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Die Biotechniker haben mehr als zehn Milliarden verschiedene menschliche Antikörper in ihrer Bibliothek.

Impfstoffe

Der Angriff der Antikörper

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Im Kampf gegen die Pandemie braucht es dringend Medikamente. Als vielversprechend gilt die Behandlung mit Antikörpern. Doch die Entwicklung der Präparate ist aufwendig.

In der Stimme des Professors liegt Vorsicht. Er will keine falschen Hoffnungen wecken. Und tatsächlich sind Einzelerfahrungen weit entfernt von einem wissenschaftlichen Beweis. Andererseits bestätigt das, was Holger Hackstein, Transfusionsmediziner an der Uniklinik Erlangen, an seinen Patienten beobachtet hat, eben auch seine Vermutung. Neun Männer und Frauen, die an einer besonders schweren Form der Lungenkrankheit Covid-19 litten, haben Hackstein und seine Kollegen in den vergangenen Wochen auf eine spezielle Art behandelt: Sie gaben ihnen das Blutplasma von Menschen, die die Krankheit überstanden und also Antikörper gegen das Virus gebildet haben. „Individuelle Heilversuche“, so nennen es Mediziner, wenn sie ein Medikament oder eine Methode einsetzen, die zwar noch nicht zur Behandlung dieser Krankheit zugelassen ist, der schwere Verlauf aber einen solchen Versuch rechtfertigt.

Bei mehr als der Hälfte, sagt Hackstein, hätten sich Erfolge gezeigt. Bei fünf der neun hätten sich die Entzündungswerte verbessert, die Viruslast sei zurückgegangen. „Ermutigend“, so nennt Hackstein das, was er sah. Ist es Zufall? Oder ein erster vorsichtiger Hinweis darauf, dass ein mehr als 100 Jahre altes medizinisches Verfahren doch taugt im Kampf gegen das Coronavirus?

Weltweit suchen Wissenschaftler derzeit mit Hochdruck nach Medikamenten und Impfstoffen gegen Sars-CoV-2. Ein Ansatz ist, existierende Medikamente daraufhin zu testen, ob sie auch gegen das neue Coronavirus wirken.

So stießen sie zum Beispiel auf das Ebola-Medikament Remdesivir (das laut ersten Studien den Verlauf etwas mildern kann) und das Malariamittel Chloroquin (das trotz anfänglicher Hoffnungen offenbar keinen Nutzen bringt). Der Durchbruch wäre ein Impfstoff – doch wann es ihn geben wird und ob er alle zu schützen vermag, ist bislang offen. In dieser Gemengelage rückt nun ein dritter Weg mehr und mehr in den Fokus, eine Mischung aus Behandlung und präventivem Schutz: die Antikörpertherapie.

Dabei ist der Ansatz nicht neu, die Geschichte der Medizin ist voll von Versuchen, sich diese Waffe im Kampf gegen Infektionskrankheiten zunutze zu machen. Es begann mit Emil von Behring und dem Japaner Kitasato Shibasaburo, die Ende des vorletzten Jahrhunderts an Diphterie erkrankte Kinder auf diese Weise behandelten. Knapp 30 Jahre später setzten amerikanische Ärzte bei der Spanischen Grippe auf das Blut von Genesenen. Auch gegen Ebola und Mers injizierten Mediziner das Plasma von Menschen, die die Krankheit überstanden hatten.

Da lag es nahe, dass die Mediziner sich der alten Methode erinnerten. Als im März mit den Infektionszahlen allmählich auch die Zahl derjenigen stieg, die die Krankheit bereits überstanden hatten, starteten unter anderem die Unikliniken in Münster, Frankfurt und Hannover einen dringenden Aufruf: Wer Covid-19 überwunden hat, möge bitte Blut spenden, um künftigen Kranken zu helfen. Die Resonanz war gewaltig. Binnen weniger Tage meldeten sich Tausende .

