+
Nur ein Gedankenspiel? Zumindest optisch rücken Deutsche Bank und Commerzbank auf diesem Foto schon zusammen.

Deutsche Banken

Zweifel an Großfusion

  • schließen

Der Bundesregierung sind die deutschen Banken zu klein. Das beflügelt Fantasien über eine Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank. Die deutsche Wirtschaft sieht das skeptisch.

Geheiratet wird am liebsten im Sommer. Den meisten Menschen scheint es romantischer zu sein, sich in leichter Festkleidung unter einem strahlend blauen Himmel den Hochzeitskuss zu geben statt in Winterparka unter einem Regenschirm. Verfolgt man die Debatten der vergangenen Jahre, so nutzen auch Banken bevorzugt die warme Zeit, um sich zumindest Gedanken über eine Hochzeit zu machen. Schon im Sommer 2016 hieß es, die Deutsche Bank und die Commerzbank befänden sich in einem heißen Fusionsflirt. Der wurde dann allerdings schnell wieder beendet. In diesem Sommer loderte die angebliche Romanze wieder auf und seither halten sich Fantasien über eine mögliche Fusion der beiden letzten verbleibenden deutschen Großbanken hartnäckig.

Als Verkuppler betätigt sich kein Geringerer als Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Er sagte im August, es sei ein Problem für eine große Volkswirtschaft wie die deutsche, „dass die Banken ... nicht die Größe und die Globalität haben, um die Wirtschaft zu begleiten“. Zudem erklärte er, die Bundesregierung habe „in den vergangenen zehn Jahren zu wenig Finanzindustriepolitik gemacht. Das war nicht zum Nutzen unseres Wirtschaftsstandortes“. Die Äußerung wurde von vielen Beobachtern so verstanden, dass die Bundesregierung – die noch mehr als 15 Prozent an der Commerzbank hält – sich für eine Fusion der beiden Institute ausspricht.

Doch stimmt es wirklich, dass die hiesige Wirtschaft unter dem Mangel global agierender Banken leidet? Und wäre eine Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank tatsächlich positiv? Beides kann bezweifelt werden.

Experten regen Fusion mit europäischer Bank an

„Die kleinen und mittelgroßen Mittelständler in Deutschland sind vorrangig Kunden der Sparkassen und Volksbanken sowie zunehmend der Postbank“, sagt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMV). „Wenn diese Mittelständler ins Ausland gehen, dann meistens nur innerhalb von Europa und das können sie dann in der Regel mit Eigenmitteln finanzieren.“ Ob Deutsche Bank und Commerzbank fusionieren oder nicht, sei für den deutschen Mittelstand deshalb unerheblich.

Auch Wolfgang Eichert, beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zuständig für Industrie- und Wirtschaftspolitik, betrachtet das Thema distanziert. Zwar sei es bei sehr großen Transaktionen für die Firmen meistens nicht möglich, eine Finanzierung nur von deutschen Banken zu bekommen. „Allerdings ist das eine eher untergeordnete Problemstellung für die deutschen Unternehmen. Es gibt ja viele europäische und internationale Banken, auf die sie zusätzlich zurückgreifen können“, meint er. Da deutsche Unternehmen weltweit aktiv seien, wäre es für sie interessant, wenn es zu einer europäischen Integration der Banken kommen würde. „Dann hätten sie Banken, die sie zumindest innerhalb von Europa in mehr Märkten besser betreuen könnten“, so Eichert. Sprich: Die deutsche Industrie würde es eher begrüßen, wenn sich eine deutsche Bank mit einer ausländischen Bank zusammenschließen würde.

Das sehen auch viele andere Beobachter so. „Alles, was Deutsche Bank und Commerzbank der Industrie heute nicht an Dienstleistungen anbieten könnten, werden sie ja auch nach einer Fusion nicht leisten können“, sagt Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies in Frankfurt. Auch die Gewerkschaft Verdi steht einem möglichen Zusammenschluss ablehnend gegenüber. „Wir würden eine Fusion nicht befürworten. Denn der Abbau mehrerer tausend Arbeitsplätze wäre dann wahrscheinlich“, sagt Jan Duscheck, der bei Verdi für das Bankgewerbe zuständig ist. „Die Diskussion kommt auch wirklich zur Unzeit. Beide Häuser stecken mitten in einer Restrukturierung und bauen viele Arbeitsplätze ab. Da für zusätzliche Verunsicherung unter den Arbeitnehmern zu sorgen, ist wirklich ungünstig.“

Das Problem eines massiven Arbeitsplatzabbaus im Falle einer Fusion sieht auch Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darmstadt. „Es ist schon bemerkenswert, dass sich ein SPD-Minister in so eine Richtung äußert“, meint er über Finanzminister Scholz. Wenn sich eine ausländische Bank dagegen mit Deutscher Bank oder Commerzbank zusammenschließen würde, würde der Jobabbau vermutlich deutlich geringer ausfallen, meint er.

