Körper und Geist müssen ein Leben lang trainiert und gesund erhalten werden, sonst verkümmern sie.
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Körper und Geist müssen ein Leben lang trainiert und gesund erhalten werden, sonst verkümmern sie.

Fit bleiben

Altern beginnt mit 20

Geistige Höhenflüge sind nur in der Jugend möglich. Die anschließende kristalline Intelligenz nutzt Erfahrungs- und Faktenwissen. Aber: im Alltag bemerken wir den geistigen Schwund kaum.

Von Anke Brodmerkel

Geistige Höhenflüge sind nur in der Jugend möglich. Die anschließende kristalline Intelligenz nutzt Erfahrungs- und Faktenwissen. Aber: im Alltag bemerken wir den geistigen Schwund kaum.

Die schlechte Nachricht zuerst: Der geistige Verfall beginnt sehr früh. Schon ab Mitte zwanzig nimmt die Fähigkeit zum Denken ab – egal wie gesund oder gebildet man ist. So postuliert es einer der renommiertesten Altersforscher weltweit, Timothy Salthouse vom Cognitive Aging Laboratory der University of Virginia in Charlottesville. Für seinen Artikel, den der US-Psychologe im Jahr 2009 in der Fachzeitschrift Neurobiology of Aging veröffentlichte, hatte er Studien analysiert, in denen die geistigen Fähigkeiten von 2350 gesunden Probanden im Alter zwischen 18 und 60 Jahren getestet worden waren.

Einbußen im Bereich fluider Intelligenz

Die gute Nachricht aber lautet: Im täglichen Leben macht sich der geistige Schwund in aller Regel nicht bemerkbar. „Ein gesundes Gehirn kann ein Leben lang alle Anforderungen des Alltags bewältigen“, sagt Claudia Voelcker-Rehage, Professorin für Human Performance am Jacobs Center on Lifelong Learning der Jacobs University, einer englischsprachigen Privatuniversität in Bremen. Zwar beginne das Altern des Gehirns tatsächlich deutlich früher, als man gemeinhin denke. „Die nachlassenden Fähigkeiten beobachtet man jedoch nur dort, wo Spitzenleistungen erwartet werden“, erklärt Voelcker-Rehage. „Im beruflichen und privaten Alltag sind mittlere Hirnleistungen aber meistens völlig ausreichend.“

Fast alle Einbußen finden sich Voelcker-Rehage zufolge zudem nur im Bereich der fluiden Intelligenz. Dazu gehören vor allem die Fähigkeiten, logisch zu denken und neuartige Probleme zu lösen. Die kristalline Intelligenz, also das Erfahrungs- und Faktenwissen sowie erlernte Fähigkeiten, bleibt im Alter hingegen stabil.

Dass Erfahrung so manchen kognitiven Verlust wettmacht, hat auch eine Studie mit Sekretärinnen gezeigt, die Timothy Salthouse bereits im Jahr 1984 vorgestellt hat. Zwar konnte man damals beobachten, dass die Tippgeschwindigkeit mit zunehmendem Alter abnahm. Gleichzeitig waren die älteren Frauen aber besser als ihre jüngeren Kolleginnen in der Lage, einen Text vorausschauend zu lesen und längere Satzteile im Gedächtnis zu behalten. Folglich mussten die erfahrenen Sekretärinnen seltener auf ihren Text schauen und erzielten so im Schnitt ähnlich gute Leistungen wie die jüngeren Kolleginnen. „Wie wichtig das Erfahrungswissen ist, zeigt auch die Tatsache, dass viele renommierte Tätigkeiten gerade – und zu Recht – von älteren Menschen übernommen werden“, sagt Claudia Voelcker-Rehage.

Bemerkenswerte Kompensationsmechanismen

Andreas Kruse, der an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg das Institut für Gerontologie leitet, ist ähnlicher Ansicht wie seine Bremer Kollegin. „Studien, die belegen wollen, dass Menschen im vierten Lebensjahrzehnt den Gipfel ihrer geistigen Leistungsfähigkeit überschritten haben, stehe ich sehr kritisch gegenüber“, sagt der Altersforscher. Zwar zeige beispielsweise die neuronale Plastizität – also die Fähigkeit des Gehirns, auf veränderte Anforderungen zu reagieren – tatsächlich schon im dritten Lebensjahrzehnt erste Einbußen, sagt Kruse. „Da das menschliche Gehirn aber über bemerkenswerte Kompensationsmechanismen verfügt, wirken sich solche Verluste weder im vierten noch im fünften oder sechsten Lebensjahrzehnt erkennbar auf die geistige Leistungsfähigkeit aus.“

Eine groß angelegte US-Untersuchung gibt den Worten der beiden deutschen Forscher Recht. Im Jahr 1956 begann K. Warner Schaie von der University of Washington die Seattle Longitudinal Study, die der Psychologe und Gerontologe seither leitet. Alle sieben Jahre untersuchen er und seine Kollegen die kognitiven Fähigkeiten tausender Probanden. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich Menschen zwischen 40 und 60 Jahren geistig meist im besten Alter befinden. „Bei gesunden Menschen geht es erst ab 60 Jahren langsam bergab“, sagt Schaie. Wer vorher kognitive Einbußen zeige, leide vermutlich an einer neurologischen Krankheit.

