Runterkommen: Teilnehmer einer Fasten-Gruppe ruhen sich nach einer Wanderung aus.
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Runterkommen: Teilnehmer einer Fasten-Gruppe ruhen sich nach einer Wanderung aus.

Gesundheit

Das andere Fasten

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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In der Medizin spielt der Verzicht auf Nahrung eine wichtige Rolle.

In der Adventszeit waren es die vielen Plätzchen, die Bratwürste auf dem Weihnachtsmarkt, dann üppiges Essen an den Feiertagen, und in den vergangenen Wochen haben der eine oder andere Narr und die eine oder andere Närrin auch mal ein Glas über den Durst getrunken. In der Winterzeit muss der Körper oft Schwerstarbeit leisten, viel Fett und viel Zucker verarbeiten. Seit wenigen Tagen, seit dem Aschermittwoch, gilt für viele nun die christlichen Fastenzeit. 40 Tage lange soll es kein Fleisch oder keine Süßigkeiten geben, kein Wein oder kein Bier. Die konsequenteste Form des Verzichts freilich ist das Heilfasten.

Einige Menschen praktizieren es regelmäßig und schwärmen, wie wohl sie sich hinterher fühlen. Tatsächlich ist belegt, dass Heilfasten weit mehr kann, als nur die Pfunde purzeln lassen. Erwiesen sei die positive Wirkung des Fastens mittlerweile bei einer Reihe verbreiteter Leiden, sagt Michael Stimpel, Professor für Innere Medizin an der Universitätsklinik Köln. Stimpel leitete früher die Deutsche Klinik für Naturheilkunde und Präventivmedizin im Saarland. Bei Bluthochdruck, Rheuma, chronischen Schmerzen, erhöhten Blutfettwerten, Typ-2-Diabetes und Übergewicht helfe Heilfasten.

Für weitere Erkrankungen geben Studien Hinweise, dass Heilfasten den Verlauf positiv beeinflussen oder ihre Entstehung verhindern helfen kann; Typ-1-Diabetes und Alzheimer-Demenz gehören dazu.

Eine der bekanntesten und bewährtesten Methoden des Heilfastens ist das Fasten mit Gemüsebrühen und Säften, wie es der Arzt Otto Buchinger Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Heute ist sein Enkel Andreas Buchinger Chefarzt der Klinik. Tochter Verena Buchinger-Kähler, die das Familienunternehmen in vierter Generation übernommen hat, erklärt, wie Heilfasten nach Buchinger funktioniert: „Es handelt sich um eine niederkalorische Trinkdiät. Täglich nimmt man zwischen 200 und 250 Kalorien in Form von Gemüsebrühen und Säften zu sich. Dazu sollten über den Tag verteilt zwei bis drei Liter Wasser und ungesüßte Tees getrunken werden. Die Brühen werden aus frischem Biogemüse angesetzt und nur wenig gesalzen. Magnesium und Kalium werden hinzugegeben, um Muskelkrämpfen vorzubeugen.“ Hinterher sei es „eines der schönsten Gefühle, dass man Salz wieder richtig wahrnimmt und schmeckt, welche Menge der Körper tatsächlich braucht.“

Die eigentliche Kur startet mit einem Entlastungstag, bei dem es ballaststoffreiche und salzarme Kost zu essen gibt. Obligatorisch ist auch eine Darmreinigung, die durch Glaubersalz auf den Weg gebracht wird: „So werden Giftstoffe aus dem Darm geschleust“, sagt die Ärztin, außerdem ließe sich auf diese Weise eventuellen Kopfschmerzen vorbeugen.

Kopfschmerzen und Schwindel sind in den ersten zwei, drei Tagen eine typische Begleiterscheinung, erläutert Michael Stimpel: Diese „Fastenkrise“ werde durch die Umstellung des Körpers auf den Abbau von Fetten verursacht: „Danach fühlt man sich leicht und wohl, der Stoffwechsel ist entlastet, man empfindet keinen starken Hunger mehr.“

Auch Glücksgefühle zählen zu den typischen Phänomenen beim Fasten, sie entstehen, weil der Körper verstärkt Opioide bilde und der Serotoninspiegel beeinflusst werde, erklärt Verena Buchinger-Kähler.

