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Inkontinenz: Ärztlicher Rat statt Selbsttherapie

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Inkontinenz – was könnte dahinterstecken?  Fachleute gaben Auskunft bei der FR-Telefonaktion.
Inkontinenz – was könnte dahinterstecken? Fachleute gaben Auskunft bei der FR-Telefonaktion. © Imago

Fachmediziner der Deutschen Kontinenz Gesellschaft erklären unseren Leserinnen und Lesern, welche Therapien bei belastender Blasen- und Darmschwäche zur Verfügung stehen

Fragen zu Harninkontinenz

Nach der Geburt meines Sohnes vor drei Monaten verliere ich beim Lachen und Niesen manchmal Urin. Woran liegt das?

Schwangerschaft und Geburt haben Ihren Beckenboden stark belastet, Funktionsstörungen sind eine häufige Folge. Oft zeigt sich das durch ungewollten Urinverlust. Effektiv stärken lässt sich der Beckenboden in Rückbildungskursen. Bis das Training Wirkung zeigt, helfen Stütz- und Kontinenz-Pessare, die Blase dichtzuhalten. Empfehlenswert ist zudem der Besuch einer Spezialistin/eines Spezialisten für den Beckenboden, etwa in einem zertifizierten Beckenboden-Zentrum. Örtliche Adressen gibt es auf der Website der Deutschen Kontinenz Gesellschaft www.kontinenz-gesellschaft.

Ich bin Lehrerin. Meine Blase meldet sich gefühlt alle halbe Stunde, oft so doll, dass ich es nicht rechtzeitig auf die Toilette schaffe. Was hilft mir?

Ihre Symptome deuten auf eine Dranginkontinenz aufgrund einer überaktiven Blase hin, auch Reizblase genannt. Das sollten Sie von Ihrer Gynäkologin/Ihrem Gynäkologen untersuchen lassen, auch um andere Ursachen, etwa einen Blaseninfekt, auszuschließen. Eine Reizblase wird in der Regel mit einer Kombination verschiedener Maßnahmen behandelt. Dazu gehören neben Blasentraining insbesondere Beckenbodentraining und eine Elektrotherapie. Sie aktiviert den Beckenbodenmuskulatur mit schwachem Reizstrom. Dazu kommt eventuell eine medikamentöse Therapie. Ist der Erfolg dieser Maßnahmen nicht ausreichend, kann an den Einsatz von Botulinumtoxin (Botox) in der Harnblase gedacht werden. Helfen keine der dieser Maßnahmen, ist möglicherweise eine Neuromodulation, ein Blasenschrittmacher, anzuraten.

Dr. Thomas Fink ist Gynäkologe und leitender Oberarzt am Sana Klinikum Lichtenberg in Berlin.
Dr. Thomas Fink ist Gynäkologe und leitender Oberarzt am Sana Klinikum Lichtenberg in Berlin. © Privat

Ich bin Ende 30, war nie schwanger, und verliere immer öfter etwas Urin, etwa beim Tragen von Einkaufstaschen.

Das klingt nach einer Belastungsinkontinenz, darunter leiden viele Frauen: Steigt der Druck im Bauchraum, sei es durch Husten, Lachen oder beim Joggen, entweicht unkontrolliert Urin. Ursache ist meist eine Schwächung der Beckenbodenmuskulatur, so dass der Verschluss der Harnröhre nicht mehr richtig funktioniert. Hier bringen meist schon konservative Methoden wie Beckenbodentraining oder Lebensstilveränderungen wie Abbau von Übergewicht eine Heilung. Wichtig: Das Beckenbodentraining sollte unter professioneller Anleitung von Therapeuten erlernt werden. Hilfreich können auch die lokale Anwendung von östriolhaltigen Salben sein sowie, bei Bedarf, der Einsatz von Hilfsmitteln wie Pessaren, die die Harnröhre stützen.

Ich leide unter starker Belastungsinkontinenz, ich vermeide darum auch Sex mit meinem Mann. Beckenbodentraining hilft bei mir nicht. Welche chirurgischen Möglichkeiten gibt es?

Operativer Goldstandard bei der Behandlung von Belastungsinkontinenz ist das Einbringen eines kleinen Kunststoffbändchens, das ohne Befestigung unter die Harnröhre gelegt wird und mit dem korpereigenen Gewebe verwächst. Dies bringt in 90 Prozent der Fälle eine sofortige Besserung der Beschwerden. Es gibt dazu ein alternatives Verfahren: Dabei wird die Harnröhre, um sie zu stützen und dadurch abzudichten, mit einer gelartigen Substanz unterspritzt. Die Erfolgsquote liegt bei etwa 60 Prozent. Zukünftig könnte auch eine Therapie per Laser interessant werden. Doch für die Methode liegen noch keine Langzeitdaten vor.

