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Nicht nur in Frankfurt haben viele Studierende ihre Uni seit Monaten nicht mehr von innen gesehen.
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Nicht nur in Frankfurt haben viele Studierende ihre Uni seit Monaten nicht mehr von innen gesehen.

Studium im Lockdown

„Alltäglichkeit ist nicht ins Digitale übertragbar“

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Die Soziologiestudentin Aurora Sauter über Seminardiskussionen via „Zoom“, fehlendes Unileben und die Probleme des Zurückgeworfenseins auf sich selbst

Frau Sauter, Sie studieren wie viele nun seit zwei Semestern unter Corona-Bedingungen. Bald beginnt die Prüfungsphase und Mitte Februar stehen dann Semesterferien an. Wie sieht die kommende Zeit bei Ihnen aus?

Weil ich aktuell meine Masterarbeit vorbereite, habe ich selbst keine Prüfungen mehr. Und für die Semesterferien habe ich leider keine richtigen Pläne, außer meine Arbeit weiterzuschreiben. Normalerweise würde ich in dieser Zeit zum Beispiel Freund:innen aus dem Bachelorstudium oder der Schulzeit wiedersehen.

Wenn schon keine Ferienpläne, läuft wenigstens Ihre Abschlussarbeit wie geplant?

Meine Grundidee musste ich wegen Corona umwerfen. Eigentlich wollte ich eine Ethnografie machen, also eine Art Feldforschung mit Beobachtungen und Gesprächen. Das Thema musste ich jetzt sehr flexibel gestalten. So dass ich daran arbeiten kann, egal welcher Lockdown noch kommen wird. Ich führe natürlich auch telefonische Interviews, aber bin insgesamt mehr auf Daten und Literatur angewiesen, die online zugänglich sind.

Gab es durchgehend Zugang zur Literatur in den Bibliotheken?

Im ersten Lockdown hatten die Bibliotheken geschlossen, seit dem Sommer kann man sich einen Platz buchen. Zwischenzeitlich war es also schwieriger, an Texte zu kommen, aber die Deadlines für Hausarbeiten konnten sehr unbürokratisch verschoben werden. Aber es ist schon ein Abwägen: Ist der Text jetzt wichtig genug, dass ich dafür an die Uni fahre?

Wie sah Ihr Uni-Alltag zuletzt aus?

Nichts hat in Präsenz stattgefunden. Seit letztem April sind alle meiner Vorlesungen, Seminare und Kolloquien ins Digitale übertragen worden. Im Sommer hatte ich so etwa acht Veranstaltungen, im Winter wegen der Masterarbeit weniger, außerdem gebe ich selbst ein Tutorium.

Es gibt synchrone und asynchrone Veranstaltungen. Was bedeutet das?

Asynchron heißt, es findet nichts wirklich miteinander statt. Stattdessen gibt es ein Thema und Texte, die jeder selbstständig bearbeitet. Dazu müssen wir regelmäßig oder einmalig schriftliche Aufgaben abgeben. Das kann ein Essay am Ende oder wöchentliche Fragen zum Text sein. Das ist besonders für die hilfreich, die Job und Care-Aufgaben mit der Uni unter einen Hut bekommen müssen.

Die synchronen sind die lebendigeren Veranstaltungen.

Genau. Seminare, also Veranstaltungen, bei denen die Studierenden mitdiskutieren, finden synchron über Zoom statt. Es ist aber ruhiger als im Analogen und nur wenige haben ihre Videokamera an. Ich habe nicht immer einen Überblick, wie viele Personen oder wer daran teilnimmt. Das ist schade. Manchmal werden wir Studierenden in „Breakout Groups“ eingeteilt, und bearbeiten Aufgaben in Gruppen. So kommt man dann ein wenig leichter ins Gespräch.

Das heißt, Zoom wird offiziell als Kommunikations- und Übertragungsprogramm der Uni eingesetzt?

Ja, diese Veranstaltungen finden schon alle von offizieller Seite aus über Zoom statt. Zu Beginn eröffnet die Seminarleitung ein Meeting, verschickt den Link und alle betreten den Konferenzraum. Über unser internes Programm, Olat, können aber – wie sonst auch – die Dokumente hochgeladen, Beiträge in Foren gepostet und Nachrichten verschickt werden. Für gemeinsame Leistungsnachweise tauschen wir Studierenden uns über Zoom, aber auch Skype, per Email und in Whatsappgruppen aus – oder telefonieren.

zur person

Aurora Sauter (26) studiert an der Frankfurter Goethe-Universität im Master Soziologie und arbeitet dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie ist bereits gut vernetzt, was ihr während der Pandemie viel hilft. Das sei ein Privileg, sagt sie. FR

Haben Sie zu Beginn von Corona oder später von Ihrer Uni Leitfäden für die neuen Abläufe und die besonderen Kommunikationswege an die Hand bekommen?