Eine klassische Heilfastenkur dauert 21 Tage und umfasst auch eine Aufbauphase, um den Körper langsam wieder auf feste Nahrung einzustimmen. „Bei drei Wochen gibt es den stärksten Effekt für die Gesundheit“, sagt Verena Buchinger-Kähler. Michael Stimpel hält auch eine Dauer von fünf bis sieben Tagen für ausreichend. Länger als 30 Tage sollte Heilfasten dagegen nicht dauern.

Was geschieht aber eigentlich genau im Körper? Wie lässt sich der Nutzen für die Gesundheit erklären? „Bei vielen Menschen verhält es sich im Alltag so wie bei einem Motor, der die ganze Zeit bei hundert Stundenkilometern im zweiten Gang fährt“, erklärt Verena Buchinger-Kähler. Das führe zu Dauerstress. Beim Heilfasten würde das Wachstumshormon IGF-1 herunterreguliert, im vegetativen Nervensystem überwiege der Parasympathikus, der auch als „Ruhenerv“ bezeichnet wird: „Unser Körper kann runterschalten und durchatmen.“

Zu den ersten Effekten, die sich einstellen, gehört die Senkung des Blutdrucks. Der Körper baut Fett und schädliche Proteine ab. Zu dieser Gruppe zählen die pro-inflammatorischen Zytokine. Sie werden vom eigenen Immunsystem des Körpers produziert und spielen bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen eine Rolle. US-Forscher stellten fest, dass sich die Zahl dieser Zytokine bei fastenden Menschen um 40 Prozent verringert.

Die positiven Effekte des Heilfastens auf rheumatische Erkrankungen sind wissenschaftlich gut belegt. Auch andere chronische Schmerzen und entzündliche Hauterkrankungen wie Neurodermitis und Schuppenflechte sollen sich unter Heilfasten oft deutlich bessern.

Neue Studien deuten zudem darauf hin, dass wiederholtes Heilfasten auch jene gefürchteten Proteinablagerungen im Gehirn verhindern helfen kann, die beim Entstehen von Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer eine fatale Rolle spielen; diese Effekte sollen nun weiter erforscht werden. Auch, sagt Verena Buchinger-Kähler, trage Fasten dazu bei, „dass sich Nervenzellen schneller regenerieren“, das könne etwa nach einem Schlaganfall von großem Nutzen sein.

Dass Heilfasten Diabetes Typ 2 über ein Senken des Blutzuckerspiegels bessern kann, ist seit längerem bekannt. Eine Studie der University of Southern California macht nun auch Hoffnung im Hinblick auf Typ-1-Diabetes: Im Versuch mit Mäusen wurden durch Fasten Gene aktiviert, welche die nicht richtig funktionierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse umprogrammierten. Danach normalisierte sich bei den Tieren die Insulinproduktion.

Doch es gibt auch Erkrankungen, die kein Heilfasten erlauben. „Das sind Untergewicht, Essstörungen und andere psychische Erkrankungen, eine Unterfunktion der Schilddrüse, ein sehr niedriger Blutdruck sowie schwere Nieren- und Lebererkrankungen“, sagt Michael Stimpel. Auch empfiehlt der Internist, Heilfasten von einem Arzt begleiten zu lassen. Verena Buchinger-Kähler sagt: „Heilfasten zu Hause ist schwierig.“ Es käme häufiger zu Fastenkrisen und einem Ungleichgewicht bei den Elektrolyten. „Außerdem warten ja an jeder Ecke Verlockungen.“

Das gilt insbesondere auch für die Zeit danach. Experten wie Andreas Michalsen vom Zentrum für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin mahnen deshalb, nach einem Heilfasten den Ernährungsstil langfristig zu ändern. Bei rheumatischen Erkrankungen hieße das beispielsweise, vor allem auf Fleisch zu verzichten. Aus den USA kommt außerdem die Idee des „Intervalls-Fastens“, bei dem das normale Essverhalten regelmäßig von Phasen des Verzichts unterbrochen wird. In ersten Studien erreichten Tiere damit eine höhere Lebenserwartung.

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