Ich bin 57 Jahre alt und habe zunehmend das Gefühl, dass sich meine Blase nicht ganz leer wird. Liegt das an meiner Prostata?

Eine geringe Menge an Restharn ist normal. Bei etwa der Hälfte der Männer mit Beschwerden beim Wasserlassen ist die Ursache tatsächlich eine mechanische Einengung des Teils der Harnröhre, die durch die Prostata geht. Dadurch wird der Harnstrahl abgeschwächt. Auch sogenannte Pseudodivertikel, eine Art Aussackung der Harnblase, können zur Restharnbildung führen. Ob Ihre Symptome behandelt werden sollten, lässt sich durch eine Abklärung bei einer Urologin/bei einem Urologen feststellen.

Mein Urinstrahl ist nicht mehr so stark wie früher ist. Ich habe gelesen, dass Kürbiskerne helfen können – stimmt das?

Eine Veränderung des Harnstrahls ist meist Folge einer gutartig vergrößerten Prostata. Die Symptome sollten in einer urologischen Praxis abgeklärt werden, um krankhafte Ursachen auszuschließen und das weitere Vorgehen zu besprechen. Mitentscheidend für die Wahl der Behandlung ist der subjektiv empfundene Leidensdruck des Patienten. Die Empfehlung von pflanzlichen Mitteln kann sinnvoll sein. Für einzelne Pflanzenextrakte gibt es eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit, etwa für Sägepalme oder Kürbiskernextrakt, die eine abschwellende Wirkung auf die Prostata haben und die Blase beruhigen.

WEitere Infos

Auf der Webseite der Deutschen Kontinenz Gesellschaft finden Betroffene und Interessierte hilfreiche Informationen, Broschüren und Videos rund um Blasenprobleme, Harn- und Stuhl inkontinenz. Wer eine Spezialistin oder einen Spezialisten sucht, findet hier auch örtliche Adressen von anerkannten ärztlichen Beratungsstellen sowie zertifizierten Kontinenz- und Beckenbodenzentren: www.kontinenz-gesellschaft.de.

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft ist eine seit 1987 bestehende gemein- nützige, medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich für die Verbesserung von Diagnose, Behandlung und Prävention von Harn- und Stuhlinkontinenz bei Erwachsenen und Kindern einsetzt. Regelmäßige Fortbildungs- Veranstaltungen sollen zudem dazu beitragen, die Qualität in der Therapie und Beratung von Patientinnen und Patienten mit Inkontinenz zu sichern.

Der Ratgeber „Blase gut – alles gut“ von Prof. Dr. Stephan Roth bietet Patientinnen und Patienten sowie allen Interessierten eine Orientierung. Der Direktor der Urologischen Universitätsklinik Wuppertal gibt im Buch Empfehlungen und Hilfe zu allen Fragen rund um das wichtige Organ, etwa zu wiederkehrenden Blasenentzündungen, ständigem Harndrang oder unfreiwilligem Urinverlust: Knaur MensSana HC, 320 Seiten, 16 Euro. pam

Mein Harndrang kommt oft so heftig, dass ich kaum noch rechtzeitig das WC erreiche. Mein Hausarzt hat eine Vergrößerung der Prostata getastet – muss ich jetzt operiert werden?

Sie sollten die Symptome von einer Fachärztin/einem Facharzt aus der Urologie abklären lassen. Hier wird eventuell unter anderem die Blasenwandstärke per Ultraschall gemessen, die bei Behinderung des Urinabflusses dicker wird. Zur Behandlung von starken Beschwerden aufgrund einer gutartig vergrößerten Prostata werden in der Regel zunächst Medikamente eingesetzt. Erst wenn diese nicht den gewünschten Erfolg bringen, sollte eine Operation diskutiert werden.

Ich habe zunehmend Probleme beim Wasserlassen und mit der Erektion wird es auch schlechter – können Medikamente helfen?