Die oft vorgebrachte Sorge in Bezug auf eine Übernahme durch eine ausländische Bank ist allerdings, dass die neue Mutter den deutschen Markt vor allem in Krisenzeiten nicht als Priorität behandeln und die deutsche Tochter eher stiefmütterlich behandeln könnte. Ganz von der Hand zu weisen ist eine solche Befürchtung nicht; daher wäre eine Fusion auf Augenhöhe zu präferieren.

Verwunderlich ist, dass die Politik die „too-big-to-fail“-Thematik, die bei einer Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank noch stärker werden würde, gänzlich vergessen zu haben scheint. Darunter versteht man, dass Banken zu groß und vernetzt sind, um sie im Krisenfall abwickeln zu können. In der Finanzkrise hatten daher viele Politiker zur Zerschlagung oder zumindest deutlichen Verkleinerung der Banken aufgerufen.

„Es ist schon seltsam, dass ziemlich genau zum zehnten Jahrestag der Lehman-Pleite aus der Politik der Vorschlag zu Größe kommt“, sagt Experte Schiereck. In Deutschland wäre nach einer Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank dann ja auch nur noch eine einzige Großbank übrig. „Dieser national champion dürfte dann wirklich nicht schwanken. Denn wenn er es täte, wäre die Bundesregierung völlig erpressbar, ihn zu retten.“

Auch die betriebswirtschaftliche Logik eines Zusammenschlusses ist umstritten. Beiden Finanzinstituten geht es momentan schlecht; gerade deswegen wird ja über einen Zusammenschluss spekuliert. Die Idee: Die beiden Banken würden sich im Firmenkunden- und Privatkundengeschäft keine Konkurrenz mehr machen und stattdessen ihre Marktanteile ausbauen. Sie könnten die Kosten etwa durch Filialschließungen und Personalabbau senken und Marktkapitalisierung und internationale Macht hinzugewinnen. Allerdings, so betonen Experten, gibt es im Firmenkundengeschäft große Überlappungen zwischen den Banken, da Firmen nur ungern von einer Bank abhängig sind. „Sie werden bei einer Fusion ihr Geschäft teilweise auf andere Banken verlagern. Eins und eins macht eben nicht zwei, sondern eher 1,7“, meint Bankenexperte Brühl.

Auch im Privatkundengeschäft sind große Zugewinne eher fraglich. „Die beiden Marken passen überhaupt nicht zusammen“, meint Brühl. Tatsächlich ist es so, dass sich die Deutsche Bank mit dem Massengeschäft stets schwer getan und sich eher auf vermögende Kunden ausgerichtet hat. Viele Bürger verbinden mit ihr Skandale und einen gewissen Snobbismus. Die Commerzbank dagegen gilt als bodenständiger, sie ist stark im Volumengeschäft mit normalen Privatkunden unterwegs und gilt vielen Menschen als sympathischer. Eine Übernahme der kleineren Commerzbank durch die Deutsche Bank könnte daher „zu massiven Kundenabwanderungen bei der Commerzbank führen. Denn deren Privatkunden sind zumeist bewusst nicht zur Deutschen Bank gegangen“, meint Brühl.

Außerdem darf nicht vergessen werden, dass ein Zusammenschluss stets mit hohen Integrationskosten – beispielsweise für die Umstellung der IT und Abfindungsprogrammen für Führungskräfte – verbunden ist und viel Aufmerksamkeit des Managements beansprucht. Für mehrere Jahre wäre die neue Großbank nur mit dem Zusammenwachsen beschäftigt, was auf Kosten der Profitabilität gehen könnte.

Deutsche Bank soll sich erst selbst sanieren

Brühl würde sich wünschen, dass die Deutsche Bank sich erst einmal selbst saniert und dann „auf Augenhöhe mit einer ausländischen Bank fusioniert. Dann wäre sie vielleicht wirklich wieder ein globaler Player“. Solche Gedankenspiele gibt es in der Deutschen Bank auch. Das „Handelsblatt“ berichtete zuletzt, dass das Management einen Zusammenschluss mit der Commerzbank auf der einen und der Schweizer UBS auf der anderen Seite durchgespielt habe – und die UBS dabei am Ende als deutlich besserer Partner bewertet worden sei.

Unwahrscheinlich ist, dass eine Fusion – egal mit wem – in den kommenden 18 Monaten virulent wird. Auch Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing soll intern gesagt haben, dass ein Zusammenschluss mit einem anderen Institut derzeit komplett unrealistisch sei und die Bank erst einmal aus eigener Kraft wieder profitabler werden müsse. Auch im Management der Commerzbank wird das Thema zwar nicht komplett ablehnend betrachtet, aber nicht als aktuell angesehen.

Spätestens im kommenden Sommer werden die Fusionsphantasien dann aber vermutlich wieder hochkochen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare