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Schule bedeutet nicht Bespaßung: „Schule ist Arbeit, Schülersein ist ein Beruf.“

Schule

Der alte Dreisatz: Lernen, nachdenken, verstehen

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Buchautor Jürgen Kaube fragt nicht bloß: „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“, sondern gibt auch sehr konkrete Erziehungsziele aus.

Die Schule lehrt Aufgaben, die bewältigt werden wollen, darunter einmal im Jahr die Versetzung. Jürgen Kaube greift den Gedanken auf, und er tut es listig. Denn er versetzt seine Leserinnen und Leser in die je eigene Schulzeit zurück. Alles auf Anfang. Es geschieht durch den Buchtitel: „Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?“ Ein pointierter Titel, ein provozierender – ein doppelbödiger, wenn man sich an den Lehrersatz erinnert: Ihr seid zu blöd für das Gymnasium. Wie oft gehört? Häufig, so dass wir uns duckten. Und dann, zu Hause, auf die Nachfrage, wie es denn gewesen sei in der Schule? Blöd! Ein Schülerseufzer, wie oft gesagt.

Blöd – das Wort hat sich im Zusammenhang mit der Schule ungemein bewährt, ob anekdotisch oder empirisch. Jetzt allerdings, und das ist der Streich, den Kaube anwendet, richtet sich die Beschreibung (eines offensichtlichen Dauerzustandes) nicht gegen die Akteure, Lehrer und Schüler, sondern gegen die Institution. Töricht ist nämlich bereits der bei jeder Gelegenheit gelehrte Gedanke, es werde nicht etwa für die Schule, sondern vielmehr für das Leben gelernt. Alles auf Anfang, und schon hier ein vehementer Widerspruch des Autors, wo doch „das Rätsel der schulischen Bildung“ nicht darin liege, „dass wir leider für die Schule lernen, obwohl wir besser für das Leben“ lernten, sondern darin, „dass wir für die Schule lernen und sich das in einem Leben auszahlt, das außerhalb der Schule stattfindet und auch ganz anders als die Schule ist.“

Der Sinn der Schule liege in einem Bildungserfolg, dem Wissen über elementare Kenntnisse der Grammatik und Orthographie, der Geometrie und Algebra. Lesen, Schreiben, Rechnen – so trivial es ist, wobei die Trivialität, daran lässt der Autor keinen Zweifel, seit rund einem halben Jahrhundert durch einen übergriffigen Reformeifer in den schulischen Alltag eingezogen ist.

Schreiben nach Gehör war so ein Plan. Kaube bezeichnet nicht nur diese Reform als „Irrsinn“. Das geschieht in einem Buch, dass aus der Analyse des schulischen Alltags, einer von Überforderung gekennzeichneten Praxis und eines von aberwitzigen Lehrplänen überfrachteten Überbaus seine Argumente bezieht. Ein besonders gewichtiges: „Das Erziehungsziel, aus Kindern Personen zu machen, indem man sie befähigt nachzudenken, etwas zu verstehen, zu argumentieren und sich zu artikulieren, legt es nahe, auch die Schulklassen nicht als soziale Behälter mit zufälliger Befüllung aufzufassen. Sondern als Gruppen, die an sich arbeiten, indem sie an aufschlussreichen Weltausschnitten arbeiten.“ Schule als so etwas wie Weltausschnittkunde, ob in Deutsch oder Geografie, Mathematik oder Musik, in Ethik oder Physik.

Schule bedeute nicht Bespaßung, „Schule ist Arbeit, Schülersein ist ein Beruf“. Auf dass Schule ein Ort der Kenntnisvermittlung, der Wissensvermittlung sei, gehe es darum, dass Schüler nicht „ihren Impulsen ausgeliefert“ seien, sondern sich der Autorität eines Lehrers anvertrauten. Angesichts der Tatsache, dass „Schule zu einem Experimentierfeld von angeblichen Modernisierungen“ gemacht worden sei, setzt Kaube die Autorität des Lehrers in einen vorreformerischen Stand.

Bildung bedeute „langanhaltendes Lernen“, sie sei etwas „Allmähliches, nichts Plötzliches und nicht einmal etwas Schnelles“. Die Schule müsse die Garantie dafür liefern, dass Kinder und Jugendliche „vor vielen Aspekten“ einer auf sie eindrängenden „Gegenwart geschützt werden, weil sie es als Neue, Unwissende mit ihr noch nicht aufnehmen können.“

Der tiefe Sinn des Lernens bestehe darin, die Schülerinnen und Schüler auf Distanz zur Gegenwart zu halten, denn es sei „absurd zu behaupten, sie wüssten am besten, was für sie gut ist“ .

Jürgen Kaube: Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Rowohlt Berlin, 336. Seiten, 22 Euro.

