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Wer im Aufzug stecken bleibt, kann Jahre danach noch panische Angst vor engen Räumen haben.
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Wer im Aufzug stecken bleibt, kann Jahre danach noch panische Angst vor engen Räumen haben.

Betablocker

Die Angst wird gelöscht

Hartnäckige Phobien wie Flugangst oder Lampenfieber könnten durch die Gabe von Betablockern, kombiniert mit Psychotherapie, beseitigt werden. Von Johann Caspar Rüegg

Von JOHANN CASPAR RÜEGG

Angst bleibt im Gedächtnis. Wer nach einem Stromausfall stundenlang in einem stecken gebliebenen Fahrstuhl hilflos ausharren musste, der ängstigt sich danach vielleicht noch jahrelang davor, je wieder in einem Aufzug zu fahren. Möglicherweise wird er sich sogar überhaupt vor engen Räumen fürchten. Viele Menschen leiden unter einer solchen Klaustrophobie.

Weit verbreitet sind auch andere Angstkrankheiten wie Platzangst, Examensangst, Höhenangst, Flugangst, Angst vor Herzinfarkt oder "Lampenfieber", die sämtlich Herzklopfen, Blutdruckanstieg und Atemnot auslösen.

Genauso wie Furcht vor Schlangen und Spinnen sind diese irrationalen Ängste erlernt - und sie halten sich hartnäckig. Denn sie schlummern im Unbewussten - unverbrüchlich eingebrannt im emotionalen Gedächtnis für Furcht, genauer gesagt in den neuronalen Netzwerken des Mandelkerns, einer Hirnregion, die subkortikal, tief unter der Hirnrinde des Schläfenlappens gelegen ist.

Unbewusste, Angst erregende traumatische Erinnerungen, die vom Mandelkern gebildet werden, bleiben uns wahrscheinlich lebenslang erhalten. Sogar nach einer zunächst erfolgreichen Verhaltenstherapie können sie später erneut aufflackern. "Der Mandelkern vergisst nicht", sagen Neuropsychologen deshalb - oder vielleicht doch?

Mit dem Betablocker Propranolol, der von Ärzten auch als Mittel gegen Herzrasen und hohen Blutdruck eingesetzt wird, kann eine erlernte Angst vor Spinnen anscheinend gelöscht werden. Das berichten die Neuropsychologin Merel Kindt von der Universität Amsterdam und ihre Kollegen im Wissenschaftsmagazin Nature Neuroscience (Band 12). Propranolol und andere Betablocker sind Medikamente, die die Wirkung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin hemmen. Sie wirken vor allem auf das Herz, blockieren aber auch entsprechende Rezeptoren im Mandelkern.

Die holländischen Forscher untersuchten 60 freiwillige Versuchspersonen, Studenten und Studentinnen, denen sie auf dem Bildschirm eines Computers immer wieder zwei verschiedene Fotos von Spinnen zeigten. Beim Betrachten des einen Bildes wurde den Probanden jeweils ein unangenehmer elektrischen Schock am linken Handgelenk versetzt. Dabei reagierten sie wie erwartet mit einer leichten Angst- und Schreckreaktion: Sie blinzelten, was die Wissenschaftler durch die Registrierung des Lidschlagreflexes objektiv erfassten.

Mit der Zeit erschraken die Studenten aber schon beim bloßen Anblick des betreffenden Bildes: Sie zwinkerten unwillkürlich mit den Augen - auch ohne einen Stromstoß. Offenbar war jetzt die Furchtreaktion konditioniert - ähnlich wie der berühmte Pawlow'sche Reflex. Auch am Tag danach löste der Blick auf das Bild der "bösen" Spinne immer noch den konditionierten Lidschlagreflex und Angst aus, während das andere, "neutrale" Spinnen-Bild die Probanden völlig kalt ließ. Die Angst vor der "bösen" Spinne war somit erlernt worden, sie hatte sich ins Furchtgedächtnis "eingegraben".

Lässt sich die Spinnenphobie auch wieder verlernen, vielleicht sogar dauerhaft löschen? Das fragten sich nun die Forscher. Sie verabreichten einer Gruppe von Probanden am zweiten Versuchstag eine Tablette Propranolol und zeigten ihnen eine halbe Stunde danach noch einmal das Bild der Spinne. Wie erwartet, provozierten sie auf diese Weise wieder die erlernte Furchtreaktion.