Zeigen sich Störungen beim Wasserlassen im Rahmen einer gutartig vergrößerten Vorsteherdrüse, benignes Prostatasyndrom (BPS) genannt, ist häufig auch die Sexualfunktion beeinträchtigt. Für die gleichzeitige Therapie dieses doppelten Männerproblems steht ein wirksames Medikament zur Verfügung: der Phosphodiesterase-5-Hemmer Tadalafil. Er wird schon lange zur Behandlung von Erektionsschwäche eingesetzt und ist seit einigen Jahren auch für die Therapie bei BPS zugelassen. Studien haben gezeigt, dass das Mittel Beschwerden beim Wasserlassen sowie Symptome einer Reizblase deutlich lindern kann.

Prof. Dr. Boris Gabriel ist Gynäkologe und Chefarzt der Frauenklinik am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden.
Prof. Dr. Boris Gabriel ist Gynäkologe und Chefarzt der Frauenklinik am St. Josefs-Hospital in Wiesbaden. © Privat

Fragen zu Stuhlinkontinenz

Bei meinem 83-jährigen Vater kommt es immer wieder zu plötzlichem unkontrollierbaren Stuhlgang, so dass alles in die Hose geht. Was kann man dagegen tun?

Für eine fundierte Diagnose sollte sich Ihr Vater sich untersuchen lassen. Gerade bei Menschen in höherem Alter sind solche unangenehmen Vorkommnisse häufig Ausdruck von massiver Verstopfung – also eher dem Gegenteil von Inkontinenz. Der Darm ist dann aber so voll, dass es irgendwann zu einer ungewollten Entleerung kommt. Man spricht auch von „Überlauf-Inkontinenz“. Die beste Maßnahme ist dann, für regelmäßigen Stuhlgang zu sorgen. Dies gelingt in der Regel medikamentös, am bestem in Ansprache mit dem Hausarzt.

Seit einigen Monaten verliere ich Stuhlgang, wenn ich etwas Schweres hebe. Vor langer Zeit, nach der Geburt des jüngsten Kindes, hatte ich ähnliche Probleme. Was lässt sich da machen?

Ihre Beschwerden können verschiedene Ursachen haben, oft kommen mehrere Faktoren zusammen. Zunächst müsste die Funktionsfähigkeit des Beckenbodens und des Schließmuskels geprüft werden, beides kann durch Ihre Schwangerschaften geschwächt sein. Für die Therapie stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Manchmal ist eine minimalinvasive Operation sinnvoll, etwa um den Schließmuskel zu reparieren. In nicht wenigen Fällen lässt sich auch über Physiotherapie, eventuell mit Reizstrombehandlung, spürbare Linderung erzielen.

Prof. Dr. Thomas Schiedeck ist Proktologe und Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeinchirurgie am Klinikum Ludwigsburg.
Prof. Dr. Thomas Schiedeck ist Proktologe und Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeinchirurgie am Klinikum Ludwigsburg. © Privat

Seit einiger Zeit finden sich in meiner Unterwäsche Stuhlverschmutzungen, ohne dass ich etwas davon merke. Letztens war etwas Blut im Toilettenpapier. Zudem habe ich heftigen Juckreiz um den After herum. Bin ich inkontinent?

Verunreinigung durch Stuhlgang und der Juckreiz können erste Hinweise für vergrößerte Hämorrhoiden sein. Diese sorgen oft für eine scheinbare Inkontinenz. Lassen Sie das von einer Proktologin/einem Proktologe abklären. Hämorrhoiden sind unangenehm und sollten unbedingt behandelt werden. Zu den häufigsten Therapiemethoden gehören Salben und ambulante Therapien.

Bei meiner Mutter rutscht der Darm nach außen, etwa wenn sie vom Sofa aufsteht oder auch beim Gehen. Was steckt dahinter? Zu einer Ärztin/einem Arzt mag sie nicht gehen.

Diese Beschwerden sind typisch für einen Darmvorfall. Oft steckt eine Beckenbodenfunktionsstörung dahinter. Diese tritt häufig bei älteren Frauen auf, insbesondere, wenn sie große Kinder auf die Welt gebracht haben. Hier wäre eine sorgfältige Untersuchung in einem Beckenbodenzentrum wichtig. Es gibt schonende Operationsmöglichkeiten, die eine spürbare Verbesserung der Lebensqualität bringen. Wird nichts unternommen, besteht das Risiko einer dauerhaften Schädigung des Schließmuskels. Dies führt einer kompletten Stuhlinkontinenz.

Prof. Dr. Thomas Enzmann ist Urologe in der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum 
Brandenburg.
Prof. Dr. Thomas Enzmann ist © Privat

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