So plausibel die Wirksamkeit oberflächlich zunächst ist: Studien, die sie belegen, fehlen bis heute. Es gibt hohe Hürden. So finden sich nur bei einem Teil der Patienten ausreichend geeignete, neutralisierende Antikörper im Blut. Stattdessen gibt es dort möglicherweise andere Krankheitserreger oder auch Antikörper, die eine Infektion sogar verstärken können – es ist gewiss keine risikolose Methode. Die Mediziner müssen die Blutspenden daher akribisch testen, bevor sie sie verwenden – und viele aussortieren. Nur rund ein Viertel der möglichen Spender kamen letztlich infrage, rechnet Hackstein vor. Wie wirksam die Plasmagaben sind, soll eine Studie namens „Capsid“ nun klären. Hackstein ist vorsichtig zuversichtlich: „Die Plasmatherapie kann eine wichtige Ergänzung sein“, sagt er.

Als „Brückentechnologie“, so schätzt es auch Professor Michael Hust von der Technischen Universität Braunschweig ein, „ist die Serumtherapie sehr sinnvoll.“ Als sofort verfügbare Übergangstherapie also, die man so lange nutzen kann, bis er und seine Kollegen am Ziel sind.

Denn genau daran arbeiten Hust, seine Kollegin Maren Schubert und ihr Team, zusammen mit Kollegen aus aller Welt: die mehr als 100 Jahre alte Methode so weiterzuentwickeln, dass sie zur wichtigen Waffe wird im Kampf gegen die Pandemie.

Der Grundgedanke ist dabei einfach: Wenn das Blutserum der Genesenen eine bunte Mischung aus wirksamen und weniger wirksamen Antikörpern ist, dann wollen die Forscher daraus genau jene Exemplare isolieren und einsetzen, die genau auf dieses Virus und sein charakteristisches Zackenprotein zielen.

Hust ist Biotechnologe, sein Spezialgebiet ist seit mehr als einem Jahrzehnt der Kampf gegen einige der gefährlichsten Viren weltweit: Unter anderem gegen das Marburg-Virus und gegen Ebola-Sudan, die zweithäufigste Ebola-Variante, hat er Antikörper entwickelt.

Die Arbeit an Sars-CoV-2 begann für das Braunschweiger Team Anfang Februar, als klar war, welche Bedrohung das Virus für die Welt werden könnte. Da chinesische Forscher die Gensequenz schon im Januar veröffentlicht hatten, baute Maren Schubert das Oberflächen-Protein des Virus im Labor nach – die Voraussetzung für weitere Tests.

Um möglichst für jede Krankheit passende Antikörper zu finden, verfügen die Biotechniker über eine Bibliothek der Antikörper von knapp 100 Menschen – insgesamt 10 Milliarden verschiedene menschliche Antikörper. Im Labor haben die Forscher aus diesen 10 Milliarden Antikörpern die Antikörper isoliert, die sich an das Virusprotein binden. Dabei folgen sie dem Prinzip, dass der Mensch bereits die Anlage für Abwehrkräfte gegen die meisten Erreger in sich trägt – die er dann aber noch entwickeln muss.

Viel deutet darauf hin, dass das auch in diesem Fall stimmt: Hust, Schubert und das ganze Team fanden tatsächlich Antikörper, die sich an das Virus binden. Nun wird sozusagen nebenan, im Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, getestet, ob diese Antikörper das Virus auch neutralisieren, das heißt, ob sie zuverlässig verhindern, dass es in menschliche Zellen eindringt.

Sollte es nicht gelingen, haben sie schon zusätzliche Antikörper aus dem Blut genesener Covid-19-Patienten mittels der Technologie isoliert. Der große Vorteil dieses Weges: „Am Ende haben wir komplett natürliche, menschliche Antikörper“, sagt Hust. Antikörper also, deren Nebenwirkungen voraussichtlich gering sein dürften.

Die Klinische Phase hoffen die Braunschweiger im Winter beginnen zu können; im nächsten Jahr könnte dann womöglich die Zulassung stehen.

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