Die Sorge des Gastgewerbes: weniger Gäste, weniger Umsatz. dpa
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Die Sorge des Gastgewerbes: weniger Gäste, weniger Umsatz. 

Gastgewerbe

Zwischen ausgebucht und pleite

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Während der Tourismus an der Ostsee und in Bayern boomt, leiden Stadt- und Flughafenhotels massiv. Nun fordert die Branche ein Gesetz, das ihr erlaubt, die Pacht zu reduzieren.

Der Tourismus in Deutschland kommt wieder in Schwung – zwischen Rügen und Oberstdorf sind viele Hotels für die nächsten Wochen ausgebucht. Die Preise steigen. Allerdings haben zahlreiche Hoteliers und Gastwirte, die auf Geschäftsreisen oder private Feierlichkeiten spezialisiert sind, noch immer schwer zu kämpfen. Deshalb fordert das Gastgewerbe nun ein Gesetz, um Pachtzahlungen reduzieren zu können.

Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zeigen, wie tief der Einschnitt durch die Corona-Beschränkungen war. Das gesamte Gastgewerbe musste im Mai einen Umsatzeinbruch um 64 Prozent im Vergleich zum Mai 2019 verkraften. Bei Hotels, Pensionen und anderen Beherbergungsbetrieben waren es sogar Einbußen von 80 Prozent. Bund und Länder hatten im März Übernachtungen für touristische Gäste verboten. Erst zwischen dem 9. und dem 18. Mai wurden die strengen Restriktionen nach und nach in allen Bundesländern gelockert. Vor allem die Gäste aus dem Ausland blieben weg. Die heftige Zäsur durch die Pandemie ist auch an der Zahl der Übernachtungen in den ersten fünf Monaten erkennbar: Es waren rund 88 Millionen, halb so viele wie 2019 von Anfang Januar bis Ende Mai.

Ähnlich lief es bei Gaststätten. Allerdings konnten Restaurants die Schließungen damit etwas ausgleichen, dass sie Abhol- und Lieferdienste für Pizza, Pasta und Co einrichteten. Deshalb lagen hier die Einnahmen im Mai „nur“ um 54,7 Prozent unter dem Vorjahr. Noch etwas günstiger sah es bei Cateringbetrieben aus, denen zwar die Belieferung für Veranstaltungen wegbrach, die aber ebenfalls in der Versorgung von Privathaushalten aktiv waren. Deutlich freundlicher sehen die Veränderungen zwischen April und Mai aus. Hier haben die Wiesbadener Statistiker ein Umsatz-Plus von 45 Prozent fürs gesamte Gastgewerbe errechnet, wobei im April viele Unternehmen auf Einnahmen nahe null kamen.

Für Juni und Juli liegen noch keine offiziellen Zahlen vor. Es ist aber klar, dass sich der Aufwärtstrend verstärkt hat. In Mecklenburg-Vorpommern etwa sind laut einer Umfrage des dortigen Tourismusverbandes in den Hotels und Pensionen derzeit so gut wie alle Betten belegt. Für Juli rechnen die Betreiber mit einer Auslastung von 86 Prozent. Für August sind auch schon mehr als 80 Prozent der Betten gebucht und sogar im September bereits rund zwei Drittel der Kapazitäten belegt. Vier von zehn Betrieben im Nordosten verzeichneten eine höhere Nachfrage. Sie kann nicht immer befriedigt werden. Wegen Schutzbestimmungen der Landesregierung darf eine von sieben Übernachtungsmöglichkeiten noch nicht genutzt werden.

Deutlich lässt sich aber ein Effekt erkennen, der schon zu Anfang der Corona-Pandemie erwartet wurde: Die Urlaubssaison verschiebt sich nach hinten und viele Erholungsbedürftige bleiben im eigenen Land. Dazu passt, dass die Beherberger in Meck-Pomm, dem Tourismus-Bundesland Nummer eins, mehr neue Gäste begrüßen können als in normalen Jahren. Die große Nachfrage macht es auch möglich, die Preise zu erhöhen. Von Aufschlägen um die elf bis zwölf Prozent wird berichtet. Das macht es der Tourismusbranche möglich, im Frühjahr entgangene Einnahmen zumindest teilweise zu kompensieren.

Anderswo sieht es ähnlich aus. Die ostfriesische Insel Langeoog ist laut Bürgermeisterin Heike Horn ausgebucht. Vergleichbar soll die Lage auf den benachbarten Eilanden sein, deren Bewohner fast vollständig vom Tourismus abhängig sind. Auch in den besonders reizvollen Gegenden Bayerns ist der Ansturm der Touristen groß. Vielfach wird das schon zum Problem. Denn viele Urlauber sind mit Wohnmobilen unterwegs, und weil die Zahl der Stellplätze begrenzt ist, wird vielfach wild gecampt – unter anderem im Nationalpark Berchtesgaden, wo dies strengstens verboten ist. Tagesausflügler in großer Zahl kommen hinzu. Am malerisch gelegenen Walchensee zum Beispiel stehen tagsüber manchmal bis zu 4000 Autos. Felix Kellner, Gemeindeleiter des nahegelegenen Ortes Jachenau, betont: „Man spürt sowohl am See als auch in den Bergen, dass extrem viele Leute da sind.“ Ein zusätzlicher Parkplatz für 300 Autos wurde bereits angelegt. Die rund 400 Gästebetten im Ort seien bis September ausgebucht.

Doch nicht überall sind die Perspektiven für das Gastgewerbe so freundlich. Wirte, die auf Festlichkeiten angewiesen sind, können verlorene Einnahmen nicht mehr ausgleichen. Konfirmationen, runde Geburtstage und viele andere Familienfeiern wurden ersatzlos gestrichen. Wann und wie verlegte Hochzeiten nachgeholt werden, ist zumindest fraglich. Auch sind noch immer kaum Geschäftsreisende unterwegs. Kongresse, Roadshows von Unternehmen und sonstige Events finden nicht statt. „Die Krise der Hotellerie ist noch nicht vorbei“, betont denn auch Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Die Lage der Stadt-, Tagungs- und Flughafenhotels sei fatal.

Umso dringlicher sei eine gesetzliche Regelung zur Pachtminderung in Corona-Zeiten. Die Pachten sind neben den Aufwendungen fürs Personal die größten Kostenposten im Gastgewerbe. Zwar gebe es Immobilienbesitzer die Gastwirten und Hoteliers entgegenkämen, so Hartges. Gerade in Innenstädten sei dies aber die Ausnahme. Große Immobilienfonds etwa würden auf 100 Prozent Pachtzahlung bestehen. Die Geschäftsführerin wünscht sich deshalb, dass ein grundsätzlicher Anspruch für eine Minderung der Pachten aufgrund der Pandemie gesetzlich festgeschrieben wird. Auf diese Weise könnten dann die Parteien miteinander in Verhandlungen treten. Es gehe um eine angemessene Risikoverteilung zwischen Pächtern und Verpächtern.

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