Neue Wege beschritten: der diesjährige Diplom-Jahrgang Schauspiel der HFMDK (Zweiter von rechts Andreas Gießer). hansjörg rindsberg

Schauspielschule

„Alles ist anders mit Corona“

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Frankfurter Schauspielstudenten haben in kurzer Zeit ungewohnte Formen für ihre Diplomprüfung entwickeln müssen.

Normalerweise hätte Andreas Gießer ein einstündiges Theaterstück erarbeitet und als praktischen Teil seiner Diplomarbeit an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HFMDK) dieser Tage aufgeführt. Doch es kam alles ganz anders – durch Corona. „Ich habe alles umgeschmissen.“

Eigentlich wollte er eine Bearbeitung des Kinderbuchs „Nichts“ von Jane Teller aufführen, das vom Schüler Pierre Anthon handelt, der glaubt, dass nichts in der Welt Sinn macht und deshalb nicht mehr zur Schule gehen will. Mitschüler wollen ihm das Gegenteil beweisen und häufen einen „Berg aus Bedeutung“ an – Dinge, die ihnen wichtig sind. Und die Dinge werden nach und nach immer extremer: Erst ist da die Lieblingssandale, dann aber der Sarg eines just verstorbenen Angehörigen.

Doch da der Kampf gegen Corona auch in Deutschland erhebliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit sich gebracht hat, war für die acht Prüflinge der Frankfurter Hochschule zunächst völlig unklar, ob und wie sie sich weiter vorbereiten sollten.

Live im Netz

Die Schauspielerinnen und Schauspieler der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HFMDK) zeigen ihre Abschluss-arbeiten unter dem Motto „Üh Üh & bye bye“ noch am heutigen Freitag sowie am morgigen Samstag – wegen der Corona-Pandemie allerdings nur online, ohne direkten Kontakt zum Publikum.

Das Programm ist live abrufbar unter https://play.hfmdk- frankfurt.info

19. Juni, 18 Uhr: Ein Wannenbad – Erlebnisse an einem gewöhnlichen Ort
19 Uhr: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen.
20 Uhr: Escape Game 2.0 – Die Angst verschwindet nie (live unter dem Link https://www.twitch.tv/lautei96)

20. Juni, 17 Uhr: Procedure Ada 2.0 – Die_Umlaufba(h)n.d: Violetta Gaul, Che Rin Na & Anna Rothe
18 Uhr: Nichts. Ein Film über alles,  was im Leben wichtig ist.
19.30 Uhr: pasta la vista – eine Abenteuergeschichte in fünf Gängen. 

Auch Andreas Gießer fürchtete das Spiel vor leeren Zuschauerreihen. Was tun? Da sein Internetanschluss daheim nicht leistungsstark genug ist, wollte er nicht riskieren, dass während eines Livestreaming seiner Prüf-Inszenierung beim Gegenüber nichts ankommt. Und so schrieb der 27-Jährige kurzerhand ein Filmdrehbuch mit dem Titel „Nichts.“: „Mein Cousin hat von seiner Uni eine Kamera besorgt. Dann haben wir mit einem Kumpel sechs Tage gedreht und zwei Wochen geschnitten.“ Und Gießers bester Freund aus München half, den halbstündigen Film über die Sinnsuche musikalisch zu vertonen.

Gießer hat den Film, „der sehr viel Arbeit und Nerven gekostet hat“, bereits abgeschickt, am Samstagabend wird sein Werk auf dem Youtube-Kanal der HFMDK zu sehen sein. „Ich bin sehr gespannt auf die Filmpremiere und voller Vorfreude“, auch wenn er sich „lieber klassisch in gebührendem Kontakt“ von Kommilitonen, Dozenten und Publikum verabschiedet hätte. Doch die Pandemie hat diesen Plan zunichtegemacht; in gewisser Weise musste die Theaterausbildung völlig neu erfunden werden. Obwohl es im deutschsprachigen Raum derzeit wenig Fluktuation an Theatern gibt, freut sich Gießer bereits, als freier Schauspieler für zwei Engagements gebucht worden zu sein.

„Es ist wirklich alles anders mit Corona“, betont Peter Michalzik, Gastprofessor für Performance und Autorschaft an der HFMDK. Er hat als künstlerischer Berater den Prozess der Abschlussarbeiten betreut. „Seit Oktober haben wir uns getroffen und dabei locker und assoziativ Ideen aufgenommen und wieder verworfen.“ Mit dem Semesterstart im April, wenn in der Regel die intensive Probenzeit für die Abschlussprüfungen beginnt, war dann der Lockdown da, samt Abstands- und Hygieneregeln – eine harte Zeit, da vieles unklar war. „Darf man überhaupt noch auf eine Bühne? Und wenn ja, darf jemand zusehen?“ So beschreibt Michalzik die damalige Unübersichtlichkeit. „In der gesamten Zeit standen die Studierenden vor extremen Belastungen und Herausforderungen.“ Sie begannen immer wieder von vorn – „unter sich ständig verändernden Verhältnissen. Dabei ist niemand verzweifelt, was alles andere als selbstverständlich ist.“

Knackpunkt war aber vor allem: „Kann sich in Videokonferenzen überhaupt Kreativität untereinander entwickeln? Im direkten Kontakt kann man auch auf angedeutete Gedanken reagieren.“ Aber funktioniert das auch übers Netz? „Erstaunlicherweise hat es ein Stück weit geklappt, aber es war ein Lernprozess.“ Schließlich existiert bislang noch kein erprobtes Modell für ein „Theater im Netz“: Für Michalzik ist das aber durchaus eine ernstzunehmene Variante des traditionellen Spielbetriebs, „da bereits jetzt die digitale Welt einen Teil unserer Realität darstellt“. Es gebe allerdings einen wichtigen Unterschied: „Die Bühnenpräsenz ist im Netz nicht gegeben. Aber eine Gemeinschaft mit dem Publikum kann man durchaus herstellen, wenn es live bei der Inszenierung dabei ist.“ Letztlich liege dann die Entscheidung, ob solche Varianten sich durchsetzen können, „bei den Zuschauern am Bildschirm“.

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