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Verschaffen sich Gehör: Landwirte am Freitag auf einer Kundgebung in Stuttgart. Sebastian Gollnow/dpa

Agrarmesse Grüne Woche

Zwischen Bratwurst und Klimakrise

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Drinnen Kulinarisches, draußen Trecker-Demos – zur Agrarmesse Grüne Woche in Berlin spielt der Streit mit den Landwirten auf einem neuen Level.

Der Freitag ist der erste Publikumstag der Grünen Woche in Berlin. Schon zur Messeeröffnung strömen die Massen in die Ausstellungshallen, als gäbe es in der Hauptstadt nichts mehr zu essen. Die katholische Landjugend der Diözese Regensburg hat mehr Zeit, die Jugendlichen bauen sich vor der Messe hinter einem Transparent auf und machen Gruppenfotos. „Wir bewegen das Land“ steht darauf.

Das Land ist in Bewegung, die Bauern fahren wieder mit ihren Traktoren in die Städte und demonstrieren gegen die Düngeverordnung und die Geringschätzung der Politik. In Berlin waren 400 Traktoren aus Brandenburg unterwegs, in Nürnberg mehrere Tausend, die Bilder kennt Deutschland inzwischen.

Auf der Messe ist davon kaum etwas zu spüren. Hier wetteifern schon um zehn Uhr die Brauereien um den schnellsten Zapfhahn, in den Pfannen brutzelt es, der Metzger preist polnische Würste an und der Schweinepest-Experte ist zum Vortrag angereist.

Agrarköniginnen aller Sparten defilieren durch die Hallen, und dann knallt eine niederländische Blaskapelle dazwischen und spielt Wolfgang Petry. Mehr als 70 Länder und deutsche Regionen preisen ihre Genüsse an – und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in der Berlin-Halle die einzige Jutetasche mit einem Klimaschützer-Spruch hängt: „There is no Planet B“ steht darauf, und nebenan verkauft ein Unternehmen klimafreundliche Luxus-Trinkhalme aus Glas.

Agrarministerin Klöckner (CDU) mag zwar keine Büllerbü-Landwirtschaft, der Blumenbär hat es ihr aber angetan.

Bis zum 26. Januar werden rund 400 000 Besucher erwartet, sie wollen schlemmen, Tiere gucken und Landmaschinen bestaunen, wie etwa den gigantischen Feldhäcksler mit dem monströsen Maisgebiss. Davor steht Professor Peter Pickel vom Hersteller John Deere und versucht, die Aufmerksamkeit von der gigantischen Maschine auf den kleinen Kasten zu lenken, der oben am Auswurfschnabel angebracht ist. Der Sensor „Harvest Lab 3000“ ist ein Nährstoff-Sensor, er kann auf dem Feldhäcksler die Schnittlänge kontrollieren, auf dem Güllewagen den Düngemittel-Ausfluß steuern und am Feldrand als mobiles Labor dienen. „Landwirtschaft ist eine High-Tech-Branche“, sagt Pickel, „sie ist wieder cool geworden“.

Nun ist es aber so, dass hochtechnisierte Agrarindustrie bei vielen draußen einen eher schlechten Ruf hat. Unter dem Motto „Wir haben es satt“ wollen in Berlin am Samstag mindestens 15 000 Menschen auf die Straße gehen. Pickel wirbt dafür, dass High Tech „ein großer Teil der Lösung“ sein kann. Er fordert – natürlich – 5G an jeder Feldkrume, und hat eine Zukunftsvision, die hauptsächlich auf Präzision abzielt: „Wir wollen jede Pflanze als Individuum behandeln können. Wenn wir das geschafft haben, haben wir viel für die Nachhaltigkeit getan.“

Auch Johanna Mandelkow ist vor zwei Jahren so durch die Hallen gezogen, da war sie Ernteprinzessin der Uckermark. Heute trägt die 23-jährige Daunenjacke statt Prinzessinnenkleid und rotiert nicht auf der Messe, sondern drei Kilometer weiter auf der Trecker-Demo. Die Landwirtin aus der Uckermark sitzt im Vorstand des Vereins „Land schafft Verbindung“, sie hat die große Trecker-Demo im November in Berlin angemeldet und auch diejenige am Freitag. Am Vorabend hat sie in der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung mit Biobauern und Umweltschützern diskutiert.

„Ein toller Abend“, sagt sie, man sei sich in vielen Punkten einig gewesen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte gerade noch davon gesprochen, dass „die einen Bauern gegen die anderen demonstrieren“ würden. Quatsch, sagt Mandelkow, die Organisatoren der „Wir haben es satt“-Demo betrachte man nicht als Gegner. Auch mit den Städtern suche man nicht die Konfrontation, sondern wolle ins Gespräch kommen. Und mit den Umweltschützern von BUND und Nabu verständige man sich auch – schließlich geht es am Ende um die Frage, wie Bauern für mehr Naturschutz entschädigt werden könnten.

Also gibt es überhaupt keinen Agrarstreit? Natürlich gibt es ihn, die Frage ist nur, wer der Gegner ist. „Die Verantwortung für die niedrigen Preise trägt der Handel. Da müssen wir ran. Landwirte und Verbraucher zusammen“, sagt Mandelkow.

Sie muss auch ihre Bewegung zusammenhalten, warnt vor Radikalen in der Gruppe. Der AfD-Agrarpolitiker Stephan Protschka zieht in Berlin wütend ab, weil er nicht auf die Bühne darf. „Wir halten uns von allen Parteien fern“, sagt Mandelkow, doch FDP und Linke durften sprechen.

Zurück auf der Messe eröffnet Till Backhaus die Länderhalle Mecklenburg-Vorpommern. Der dienstälteste Landwirtschaftsminister der Republik tut dies zum 20. Mal in Folge. „Landwirtschaft ist Teil der Lösung und nicht Teil des Problems“, sagt er. Still und heimlich hat er „Land schafft Verbindung“ in Arbeitsgruppen im Ministerium in Schwerin aufgenommen. Dann streicht das Agrar-Urgestein Backhaus dem Reporter sanft über den Bauch und sagt: „Wir brauchen doch alle Lebensmittel, um satt zu werden, nicht wahr?“

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