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Neues Alzheimer-Medikament bremst geistigen Verfall – „Hat noch kein Wirkstoff geschafft“

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Von: Tobias Utz, Tanja Banner

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Es ist ein Durchbruch in der Alzheimer-Forschung: Eine Studie zeigt, dass ein neues Medikament das Tempo des geistigen Verfalls bei Betroffenen abbremsen kann.

Update vom Mittwoch, 30. November, 16.30 Uhr: Wie bereits Ende September (s. Erstmeldung) berichtet, kann ein neuartiges Alzheimer-Medikament den Abbau der kognitiven Fähigkeiten verlangsamen. Am Mittwoch (30. November) wurde die Studie nun im Fachmagazin New England Journal of Medicine veröffentlicht. Laut der veröffentlichten Untersuchung konnte das Medikament Lecanemab den geistigen Verfall im frühen Stadium von Alzheimer über einen Zeitraum von 18 Monaten um 27 Prozent verlangsamen.

Untersucht wurden demnach 1795 Probandinnen und Probanden, von denen die Hälfte Placebos erhielt. „Die Ergebnisse stimmen vorsichtig optimistisch. Lecanemab greift in die Mechanismen der Alzheimer-Krankheit ein und reduziert nicht nur die schädlichen Amyloid-Ablagerungen, sondern verzögert auch den Krankheitsverlauf. Das ist das ausschlaggebende Kriterium für die Patientinnen und Patienten – und das hat bisher noch kein Wirkstoff geschafft“, erklärte Linda Thienpont, Leiterin Wissenschaft bei der Alzheimer Forschung Initiative.

Bei der Alzheimer-Krankheit bauen nach und nach die geistigen Fähigkeiten von Betroffenen ab. (Symbolbild)
Bei der Alzheimer-Krankheit bauen nach und nach die geistigen Fähigkeiten von Betroffenen ab. (Symbolbild) © Sebastian Kahnert/dpa

Einschränkend erklärten die Forscherinnen und Forscher allerdings, dass weitere Studien auf diesem Feld nötig seien. Es seien beispielsweise schwere Nebenwirkungen, wie Hirnschwellungen und Hirnblutungen, möglich. Zudem wirke das Medikament nur, wenn es im frühen Stadium verabreicht wird – Alzheimererkrankungen werden aber oftmals recht spät erkannt. Erst vor wenigen Tagen erschien allerdings in Fachmagazin Science ein Beitrag über einen Todesfall im Kontext der Therapie. Insgesamt war das der Zweite.

„Durchbruch in der Alzheimer-Forschung“: Medikament verlangsamt geistigen Verfall

Erstmeldung vom Donnerstag, 29. September, 11.00 Uhr: Cambridge – Alzheimer ist eine tückische Krankheit: Nach und nach bauen die geistigen Fähigkeiten von Betroffenen ab, heilbar ist die Krankheit nicht. Erst kürzlich haben Forschende festgestellt, dass Alzheimer eine oft unterschätzte Vorerkrankung ist, die einen schweren Corona-Verlauf verursachen kann. Nun macht eine neue Studie Hoffnung: Womöglich könnte ein bisher nicht zugelassenes Alzheimer-Medikament künftig zumindest das Tempo des geistigen Verfalls abbremsen.

Die Unternehmen Biogen und Eisai haben das Alzheimer-Präparat gemeinsam entwickelt und in einer Phase-3-Studie an Patient:innen getestet. Die Daten der Studie sind bislang nicht veröffentlicht, die Unternehmen haben bisher nur die Ergebnisse mitgeteilt. Demnach verlangsamte der Antikörper Lecanemab bei Betroffenen im frühen Alzheimer-Stadium den Abbau der geistigen Fähigkeiten um 27 Prozent.

