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Rückenschmerzen sind häufig und werden leicht chronisch. 

Medizin

„Akuter Schmerz ist ein Warnsignal“, chronischer Schmerz ist „einfach da“

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Chronische Schmerzen sind ein dauerhafter Begleiter, der kaum wieder loszukriegen ist. Der Anästhesiologe Michael Booke spricht im Interview über ihre schwierige Behandlung.

Schmerzen sind immer unangenehm, vergehen jedoch meist wieder. Manche allerdings halten sich hartnäckig und werden zum dauerhaftem Begleiter, der kaum wieder loszukriegen ist. Der Schmerzmediziner Michael Booke hat sich am Krankenhaus Hofheim auf die Behandlung chronischer Schmerzen spezialisiert. Im Interview spricht er über ihre schwierige Behandlung.

Mediziner warnen davor, dass akute Schmerzen chronisch werden können und dann schwer zu behandeln sind. Worin besteht der Unterschied zwischen akuten und chronischen Schmerzen?

Akuter Schmerz ist ein Warnsignal und als solches sehr sinnvoll. Er zeigt uns, dass wir gerade unachtsam mit unserem Körper umgehen und zeigt uns Grenzen auf. Der chronische Schmerz hat diese Sinnhaftigkeit verloren, er ist einfach da, hat keine echte Ursache mehr und wird in der Regel immer schlimmer.

Geht ein chronischer Schmerz immer auf einen akuten zurück?

Meistens ja, man kann das mit einer Hupe im Auto vergleichen. Sie hat die Aufgabe zu warnen, wenn man sie betätigt – so wie ein akuter Schmerz das tun soll. Einen chronischen Schmerz kann man sich wie eine Hupe vorstellen, die auch dann nicht mehr ausgeht, wenn niemand mehr draufdrückt. Eine Hupe, die sich verselbstständigt hat. Deshalb ist chronischer Schmerz auch ein eigenständiges Krankheitsbild.

Vom akuten Schmerz zu chronischen Schmerzen

Was passiert im Körper, wenn es zu chronischen Schmerzen kommt?

Michael Booke.

Dazu müssen wir zunächst die Entstehung akuter Schmerzen betrachten. Wenn man sich zum Beispiel das Knie verletzt, registrieren das die Schmerzfasern an dieser Stelle. Sie senden den Reiz ans Rückenmark, wo er verschaltet wird. Nimmt das Rückenmark den Schmerz als relevant wahr, schickt es ihn weiter ans Großhirn, wo uns der Schmerz bewusst wird. An all diesen Stationen kann es zu Störungen kommen, die in eine Chronifizierung münden können. Das Rückenmark etwa fungiert als Filter. Er bewirkt, dass man etwa bei einem Autounfall zunächst keine Schmerzen verspürt. Bei chronischen Schmerzen kann das Rückenmark seine Filterfunktion verlieren und dafür sorgen, dass Schmerzimpulse, die es normalerweise nicht bis nach oben schaffen würden, den Weg ins Gehirn finden. Aber auch das Gehirn selbst ist an chronischen Schmerzen beteiligt. Es hat zwei Möglichkeiten, mit Schmerz umzugehen: Es kann sich darauf konzentrieren oder den Schmerz ausblenden. Der Fachbegriff dafür lautet Neuroplastizität. Es bedeutet, dass das Gehirn einem Gebiet, das es als interessant wahrnimmt, zusätzliche Nervenzellen zuordnen kann. Bei Schmerzpatienten ordnet das Gehirn eigenständig einem schmerzhaften Areal immer mehr Nervenzellen zu, weil es merkt, dass der Mensch sich so stark mit dem Thema beschäftigt.

Zur Person

Michael Booke ist Professor für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Seit 2003 ist er Chefarzt der Anästhesie-abteilung an den Kliniken des Main-Taunus-Kreises in Hofheim und Bad Soden. Seit 2019 leitet Booke zudem die neue Schmerzstation am Krankenhaus Hofheim. Dort werden bis zu 16 Patienten mit chronischen Schmerzen stationär behandelt. Sie benötigen dafür die Einweisung durch einen niedergelassenen Arzt. Der Schwerpunkt liegt auf der

Behandlung von Schmerzen des Bewegungsapparates und der Gelenke.