Einen Tag später zeigte das eingenommene Medikament eine Wirkung. Die Versuchsteilnehmer mussten beim Anblick der Spinne nun nicht mehr erschrocken mit den Augen zwinkern. Die Furcht war weg, sie konnte auch nicht mehr reaktiviert werden - als ob das Furchtgedächtnis durch das Medikament innerhalb von 24 Stunden gelöscht worden wäre.

Rätselhaft bleibt indessen, wieso sich bei der Präsentation der Spinne all jene Versuchsteilnehmer immer noch fürchten mussten, die zwar die Pille ebenfalls geschluckt hatten, es jedoch versäumt hatten, gleich danach einen Blick auf das Foto der Spinne zu werfen und so ihr Furchtgedächtnis zu reaktivieren. Warum verfehlte das Medikament gerade bei ihnen seine Wirkung?

Experimente mit Tieren des bekannten US-Emotionsforschers Joseph LeDoux und seines Kollegen Karim Nader erhellen den komplizierten Wirkungsmechanismus der Pille. Genauso wie Menschen leiden auch Ratten und Mäuse unter erworbenen Furchtreaktionen. So können Ratten die Angst vor Piep-Tönen durch Konditionierung erlernen. Dabei werden gewisse Synapsen im Mandelkern strukturell verändert und sogar neu gebildet. Bildlich gesprochen wird die Angst damit ins emotionale Gedächtnis "eingraviert" - als Engramm, als physiologische Spur im Gedächtnis.

Durch einen Gedächtnis-Abruf, etwa beim Hören von Pieptönen, wird die Furcht emotional reaktiviert, die Ratte erstarrt vor Angst. Gleichzeitig lockern sich jedoch im Mandelkern überraschend die neu geknüpften synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen.

Würden sich die labilen Synapsen nicht wie gewöhnlich spontan durch körpereigene biochemische Prozesse wieder verfestigen - "rekonsolidieren" wie es in der Fachsprache heißt - so würde sich mit der Zeit die Gedächtnisspur der Angst verwischen und damit das Furchtgedächtnis gelöscht.

Genau das passiert aber offenbar, wenn die Rekonsolidierung durch bestimmte Interventionen verhindert wird, etwa mit Propranolol, wie LeDoux herausgefunden hat. Indem Betablocker die Rekonsolidierung des abgerufenen emotionalen Gedächtnisinhaltes hemmen, können sie eine konditionierte Angstreaktion auf Dauer verhindern und die Angst löschen - auch beim Menschen wie die neuen Studien von Merel Kindt belegen. Ob der Betablocker Propranolol das emotionale Furchtgedächtnis tatsächlich tilgt oder nur dessen Abruf blockiert, ist allerdings noch eine offene Frage.

Keine Auswirkungen hat Propranolol hingegen auf das Gedächtnis für erworbenes Wissen und autobiografische Erinnerungen, das in der assoziativen Großhirnrinde gelegen ist: Auch nach der Behandlung mit dem Betablocker erinnerten sich die Versuchspersonen noch bis ins Detail an den Versuchsablauf. Sie assoziierten mit dem unangenehmen elektrischen Reiz am Handgelenk ein bestimmtes Bild der Spinne. Aber: Sie zwinkerten dabei nicht mehr; die im emotionalen Gedächtnis verankerte Spinnenangst war definitiv verschwunden.

Die Amsterdamer Neuropsychologin Merel Kindt hofft durch ihre Studien einer nachhaltigen, medikamentös unterstützten Verhaltenstherapie von Angstkrankheiten - und vielleicht auch von posttraumatischen Belastungsstörungen - neue Wege öffnen zu können. Die traditionelle, ausschließlich verhaltenstherapeutische Behandlung von Ängsten zeitige zwar ebenfalls Erfolge, sagt sie. Doch nicht selten sei danach mit Rückfällen zu rechnen, vor allem bei Stress.

Ähnlich äußerte sich unlängst auch der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer in der Zeitschrift Nervenheilkunde (Band 26). Er geht davon aus, dass es im sicheren Setting einer Therapie zum Wiedererleben von Ängsten kommen könne und damit wohl auch zur Labilisierung von Synapsen. Durch eine Kombination von Psychotherapie und Pharmakotherapie ließe sich, so Spitzers Hypothese, eventuell die Rekonsolidierung der Synapsen hemmen. Und "damit sollten die durch das Gespräch erneut labilisierten, Trauma-relevanten Gedächtnisspuren gleichsam gelöscht werden können". Von der Angst gäbe es dann keine Spur mehr; sie wäre wieder verlernt.

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