Einen Menschen völlig zu heilen, ist in diesem Fall unmöglich“, betont Pretorius.

Derzeit erfährt das Londoner Zentrum allerdings einen Bruch mit der von Anna Freud begründeten Tradition: „Peter Fonagy, der Leiter des Anna Freud Centre, hat die Richtung unseres Zentrums verändert. Kinderpsychoanalytiker werden seit 2004 am Anna Freud Centre nun nicht mehr ausgebildet und wir bieten weniger klinische analytische Arbeit als früher an“, berichtet Pretorius. Peter Fonagy hat zudem ein neues Konzept der Mentalisierung entwickelt, das bei der kindlichen Beziehung zur Mutter ansetzt und besagt, dass zum Funktionieren von Beziehungen ein Mensch fähig sein sollte zu mentalisieren – sich in die Gedanken und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen.

Außerdem wird das Anna Freud Centre umziehen, da die historischen Gebäude neben dem ehemaligen Wohnhaus der Freuds in Maresfield Gardens, in dem sich nun das gleichnamige Museum befindet, verkauft worden sind. Pretorius bedauert das, schließlich gab sie ihre vorherige Laufbahn als Molekularbiologin auf, nachdem sie die renommierte Ausbildung zur Kinderpsychoanalytikerin an dem Londoner Zentrum absolviert hatte – und widmet sich seitdem voll und ganz dieser Disziplin; unter anderem lehrt sie am University College in London und arbeitet in Teilzeit in einer Brennpunkt-Kita in der britischen Hauptstadt.

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