Das Buch, das seine Argumente aus der Analyse zieht, aus der Prüfung blöder Lehrpläne und unsinnig aufgebauter Schulbücher, aus dem Datensatz törichter Arbeitsblätter und Prüfungsbögen, ist ganz gewiss kein Leitfaden. Die Schule ist für Kaube primär keine moralische Anstalt, auch wenn sie Schüler Werte und Normen lehrt und ihnen Toleranz nahelegt.

Sie ist auch keine Berufsvorbereitungsbörse, auch wenn Kontakte zur Berufswelt sinnvoll sind. In einem günstigen Falle ist sie so etwas wie eine autonome Anstalt, ihre „welterschließende Funktion“ bestehe darin, dass sie sich zu Außenwelt wissend verhalte. Soll man sagen: mündig?

Mündigkeit beweist der Autor angesichts einer unbelehrbaren Bildungsbürokratie und Lehrmittelindustrie. Kaube, seit 2015 einer der vier Herausgeber der FAZ, schreibt seit mehr als 20 Jahren über Bildungsthemen. Ausgehend von drei Phasen der Schulentwicklung, angefangen von der Demokratisierung im Gefolge von 1968 über eine der Liberalisierung in den 1980ern und 1990ern, macht er ein neues Dogma aus, die Digitalisierung. Anstelle wissensbasierter Bildung werde in den gewitzten Umgang mit Informationen investiert, anstelle der klugen Einordnung von Sachverhalten oder gar deren kritischer Durchdringung verfielen die Schüler auf flottes Surfen und oberflächliches Scannen. Angesichts der Verführungskräfte des Internets gelte auch hier der Satz: „Struktur in der Schule nützt am meisten denen, die sie sonst schwer bekommen.“

Zweifellos lässt sich gegen Kaubes Skepsis an der sozialpolitischen Aufgabe der Schule Gehöriges einwenden. Dass Schulpolitik auch Sozialpolitik ist, gehört für ihn allenfalls zu den Sekundärtugenden einer Gesellschaft. Schwer wiegt für ihn, zumal wenn man die Benachteiligung unterprivilegierter Kinder ernst nimmt, die gesellschaftlich und pädagogisch hanebüchene Abwertung der Hauptschule.

Was läuft falsch? Ohne sich an einem allgemeinen Alarmismus zu beteiligen, nennt Kaube zahllose konkrete Beispiele. Darunter den Unsinn, der das syrische Migrantenkind mit einem Unterrichtsmodell konfrontiert, wonach es früh bereits Englisch pauken muss – anstatt grundlegender Deutschkenntnisse. „Abstand von gesellschaftspolitischen Illusionen“, auch deswegen beschäftigt sich Kaube kritisch mit dem Zentralabitur oder noch kritischer mit den Interessen der Wirtschaft an der Durchsetzung von G8. Die größte Skepsis allerdings richtet sich auf die Zukunftsillusion von „Didaktikern, Lerntheoretikern, Methodenerfindern“. Angesichts einer uns allen unbekannten Zukunft geht er auf Distanz zur allgemeinen Digitalisierungseuphorie. Wegen der ungeheuren „Umschlaggeschwindigkeiten der Sofware“, überhaupt der Veränderungsgeschwindigkeiten in der digitalen Welt sei „die milliardenschwere Ausrüstung“, angefangen mit Tablets, eines von vielen „haltlosen Zukunftsversprechen“.

„Weg mit den Lehrplänen“ ist so etwas wie ein Leitmotiv in diesem Buch, das keinen Leitfaden liefert, wohl aber konkrete Vorschläge für ein intelligentes Schulsystem macht, angefangen mit der Zerlegung von Riesenanstalten bis hin zur Autonomie von Schulen, ob bei der Einstellung von Personal oder beim Budget. Kaube tritt ein für Tanz als Pflichtfach ebenso wie Türkisch als Abiturfach und die Reduzierung von Fächern zugunsten von Intensivierung. Schulen könnten während der Ferien geöffnet werden, um lernbedürftigen Kindern Hilfe anzubieten, zugleich sollten sie sich offen zeigen für Unterstützung von außen, etwa durch ehrenamtliche Senioren.

Zum tiefen Sinn der Schule gehöre so etwas wie der bewährte Dreisatz: lernen, lernen, lernen. Das Lesenlernen, das Schreiben, das Rechnen. Wenn es gut läuft, macht es Freude, ist es anregend, regt es zum Denken an. Bei Kaube hat Autorität System, was nicht heißt, dass der Autor nicht auch ein Faible für „brauchbare Illegalität“ zu entwickeln wüsste. Der Gedanke des Soziologen Niklas Luhmann poppt mehrfach im Buch auf.

Vor vier Jahren veröffentliche der Luhmann-Schüler Kaube ein Buch über den epochalen Soziologen Max Weber, von dem der Satz stammt, Politik sei das „starke langsame Bohren harter Bretter“. Kaubes äußert komplexes Buch macht deutlich, wie sehr die Bildungspolitik ein hartes Brett ist. Ein Brett auch vor dem Kopf. Das Buch hat das Brett angebohrt.

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