Wolf bleibt Wolf. Dieses Exemplar allerdings wohnt in einem Gehege.
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Alexander Heinl/dpa

Wölfe

Die Angst vor dem Wolf

Während Naturschützer sich darüber freuen, dass der Wolf in Deutschland wieder heimisch wird, wächst bei vielen Weidetierhaltern die Sorge. Schäfer fühlen sich beim Schutz ihrer Herden von den Behörden alleingelassen.

Es war ein Schock für Ingo Stoll, als er Mitte April zehn tote Lämmer und sechs verletzte Schafe auf seiner Koppel fand. Die Tiere waren einem Wolfs-Angriff zum Opfer gefallen. „Meine Tiere haben sich wochenlang nicht beruhigt“, klagt der Schäfer aus Lindholz bei Bad Sülze in Vorpommern. Außerdem sei er auf rund 2 500 Euro Schaden sitzengeblieben. So wie viele seiner Kollegen fühlt sich Stoll von den Behörden alleingelassen, wenn es um den unter Naturschutz stehenden Wolf geht.

Eine im Mai veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) sorgt bei dem Schäfer zusätzlich für Empörung. Danach eignen sich weite Teile Deutschlands als Lebensraum für die Raubtiere. Von 700 bis 1 400 möglichen Wolfsterritorien ist die Rede. „Die forschen, wo der Wolf überall herumlaufen kann, aber für effektive Abwehrmaßnahmen ist zu wenig Geld da,“ klagt Stoll, der seit über zwei Monaten auf eine Förderzusage für den Bau von Herdenschutzzäunen wartet.

Der Wolf kehrt langsam zurück

Fast 150 Jahre lang war der Wolf in Deutschland ausgestorben. Seit zwei Jahrzehnten kehrt er nach und nach zurück. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz wurden bis Ende vergangenen Jahres insgesamt 105 Wolfsrudel, 25 Wolfspaare und 13 sesshafte Einzelwölfe in Deutschland nachgewiesen. Wölfe gelten laut Bundesnaturschutzgesetz als streng geschützte Tierart.

Doch die Konflikte mit Weidetierhaltern nehmen zu. Häufig wird von getöteten Schafen berichtet, Ende Juni rissen Wölfe sogar zwei Jungpferde in Niedersachsen. Es werde zu wenig gegen die Verbreitung der Wölfe getan, kritisiert Stefan Völl, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Landessschafzuchtverbände und des Bundesverbandes Deutscher Ziegenzüchter in Berlin. Die Wolfspopulation wachse nach Einschätzung der Verbände jährlich um rund 30 Prozent.

Der Deutsche Jagdverband (DJV) prognostizierte für dieses Frühjahr einen Bestand von rund 1 800 Wölfen in Deutschland und fordert, die Bejagung des Wolfes zuzulassen. Schaf- und Ziegenhalter sehen das genau so: „Bei den Wachstumsraten wäre es kein Problem, auch mal fünf Prozent zu entnehmen“, so formuliert es Stefan Völl.

Zuletzt wies die Statistik der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) für das Jahr 2018 rund 2 000 durch Wolfs-Angriffe getötete Nutztiere aus. Übergriffe auf Nutztiere gibt es nach Informationen des Bundesumweltministeriums vor allem durch durchziehende Tiere und dort, wo Wölfe sich in neuen Territorien etablierten. Zu über 90 Prozent ernährten sie sich von Reh-, Rot- und Schwarzwild.

„Problemwölfe“ dürfen abgeschossen werden

Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt schon jetzt den Abschuss von „Problemwölfen“ – mit Genehmigung der zuständigen Landesbehörde. „Doch da sind die Verantwortlichen vor Ort viel zu zögerlich“, kritisiert Bernhard Feßler, Sprecher der Initiative „Wolf bleibt Wolf“.

Das nordrhein-westfälische Landesumweltamt lehnte es im Frühjahr ab, die Wölfin „Gloria“ zum Abschuss freizugeben, die bereits Dutzende Weidetiere gerissen hat. Die Behörde hatte dafür ein handfestes Argument: Die Weiden der betroffenen Schäfer seien nicht hinreichend geschützt gewesen. Laut Bundesnaturschutzgesetz dürfen Wölfe nur dann getötet werden, wenn sie mehrfach spezielle Herdenschutzzäune überwunden haben. Auch Entschädigung für gerissene Tiere bekommen die Halter nur dann, wenn sie die Weiden entsprechend gesichert hatten.

In fehlendem Schutz sehen Umweltverbände auch das eigentliche Problem: Abschuss von Wölfen sei keine Lösung, sagt Friederike Scholz, Wildtierexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Der Wolf sei nun einmal hier und bleibe es auch. Vielmehr brauche es für Weidetierhalter einen konsequenten Schutz durch Elektrozäune oder ausgebildete Herdenschutzhunde. „Diese Maßnahmen funktionieren nachweislich.“ Allerdings müssten die Tierhalter auch entsprechend finanziell unterstützt werden, fordert Scholz.

Daran hapert es aber auch Sicht der Schäfer. In den meisten Bundesländern können Weidetierhalter zwar bis zu 100 Prozent Zuschuss zur Anschaffung von Herdenschutzzäunen oder -hunden beantragen. Oft würden die Anträge aber sehr schleppend bearbeitet, kritisiert Völl. Er glaubt, dass die hohen Kosten für den Herdenschutz unterschätzt worden seien. „Es wird zu wenig Geld für die Zuschüsse bereitgestellt.“

Allein Schäfer Stoll hat Fördermittel in Höhe von 80 000 Euro beantragt. Selbst wenn ihm die Zäune bezahlt würden, so müsse er die vielen Stunden Arbeit für den Aufbau umsonst leisten, klagt Stoll. „Bei mir ist auch noch kein Naturschützer oder Wolfsfreund aufgetaucht, um zu helfen.“

Einige Schäfer in Niedersachsen haben da allerdings andere Erfahrungen gemacht. Dort unterstützt der Naturschutzbund Deutschland (NABU) Tierhalter mit einem Herdenschutzprojekt: Seit dem Start vor rund drei Jahren hätten geschulte ehrenamtliche Helfer gut 400 Hektar Weideland eingezäunt, sagt Projektleiter Peter Schütte. (epd)

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