Gibt es Schmerzen, die besonders leicht chronisch werden?

Immer dann, wenn Schmerz in der Akutphase nicht ausreichend therapiert wird, besteht die Gefahr der Chronifizierung. Besonders hoch ist das Risiko etwa bei Rückenschmerzen oder einem Zosterschmerz als Folge einer Gürtelrose.

Nach welcher Zeitspanne können Schmerzen chronifizieren?

Das geschieht während der Zeit, in der die Ursache eines akuten Schmerzes nicht ausreichend bekämpft wird. Es gibt zwei Definitionen: Die eine geht von einer Chronifizierung nach sechs Monaten aus, die andere bereits nach drei.

Bei chronischen Schmerzen die Ursache beseitigen

Bekommt man einen chronischen Schmerz auch nicht mehr weg, wenn die Ursache noch besteht und dann beseitigt wird?

Natürlich muss man auch bei einem chronischen Schmerz die Ursache beseitigen, wenn sie noch existiert. Aber das reicht oftmals nicht mehr aus. Ein typisches Beispiel dafür ist eine Operation bei chronischen Rückenschmerzen. Auch wenn der Eingriff erfolgreich verlaufen ist, bleiben die Schmerzen häufig bestehen, weil sie sich längst verselbstständigt haben. Deshalb muss man versuchen, das Schmerzgedächtnis zurückzuführen.

Wie kann das gelingen? Gibt es eine einheitliche Therapie dafür oder sind die Konzepte von Patient zu Patient verschieden?

Das Problem bei chronischen Schmerzen ist, dass eine einzige Therapie nicht weiterhilft. Wir setzen deshalb auf eine multimodale Therapie, die wir während eines stationären Aufenthaltes in geballter Form einsetzen. In der Summe helfen diese Behandlungen – Schmerzfreiheit wäre allerdings ein falsches Versprechen. Wenn sich chronische Schmerzen jahrelang ins Schmerzgedächtnis eingefressen haben, kann man das nicht in zwei Wochen annullieren. Aber die Patienten werden mit weniger Schmerzen entlassen. Die Therapie ist zudem so angelegt, dass sie zu einem großen Teil zu Hause fortgesetzt werden kann.

Welche Behandlungen umfasst eine multimodale Schmerztherapie?

Da gibt es viele verschiedene Ansätze. Um die Schmerzwahrnehmung zu verändern, arbeiten die Patienten mit Psychotherapeuten. Sie sollen lernen, dem Schmerz nicht mehr den zentralen Raum in ihrem Leben zu geben. Denn es ist ja ein Teufelskreis: Die Patienten schränken ihre Freizeitaktivitäten ein, der Schmerz rückt immer mehr in den Fokus – und damit wird er immer stärker. Ein zweiter Baustein ist die Unterdrückung der Freigabe von Schmerzimpulsen im Rückenmark. Dafür setzen wir Stromreize ein. Mit einem Verfahren namens Matrixstimulation soll über langsame Impulse das Neuron irritiert werden, das für die Verschaltung der Schmerzimpulse zuständig ist. Eine andere Methode sind TENS-Geräte. Dabei bringt man Elektroden auf die schmerzende Region, über die stetig kleine Stromreize ans Gehirn geschickt werden. Sie tun nicht weh, deshalb interessiert das Gehirn sich nicht dafür und fährt das Schmerzempfinden für dieses Areal runter. Das funktioniert aber nur, wenn man es über Monate regelmäßig anwendet.

Chronische Schmerzen: Schmerzmedikamente haben Nebenwirkungen

Welche Rolle spielen Schmerzmedikamente bei der Therapie?

Eine große. Man muss allerdings mit in die Waagschale werfen, dass sie Nebenwirkungen haben und im Einzelfall das Risiko abwägen. Ibuprofen etwa kann bei älteren Menschen das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall deutlich erhöhen. Bei starken Schmerzen setzen wir in den ersten Tagen mitunter auch Opiate ein, wenn andere Mittel nicht ausreichen. Opiate sind die potentesten Schmerzmittel überhaupt, aber man darf sie schon wegen der Gefahr der Abhängigkeit nicht unkritisch einnehmen.

