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Christoph Mayr, 52, HIV-Arzt in Berlin-Wedding

Porträt eines Behandelnden

Von Anfang an für HIV-Patienten da

Christoph Mayrs Praxis in Wedding ist eine von dreizehn in Berlin, die sich auf die Behandlung von HIV spezialisiert haben. Zusammen mit drei Kollegen hat Mayr hier 900 Patienten. In Berlin wohnen die meisten HIV-Positiven in Deutschland.

Von Anne Lena Mösken

Christoph Mayrs Praxis in Wedding ist eine von dreizehn in Berlin, die sich auf die Behandlung von HIV spezialisiert haben. Zusammen mit drei Kollegen hat Mayr hier 900 Patienten. In Berlin wohnen die meisten HIV-Positiven in Deutschland.

Als Christoph Mayr noch ein junger Arzt war, gab es nur eines, das er seinen Patienten mitteilen konnte: Sie sitzen in einem Zug, der auf einen Abgrund zurast, und die Gleise enden irgendwo im Nichts. Mayr konnte nicht sagen, wie lange die Reise für seine Patienten in diesem Zug dauern würde, nur so viel: Am Ende werden sie sterben und es gibt keine Möglichkeit, auf der Strecke auszusteigen.

Der Zug heißt HIV.

Christoph Mayr ist ein großer Mann, heute 52 Jahre alt, die Haare sind kurz und grau, er trägt Dreitagebart und Turnschuhe zum Arztkittel. Tags darauf wird er bei einem Parlamentarischen Abend über HIV sprechen. „Seit zehn Jahren etwa befinden wir uns in ruhigeren Gewässern“, sagt er und meint damit, dass seine Patienten heute eher an einem Herzinfarkt sterben als an Aids. Doch noch immer wird jedes Jahr bei rund 500 Menschen in Berlin das HI-Virus gefunden. Knapp 3?000 sind es in ganz Deutschland.

Mayrs Praxis in Wedding ist eine von dreizehn in Berlin, die sich auf die Behandlung von HIV spezialisiert haben. Zusammen mit drei Kollegen hat Mayr hier 900 Patienten. In Berlin wohnen die meisten HIV-Positiven in Deutschland, wenn es auch in Bezug zur Einwohnerzahl weniger sind als in Köln oder Frankfurt.

"Häufung seltener Lungenerkrankungen bei Schwulen"

1981 erfuhr Mayr zum ersten Mal von dieser neuen Krankheit, von der niemand wusste, wo sie herkam. In München las er, Medizinstudent im ersten Semester, zwischen zwei Vorlesungen die Süddeutsche Zeitung, letzte Seite, Meldungen aus aller Welt: „Ungewöhnliche Häufung seltener Lungenerkrankungen bei schwulen Männern in New York“.

Mayr ist selbst homosexuell, vielleicht blieb er deshalb an dieser Randnotiz hängen. Und vielleicht war es eben genau diese persönliche Betroffenheit, die es damals brauchte, damit einer sagt: „Ich will diesen Menschen helfen. Irgendjemand muss es ja tun.“ Die ersten Fälle in Deutschland wurden 1983 bekannt. 1987, das ergab eine Untersuchung für die USA, war Aids bereits die häufigste Todesursache junger Männer – vor Krebs, vor Unfällen, Mord oder Suizid.

Es waren Einzelpersonen, die sich damals um Menschen mit Aids zu kümmerten. Es bedeute, die Krankheiten zu behandeln, die sie im Zuge der Immunschwäche bekamen, vor allem aber das Sterben zu begleiten; eine bittere Arbeit, bei der alles, auf das die Ärzte hoffen konnten, allenfalls eine Verbesserung auf Zeit war, niemals aber eine Heilung.

