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Alzheimer-Diagnose: Auch Jüngere leiden an Demenz

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Von: Pamela Dörhöfer

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Die Zahl der Menschen, die an Demenz leiden, steigt kontinuierlich. Getty
Die Zahl der Menschen, die an Demenz leiden, steigt kontinuierlich. (Symbolbild) © Getty Images

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft geht von weit mehr Betroffenen unter 65 Jahren aus als bislang angenommen. Für die Versorgung hat das weitreichende Folgen.

Die Zahl der Menschen mit Demenz nimmt in Deutschland kontinuierlich zu, teilte die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) am Dienstag (16. August) mit. Angesichts einer stetig älter werdenden Bevölkerung eine erwartbare Entwicklung. Überraschend ist allerdings die Nachricht, dass auch offenbar deutlich mehr unter 65-Jährige an Demenz erkranken „als bisher angenommen“, wie es in der Mitteilung der DAlzG heißt.

Für die Deutsche Alzheimer Gesellschaft haben René Thyrian und Iris Blotenberg vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen auf der Basis aktueller Bevölkerungsdaten die Zahlen zu Demenzerkrankungen berechnet. Demnach leben in Deutschland derzeit rund 1,8 Millionen mit einer Demenz, die meisten von ihnen leiden an Alzheimer, der häufigsten Form.

Alzheimer-Patient:innen: „Weitaus mehr Neuerkrankungen“

Im Laufe des Jahres 2021 haben etwa 440.000 Menschen neu die Diagnose Demenz bekommen. Die Kurve bewegt sich stetig nach oben, denn aufgrund des wachsenden Anteils älterer Menschen kommen „weitaus mehr Neuerkrankungen“ hinzu als Erkrankte sterben, wie die DAlzG erläutert. Bis 2050 geht man dort für Deutschland von 2,4 bis 2,8 Millionen Menschen über 65 mit Demenz aus.

Allerdings sind keineswegs nur alte Menschen betroffen, wie sie die gängige Vorstellung von Demenz prägen. Erstmals konnte die Deutsche Alzheimer Gesellschaft in diesem Jahr auch genauere Schätzungen zur Zahl der Erkrankten unter 65 vorlegen: „Demnach müssen wir davon ausgehen, dass in Deutschland mehr als 100.000 Menschen unter 65 Jahren leben, die an einer Demenz erkrankt sind“, erklärt René Thyrian, Vorstandsmitglied der DAlzG.

Alzheimer-Diagnostik „deutlich verbessert“

Den Grund dafür vermutet er weniger darin, dass die mit einem Abbau geistiger Fähigkeiten verbundenen Veränderungen im Gehirn aus irgendeinem unbekannten Grund nun zunehmend auch bei jüngeren Menschen auftreten. „Die Ursache dafür, dass diese Zahl deutlich höher ist als in früheren Veröffentlichungen, liegt vor allem darin, dass sich die Diagnostik in den letzten Jahren deutlich verbessert hat“, erklärt der Mediziner.

„Erst jetzt werden Demenzen auch bei jüngeren Menschen regelmäßig als solche erkannt, während früher sehr häufig andere Erkrankungen wie Depressionen diagnostiziert wurden.“ Von einem tatsächlichen Anstieg der Erkrankungshäufigkeit in diesem Alter sei deshalb nicht auszugehen, so Thyrian.

Alzheimer: Jüngere Betroffene stehen vor Versorgungslücken

Für die Versorgung von Demenzkranken stellt die Erkenntnis, dass weit mehr jüngere Menschen betroffen sind als angenommen, eine Herausforderung dar – denn darauf ist das System nicht ausgerichtet. Monika Kaus, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, erläutert, welche Probleme damit verbunden sind: „Wenn Menschen unter 65 an einer Demenz erkranken, stehen sie meist noch im Beruf und haben oftmals noch Kinder in Schule oder Ausbildung. Konzepte, wie Berufstätigkeit gegebenenfalls auch mit der beginnenden Demenz fortgeführt werden kann, fehlen ebenso wie für diese Altersgruppe passende Betreuungsangebote oder Pflegeeinrichtungen.“

Aus der Beratung sei diese Problematik „schon lange bekannt“, sagt Monika Kaus: „Nun wird es Zeit, dass auch von politischer Seite darauf reagiert wird.“ Welche Folgen die Corona-Pandemie für die Versorgung Demenzkranker hatte, ist noch nicht umfassend geklärt. Man kann eigene Vermutungen anstellen, was die Auswirkungen von monatelanger Isolation und fehlendem Besuch insbesondere bei Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen angeht, wissenschaftliche Nachweise jedoch sind selten.

Alzheimer-Studien: Betroffene während der Corona-Pandemie

Unter anderem liegen dazu zwei Untersuchungen aus Schweden und Großbritannien vor, die sich dem Thema auf unterschiedliche Weise genähert haben. So ergab eine Analyse unter Leitung von Bengt Winblad vom Institut für Neurobiologie und Versorgungswissenschaften am Karolinska Institut in Stockholm, dass die erste Pandemiewelle 2020 zu einer höheren Sterblichkeit Demenzkranker beitrug und außerdem die Diagnosestellung und Versorgung negativ beeinflusste, wie das Ärzteblatt schreibt. Vorläufige Analysen für das erste Halbjahr 2021 hätten ähnliche Ergebnisse gezeigt.

Eine Studie von britischen Forschenden der University of Sussex und der London School of Economics and Political Science hat untersucht, wie sich die Pandemie auf die Lebensqualität von Menschen mit einer kürzlich diagnostizierten Demenz und auf die der Pflegenden auswirkt. Dafür wurden 93 Menschen mit noch leichten geistigen Einbußen und 114 pflegende Angehörige zwischen Juli und Oktober 2020 befragt.

Patient:innen mit Alzheimer Diagnose während des Lockdowns

Das für die Wissenschaftler:innen nach eigenen Aussagen „unerwartete Ergebnis“: Die Lebensqualität der Menschen mit leichter Demenz sank nicht. Ihre Belastbarkeit werde offensichtlich häufig unterschätzt, heißt es in der Studie. Es sei möglich, dass diese Menschen „von der Lockdown-Blase und dem Schrumpfen ihrer Welt profitierten, um ihre Demenzdiagnose in einer sicheren Umgebung zu verarbeiten“, heißt es.

Allerdings, räumen die Forschenden ein, dürften die Erfahrungen in Pflegeheimen „ganz andere gewesen sein“. Als „besorgniserregend“ stufen sie die Ergebnisse für die pflegenden Angehörigen ein: Diese waren durch die Pandemie stärker belastet, ihre Lebensqualität sank deutlich. (Pamela Dörhöfer)

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