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Die afrikanischen Bauern mussten auf europäischen Plantagen die Tomaten für genau die Billigkonserven ernten, die ihre heimatliche Existenz vernichtet hatten.

Gastwirtschaft

Zweierlei Nationalismus

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Wo Wirtschaftskriege anfangen.

Europa hat die afrikanischen Länder immer als Konkurrenzwirtschaften gesehen und sie durch überhöhte Kreditzinsen oder infame Freihandelsabkommen zu schwächen versucht, um sie für unsere Billigprodukte und Fischfabrikfangschiffe zu öffnen. Am Ende mussten die afrikanischen Bauern auf europäischen Plantagen die Tomaten für genau die Billigkonserven ernten, die ihre heimatliche Existenz vernichtet hatten.

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Günther Moewes, emeritierter Professor für Industrialisierung und Verteilungs- und Wachstumskritiker

Mit der Zeit hat man in Europa gemerkt, dass man so gleich fünf Fliegen mit einer Klappe schlagen kann: Konkurrenzwirtschaften schwächen; billige Arbeitskräfte bekommen; deren Ausbildung sparen; die europäischen Arbeitskräfte unter Konkurrenzdruck setzen und sich als Wohltäter für die Migranten aufspielen. Flugs hat die große Koalition ein „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ verabschiedet.

Kann man es dem mittelständischen deutschen Unternehmer verdenken, dass er seine mühsam aufgebaute Position auf dem Weltmarkt nicht durch Fachkräftemangel gefährdet sehen möchte? Selbst wenn man dem vielleicht langfristig durch bessere Entlohnung abhelfen könnte? Oder hat diese Frage vielleicht eine ganz andere Dimension? Muss sie nicht lauten: Weshalb ist Nationalismus bei den Eliten angeblich so verpönt, während ein rücksichtsloser Wirtschaftsnationalismus als Beweis für besondere Tüchtigkeit gilt? Ist der Begriff Globalisierung nicht bloß eine Tarnvokabel für einen globalen Wirtschaftskrieg, in dem es darum geht, dem jeweils anderen negative Handelsbilanzen und höhere Arbeitslosenzahlen zuzufügen?

Und ist dieser pausenlose Wirtschaftskrieg nicht die Vorstufe zu schlimmeren Kriegen? War nicht auch Versailles ein Stück Wirtschaftskrieg, das zu einem der schrecklichsten Kriege zumindest beigetragen hat? Und weiter: Dient es wirklich Klima und Globus, wenn Japaner unbedingt deutsche Autos fahren und Deutsche japanische? „Multilateralismus heißt, die Interessen der anderen mitzudenken“, sagte die Kanzlerin in Davos und München. Das sei wahrer „Patriotismus“ und führe in eine „Win-win-Situation“. Klingt merkwürdig von der Kanzlerin des ewigen Pro-Kopf-Exportweltmeisters. Aber vielleicht wird man das ja einmal als ersten zaghaften Gedanken zu einer solidarischen Weltwirtschaft werten.

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