Die Panik in der Bevölkerung, geschürt auch durch Medienberichte und Aufklärungskampagnen, in denen Aids mal als Mann mit Sense, mal als Godzilla dargestellt wurde, zeigte sich auch bei Ärzten als diffuse Abwehrhaltung. „Dirty Medicine“, sagt Mayr, „das haftet unserem Bereich bis heute an.“ Vor kurzem erst berichtete ihm ein Patient, der auf der Insel Sylt lebt, von einem Besuch beim Orthopäden. Der drohte ihm mit einer Anzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung, als er erfuhr, dass der Mann das HI-Virus in sich trägt. „Harter Tobak“, sagt Mayr. Dabei waren die Übertragungswege bereits Mitte der Achtzigerjahre ausgemacht und damit auch, warum vor allem schwule Männer erkrankten, Drogenabhängige, und Menschen, die Blutpräparate erhielten.

Eingefallen und abgemagert

Mayr schrieb seine Doktorarbeit über das Virus, zog dann nach Berlin, um in einer der ersten HIV-Praxen Deutschlands zu arbeiten. „Ich habe Berlin mit der Straßenkarte auf den Knien kennengelernt“, sagt er, auf der Karte suchte er die Kreuzberger Hinterhöfe, wo er die Kranken zu Hause besuchte, die sich nicht mehr auf die Straße trauten, weil ihr Gesicht von dunklen Flecken übersät war; weil sie zu schwach waren, um nach draußen zu gehen. Wie schwindsüchtig lagen sie in ihren Betten, wenn Mayr kam, mit eingefallenen Gesichtern und abgemagerten Körpern.

Jede Woche machte er eine Leichenschau mit dem Befund Aids. Etliche Bekannte infizierten sich, zwei gute Freunde starben. „Die Szene rückte zusammen“, sagt Mayr. So entstanden die ersten Selbsthilfegruppen, später die Aidshilfe.

Als Mayr 1991 anfing, in der Auguste-Viktoria-Klinik in Schöneberg zu arbeiten, waren die ersten Medikamente schon auf dem Markt. Sie stabilisierten das Immunsystem, für ein paar Monate zumindest. Bis zu zwanzig Tabletten am Tag schluckten Mayrs Patienten. Die Nebenwirkungen waren schwer. In dieser Zeit teilte Mayr die Diagnose Aids einer jungen Frau mit. „Ihr ist in diesem Moment alles entglitten“, sagt Mayr, „das ganze Leben.“ Nach anderthalb Jahren starb sie.

Die Wende kam für Mayr als behandelnden Arzt fünf Jahre später, da flog er nach Vancouver zum elften Weltaidskongress. Endlich gab es verlässliche Studien, endlich Methoden, um die Viruslast im Blut nachzuweisen. Im selben Jahr kam die hochaktive antiretrovirale Therapie. Sie ist eine Kombination dreier Medikamente, mit der HIV-Infizierte bis heute behandelt werden. Es gibt sie mittlerweile gebündelt in einer einzigen Tablette.

Seit kurzer Zeit spricht Mayr nun von einem „neuen AIDS“, das er eher mit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes vergleicht als mit der Pest oder Cholera, wie es das Magazin Spiegel in den Achtzigern tat. Bei HIV-Positiven, die behandelt werden, lässt sich das Virus nach einer Zeit nicht mehr nachweisen, sie übertragen es höchstwahrscheinlich nicht mehr. Sie haben annähernd die gleiche Lebenserwartung wie gesunde Menschen. Wenn heute in Deutschland noch jemand an Aids erkrankt, dann sind es diejenigen, die Mayr „late presenter“ nennt, die erst lange nach der Infektion in seine Praxis kommen.

Wenn Mayr von den Erfolgen erzählt, schwingt immer ein „Aber“ in seinen Sätzen mit. Bisher fehlen Langzeitstudien zu den Medikamenten. Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen mit HIV häufiger an Tumoren erkranken. „Es ist immer besser, das Virus nicht zu haben“, sagt Mayr. Auch wenn der Zug heute nicht mehr auf einen Abgrund zufährt.

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