Nicht wirklich, aber wir sind ja mit den Dozentinnen und Dozenten in Kontakt. Von ihnen gab es den Hinweis: „Organisiert euch, um Texte zu besprechen.“ Wie wir das umsetzen, ist dann aber uns Studierenden überlassen.

Und das klappt gut?

Man ist schon etwas auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn man innerhalb der Veranstaltungen eine konkrete Aufgabenstellung hat. Gerade wenn man sich nicht kennt und an einem gemeinsamen Ziel arbeitet. So hat das für mich immer gut funktioniert. Von anderen habe ich aber mitbekommen, dass es teilweise schwierig zu koordinieren ist, besonders wenn die Gruppendynamik nicht gut ist. Wenn man andere Seminarteilnehmer:innen kennt, ist es einfacher.

Stimmt es, dass es unter Coronabedingungen schwieriger und aufwendiger ist, auf die nötigen Seminarpunkte zu kommen?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal ist der Aufwand wesentlich höher, etwa wenn man nur einen Teilnahmeschein braucht. Jetzt muss man dazu oft wöchentlich etwas Schriftliches abgeben. Und das, obwohl man gleichzeitig den Eindruck hat, weniger gelernt zu haben. Seminare leben eben vom Austausch. Es gibt aber auch viele Dozent:innen, die darauf eingehen, dass es anstrengender ist.

Aurora Sauter.

Bekommen Sie mit, wie andere Studierenden mit der Studiensituation zurecht kommen?

Da kann ich nur von denen sprechen, die ich kenne. Zu Erstsemestern zum Beispiel habe ich keinen Kontakt, in Präsenz hätte ich bestimmt etwas von ihnen mitbekommen. Aber wenn ich mir vorstelle, jetzt mit dem Studium anzufangen: Das wäre richtig hart. Bei meinen Bekannten gibt es die ganze Bandbreite. Einige sind gut zurecht gekommen, andere haben kaum studiert und wenig abgeschlossen. Für viele war das Wegfallen des Ortes extrem schwer und die Individualisierung, das Auf-sich-alleine-gestellt-Sein, sehr anstrengend. Ihnen ging es nicht gut damit. Auch Einsamkeit und Strukturlosigkeit spielen dabei eine Rolle. Die losen Kontakte in der Bibliothek, Mensabesuche, Referatsgruppen, ein Bier abends in der Kneipe – diese Alltäglichkeit ist nicht ins Digitale übertragbar.

Wie ist Ihr Eindruck: Wird auf die besonderen Bedingungen genug Rücksicht genommen, also kann jeder sein Pensum schaffen?

Oft wurden die jeweiligen Seminar-Anforderungen angepasst, also heruntergeschraubt. Trotzdem ist es sehr abhängig von der jeweiligen Lebenssituation der Studierenden, also der Situation zu Hause, der Studienerfahrung, dem Lerntyp und der finanziellen Situation, Pflege und Betreuung von Kindern oder Angehörigen. Viele haben ja Jobs verloren – in der Gastronomie beispielsweise. Verträge wurden nicht verlängert, Praktika abgesagt. Die Coronahilfen haben meinem Eindruck nach nur wenig überbrücken können und kamen für viele auch sehr spät. Wer sich nichts leihen konnte, für den wurde das schon problematisch.

Und wie ist es bei Ihnen?

Ich habe keinen Anspruch auf Bafög und meine Eltern unterstützen mich. Für das Studium selbst finde ich schon, dass ich Zeit hatte, mich mit interessanten Themen zu beschäftigen. Was mir definitiv fehlt, ist das Seminargespräch, das gemeinsame Denken und die zehn Minuten danach, in denen ich mich mit Kommiliton:innen häufig nochmal bespreche. Es ist schon schade, dass mein Studium quasi ohne das, was Uni ausmacht, endet.Grade mein Studiengang, der von Diskussion lebt, hat schon sehr unter Corona gelitten.

Hat sich innerhalb des knappen Jahres etwas verbessert?

Es gab schon einen Lerneffekt, sowohl seitens der Studierenden als auch der Organisation. Insgesamt kann man also schon sagen, dass das zweite Corona-Semester durch die Gewöhnung flüssiger lief. Gerade die synchronen Formate sind besser geworden, und auch wir Studierenden sind kreativer geworden. Es wurden etwa Lesekreise gebildet, was für Gespräche, den allgemeinen Austausch und neue Impulse sehr nützlich ist.

Interview: Sophie Vorgrimler

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