In der Schmerztherapie werden häufig auch niedrige dosierter Psychopharmaka eingesetzt.

Neuroleptika sind eine wichtige Säule. Mit ihnen lassen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie machen müde und fördern den Schlaf, was für viele Schmerzpatienten wichtig ist, denn manche können seit Jahren nicht mehr schlafen. Über mehrere Tage eingenommen kommt es dann im Gehirn zu einer Schmerzdistanzierung.

Lässt sich mit alternativen Methoden wie Akupunktur bei chronischen Schmerzen auch etwas erreichen?

Keiner weiß genau, wie Akupunktur wirkt, aber sie wirkt. Das haben Studien nachgewiesen, zumindest für Gelenk- und Rückenschmerzen. Auch bei anderen Schmerzen kann Akupunktur funktionieren, allerdings sprechen nicht alle Patienten gleich gut an. Auch Biofeedback kann helfen. Bei diesem Verfahren lernt der Patient, Kontrolle zum Beispiel über den langen Rückenmuskel zu erlangen und ihn zu entspannen. Denn viele Schmerzen sind muskulär bedingt.

Chronische Schmerzen: Cannabis nur in Einzelfällen

Arbeiten Sie auch mit Cannabis?

Wir haben es im Programm, geben es aber nur in Einzelfällen. Wenn man Cannabis bei einem stationären Aufenthalt einsetzt, muss der Patient die Chance haben, dass er es anschließend als Kassenleistung weiternehmen kann. Der Patient muss die Verordnung selbst bei der Kasse beantragen, wir helfen bei der Formulierung des Antrags und nutzen den schmerzlindernden Effekt während des stationären Aufenthalts als Argument gegenüber der Krankenkasse.

Unabhängig von diesen Schwierigkeiten – was halten Sie von Cannabis als Schmerzmittel?

Es hilft nicht bei allen Schmerzen, sondern nur bei manchen Krankheitsbildern und dann auch nicht bei jedem Patienten. Eine relativ hohe Trefferquote hat Cannabis zum Beispiel bei Polyneuropathien, einer Form von Nervenschmerzen, die oft schwer zu therapieren sind. Für diese Patienten kann Cannabis die letzte Hoffnung sein.

Chronische Schmerzen: Patienten sehen sehr spät einen Facharzt

Schmerzmediziner berichten oft davon, dass es sehr lange dauert, bis Patienten mit chronischen Schmerzen richtig behandelt werden. Woran liegt das?

Der Grundstein liegt zunächst oft darin, dass die meisten Menschen versuchen, sich selbst zu helfen mit Schmerztabletten. Bis sie den ersten Facharzt – etwa einen Orthopäden – sehen, ist bereits viel Zeit gegangen. Wenn der nicht helfen kann, weil er keine organische Ursache findet, geht es zum nächsten – und oft folgt dann eine Odyssee durch die Ärzteschaft. Während der Suche nach einer Therapie wird der Patient dann zum chronischen Schmerzpatient.

Lässt sich bei jedem Patienten mit chronischen Schmerzen eine Besserung erreichen?

In stationärer Therapie ja, ambulant oft nein.

Sie haben gesagt, dass die Therapie nach dem Klinikaufenthalt zu Hause fortgeführt werden soll. Wie lange muss man das durchhalten?

In der Regel lebenslang. Aber Patienten mit Bluthochdruck oder Diabetes müssen das auch. Und wenn es besser geht, kann man versuchen, die Medikamente abzutrainieren.

Interview: Pamela Dörhöfer

Bei der Messe „gesund leben“am 29. Februar und 1. März in der Jahrhunderthalle Höchst hält Michael Booke am Sonntag um 11.15 Uhr einen Vortrag zum Umgang mit chronischen Schmerzen.

Über die gesund leben: Die gesund leben ist eine regionale Publikumsmesse der Mediengruppe Frankfurt mit 70 Ausstellern, 55 Expertenvorträgen, 16 Stunden Fitnessprogramm, kostenfreien Gesundheitschecks und Informationen rund um Gesundheit, Fitness, Ernährung, Lifestyle, Reisen, Wellness & Beauty. Sie findet vom 29.02.-01.03.2020 in der Jahrhunderthalle Frankfurt statt. Mehr unter www.gesundleben-messe.de

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