Alzheimer-Medikament zeigt Erfolge in Studie – geistiger Abbau verlangsamt

Fachleute beurteilen die vorgestellten Ergebnisse positiv – schließlich konnte bisher kein Medikament eine solche Wirkung zeigen. „Wenn sich das bestätigt, wäre das eine gute Nachricht“, erklärt Linda Thienpont von der Alzheimer Forschung Initiative gegenüber der dpa. Frank Jessen vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen spricht gar von einem „Durchbruch in der Alzheimer-Forschung“.

Name:Alzheimer-Krankheit (Morbus Alzheimer)
Entdeckung:1996 durch Alois Alzheimer
Typ:neurodegenerative Erkrankung
Betroffene:meist bei Personen über 65 Jahren
weltweit:für etwa 60 Prozent der 25 Millionen Demenzerkrankungen verantwortlich
Deutschland:1,6 Millionen Betroffene

Der Antikörper Lecanemab richtet sich gegen das Eiweiß Amyloid-beta (Abeta), ein Molekül, das sich in Form vom Plaques im Gehirn von Alzheimer-Betroffenen ablagert. An der Studie nahmen 1795 Personen teil, die sich im Frühstadium einer Alzheimer-Erkrankung befanden. Eine Hälfte der Teilnehmenden erhielt regelmäßige Injektionen des Medikaments, die andere Hälfte ein Placebo. Die Forschenden stellten fest, dass das Alzheimer-Medikament zu einer deutlichen Reduktion der Ablagerungen im Gehirn führte und auch der Abbau der geistigen Kräfte verlangsamte sich messbar. Geprüft wurden unter anderem das Orientierungsvermögen, die Problemlösekompetenz und die Gedächtnisleistung.

Studie zu Alzheimer-Medikament Lecanemab: „Historischer Moment für die Demenz-Forschung“

„Das ist ein historischer Moment für die Demenz-Forschung“, freut sich Susan Kohlhaas, Forschungsdirektorin bei Alzheimer‘s Research UK gegenüber dem Guardian. „Viele Menschen haben das Gefühl, Alzheimer sei ein unausweichlicher Teil des Älterwerdens. Die Studie zeigt: Wenn man früh eingreift, kann das einen Unterschied machen.“ Wichtig ist dabei, früh auf mögliche Symptome einer Alzheimer-Erkrankung zu achten.

Auch in Deutschland ist man von der Studie angetan: „Das ist eine ordentliche Studie, in der die klinische Wirksamkeit sorgfältig geprüft wurde“, erläutert Jessen gegenüber der dpa. „Es zeigt sich, dass nicht nur die Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn entfernt werden, sondern – und das ist das Entscheidende – dass sich der Abbau der geistigen Fähigkeiten über 18 Monate entscheidend verlangsamt.“ Bisher habe es keinen Antikörper gegeben, der in klinischen Studien einen solchen Effekt überzeugend gezeigt habe.

Alzheimer-Erkrankung ist eine Volkskrankheit

Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Auch der Antikörper Lecanemab wird die Alzheimer-Erkrankung nicht heilen können. „Die Krankheit wird auch weiter voranschreiten, nur langsamer, was aber für die Patienten und Angehörigen von großer Bedeutung sein kann“, betont Jessen. Wie lange der von den beiden Unternehmen berichtete Effekt anhält, ist noch unklar.

Biogen möchte die Daten der Studie Ende November auf einem Alzheimer-Kongress vorstellen und sie in einem medizinischen Fachmagazin veröffentlichen lassen. Für die USA hat das Unternehmen bereits die Zulassung beantragt, die FDA hat bereits ein beschleunigtes Zulassungsverfahren eingeleitet. Auch in Europa und Japan wollen Biogen und Eisai die Zulassung beantragen.

Alzheimer gilt als eine Art „Volkskrankheit“ – nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sind alleine in Deutschland 1,6 Millionen Menschen betroffen. Eine Demenz-Forscherin sagt jedoch, bis zu 40 Prozent der Alzheimer-Fälle könnten verhindert werden. (tab/tu mit dpa/AFP)

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