Schaies Studie gilt unter Experten vor allem deshalb als aussagekräftig, weil die Versuchsteilnehmer im Wesentlichen die gleichen geblieben sind und so sämtliche Veränderungen im Laufe ihres Lebens erfasst werden konnten. „Viele andere Studien hingegen vergleichen beispielsweise die geistigen Fähigkeiten von Sechzigjährigen mit denen von Siebzigjährigen“, erklärt Claudia Voelcker-Rehage. „Dabei kommt es natürlich zu Verzerrungen.“

Jeder altert anders

Eine Untersuchung des finnischen Arbeitswissenschaftlers Juhani Ilmarinen hebt noch einen anderen Aspekt hervor: Das Altern der Menschen verläuft sehr unterschiedlich. Ilmarinen hatte im Jahr 1998 bei 729 Probanden im Alter von 18 bis 70 Jahren anhand von sieben Merkmalen untersucht, wie gut sie ihre täglichen Aufgaben bewältigten. Heraus kam zweierlei. Zum einen zeigte sich, dass die jüngeren Altersgruppen im Durchschnitt bessere Werte erzielten. Zum anderen – und das ist vermutlich das wichtigere Ergebnis – war zu beobachten, dass die Streuung der Werte mit steigendem Alter zunahm. Es fanden sich also auch in den höheren Altersgruppen viele Frauen und Männer, die ihre Arbeit sehr gut bewältigten. Gleichzeitig gab es, verglichen mit den jüngeren Altersgruppen, einen höheren Anteil an Probanden, deren Werte im mittleren oder unteren Bereich lagen. „Altern ist eben ein sehr komplexer und individueller Prozess“, resümiert Kruse: „Je älter die Menschen werden, desto stärker unterscheiden sie sich in ihrer Leistungsfähigkeit.“Was aber passiert im Gehirn, wenn es altert? „Zunächst einmal können wir beobachten, dass das Hirnvolumen abnimmt“, sagt Claudia Voelcker-Rehage. „Das liegt vor allem daran, dass die Zahl der Synapsen – das sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen – zurückgeht.“ Auch die Isolierschicht der langen Nervenzellausläufer verändere sich, wodurch die Geschwindigkeit abnehme, mit der Informationen von einer Nervenzelle zur anderen weitergegeben würden. Darüber hinaus haben Forscher beobachtet, dass das Gehirn älterer Menschen im Schnitt weniger aktiv ist als das von jüngeren. Erzielen ältere Menschen ähnlich gute Leistungen wie jüngere, ist ihre Hirnaktivität hingegen höher. „Das deutet darauf hin, dass das Gehirn jüngerer Menschen effektiver arbeitet, ältere für die gleiche Leistung also mehr Hirnressourcen nutzen müssen“, sagt Voelcker-Rehage.

Mehr Pausen für ältere Kollegen

Doch auch im Körper laufen mit den Jahren Prozesse ab, vor denen niemand wirklich gefeit ist. „Wir beobachten viele physiologische Veränderungen, die alle dazu führen, dass der Körper mit steigendem Alter längere Regenerationsphasen benötigt“, sagt Claudia Voelcker-Rehage. „Es erscheint daher sinnvoll, älteren Menschen im Beruf mehr Pausen zuzubilligen“, sagt die Bremer Forscherin. Andreas Kruse stimmt ihr zu. „Was wir benötigen, um das Potenzial älterer Menschen auszuschöpfen, ist eine völlig veränderte Unternehmenskultur“, sagt er. Dazu zählten ein flexibles Renteneintrittsalter, Arbeitszeitmodelle, bei denen die Mitarbeiter ihre Arbeitszeit souveräner als bisher gestalten können und – ganz wichtig – kontinuierliche Weiterbildungsangebote.

Schon Schaie fand in seiner Studie heraus, dass das Gehirn ein Leben lang trainiert sein will. Use it or lose it – das englische Sprichwort trifft offenbar sowohl für das Gehirn als auch für den Rest des Körpers zu. „Beide sind ein Leben lang trainierbar“, sagt Claudia Voelcker-Rehage. „Der Leistungszuwachs bleibt bis ins hohe Alter hinein nahezu stabil.“ Das ist die wichtigste Nachricht: Wie schnell er altert, hat jeder Mensch zu einem Großteil selbst in der Hand.

Der Psychologe und Altersforscher Andreas Kruse verrät, wie Sie sich Ihre Leistungskraft möglichst lange erhalten:

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