"Wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag. Foto: Michael Kappeler/dpa
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«Wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben», sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag. Foto: Michael Kappeler/dpa

Neue Statistik

Merkels düstere Corona-Prognosen werden aktuell übertroffen - Lauterbach rechnet mit täglich vielen Toten

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Bundeskanzlerin Angela Merkel fürchtet 19.000 täglichen Neuinfektionen bis Weihnachten. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach setzt mit seiner Befürchtung nun noch einen drauf.

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte vor 19.200 Corona-Neuinfektionen in Deutschland pro Tag gewarnt
  • Demnach droht bis Weihnachten ein rapider Anstieg der Neuinfektionen mit dem Coronavirus
  • Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gibt eine düstere Prognose ab.

Update vom Donnerstag, 8. Oktober 2020, 10.04 Uhr: Nachdem Merkels düstere Corona-Prognose sogar schon übertroffen wurde, legt nun auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nach. In der ARD-Talkshow „maischberger. die woche“ gibt auch er eine düstere Befürchtung ab. Die Zahl der mit Corona Infizierten verschiebe sich so langsam aber sicher wieder in die höheren Altersklassen, wodurch es in der vergangenen Woche zu einer Verdopplung der Zahl an Corona-Infizierten in der Intensivstation kam. „Geht man nun also von 20.000 Neuinfizierten täglich aus, würden etwa 200 Menschen am Tag sterben“, so der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach.

Düstere Corona-Prognosen auch im TV-Talk bei Maischberger

Damit bezieht Lauterbach sich auf ein Statement des Virologen Hendrik Streek, der in einem Interview davon spricht, dass 20.000 tägliche Corona-Neuinfektionen nicht so angsteinflößend wären, wie sie zunächst klingen, da die meisten Erkrankten bislang einen milden Verlauf ohne Symptome hätten. Das sieht Lauterbach klar anders: „Wenn die Altersgruppen sich wieder so verteilen, wie es der Bevölkerung entspricht, dann hätten wir mit einer Sterblichkeit von ungefähr einem Prozent zu rechnen. Das wären 200 Corona-Todesfälle am Tag, was einer Katastrophe gleichkommt.“ Dies gelte es unbedingt zu verhindern.

Erstmeldung: Frankfurt - Angela Merkel neigt nicht zu Übertreibungen oder Panikmache. Wenn die Bundeskanzlerin also eine eindringliche Warnung in dieser Corona-Krise ausspricht, ist das Echo umso größer. Als Merkel also in der Konferenz des CDU-Präsidiums Ende September plötzlich die Zahl 19.200 auf den Tisch legte, fegte eine mediale Welle der Besorgnis über Deutschland hinweg. Über 19.000 Neuinfektionen pro Tag gegen Ende des Jahres? Das schien doch irgendwie sehr weit hergeholt.

Zum Vergleich: Am Mittwoch (7. Oktober) vermeldete das Robert-Koch-Institut (RKI) 2.828 Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Eine ganze Menge - aber eben keine 19.200. „Focus Online“ hat nun mithilfe von Statistikerin Katharina Schüller errechnet, dass der aktuelle Trend tatsächlich genau in diese Richtung geht - und sogar darüber hinaus.

Die Rechnung von Angela Merkel: Wie die 19.200 Corona-Neuinfektionen pro Tag aufgehen

Wichtig dabei ist zu betonen, dass Merkel bei ihrer Rechnung von einem exponentiellen Wachstum ausgegangen ist. Dabei bezog sie sich auf den R-Wert und die Entwicklung der Fallzahlen. Seit August steigen diese enorm an. „Focus Online“ rechnet vor: Als Merkel ihre Prognose formulierte, waren es noch zwölf Wochen bis Weihnachten. In dieser Woche waren in Deutschland 11.656 Neuinfektionen, also durchschnittlich 1.665 pro Tag, vermeldet worden.

Statistikerin Schüller hatte für die Errechnung für besagte zwölf Wochen 20 viertägige Reproduktionszyklen verwendet, lag doch der R-Wert Ende September vier Tage lang bei knapp 1,3. Nach ihrer Rechnung ergibt sich also bis Weihnachten eine Gesamtzahl von 19.178 Neuinfektionen pro Tag. Zur Veranschaulichung:

  • 1.665 (Durchschnitt der täglichen Neuinfektionen in besagter September-Woche) mal 1,13 (R-Wert in besagter September-Woche) hoch 20 (die Reproduktionszyklen in den zwölf Wochen) = 19.178,941
  • oder kurz:
  • 1.665 x 1,13^20 = 19.178,941

Rechnung von Merkel wird mit dem aktuellen Corona-Trend in Deutschland übertroffen

Die Rechnung des Nachrichtenportals gemeinsam mit Statistikerin Schüller geht aber sogar über diesen Trend hinaus. So hatte Deutschland am Tag von Merkels Prognose 1.857 Neuinfektionen. Bis Weihnachten waren es noch 85 Tage. Geht man von den 19.200 Neuinfektionen aus, müssen sich die Fallzahlen im Durchschnitt pro Tag um 2,79 Prozent erhöhen.

In der Rechnung geht Schüller jedoch von der Sieben-Tage-Inzidenz aus, weil die täglichen Infektionszahlen nur Momentaufnahmen sind und gleichzeitig einige Gesundheitsämter am Wochenende nicht melden, was die Endsumme verzerrt. Die Sieben-Tage-Inzidenz für Deutschland lag am Dienstag (6. Oktober) bei 17,8. Eine Woche zuvor hatte sie noch bei 14,5 gelegen.

Heißt übersetzt: Der Durchschnittswert des Wachstumsfaktors der vergangenen sieben Tage liegt bei 2,97 Prozent - und damit sogar über Merkels düsterer Prognose, wie das Nachrichtenportal herausstellt.

Merkels Prognose der 19.200 Corona-Neuinfektionen pro Tag ist realistisch, aber..

Schüller betont jedoch, dass dies nur eine Prognose ist, die nur dann eintrifft, wenn der Zuwachs der Neuinfektionen „nicht, beziehungsweise höchstens marginal auf die gestiegene Zahl der Tests zurückzuführen ist“. Klar ist damit aber auch, dass Merkel mit ihrer Warnung der 19.200 Neuinfektionen pro Tag zu Weihnachten keineswegs ein Märchen erzählt hat.

Da verwundert es nicht, dass jetzt auch Frankfurt auf die steigende Corona-Fallzahlen reagiert hat.

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