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Nicht viel los in der City of London. Foto: afp

Großbritannien

Zurück ins Büro! Viele Innenstädte wegen Corona leer

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Die Briten haben es sich im Homeoffice gemütlich gemacht. Die Regierung Johnson versucht mit allen Mitteln, die Menschen an ihren Arbeitsplatz zu locken.

  • Wegen der Corona-Krise arbeiten viele Menschen in Großbritannien im Homeoffice.
  • In den Städten, insbesondere in London, stehen deswegen viele Büros leer.
  • Die Regierung um Boris Johnson will etwas gegen das Veröden der Innenstädte unternehmen.

London – Weil sonst die Innenstädte veröden und immer mehr Jobs verloren gehen, will die konservative Regierung von Premier Boris Johnson die Briten mit düsteren Drohungen und freundlichen Appellen zurück ins Büro holen. Doch das gestaltet sich schwierig: Viele haben sich im Homeoffice gut eingerichtet, fürchten die lange und teure Pendelei. Hinzu kommt die Verunsicherung durch immer neue Regierungspannen bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.

London ist wegen der anhaltenden Corona-Krise in Großbritannien deutlich leerer

Das Londoner Finanzviertel an einem Wochentag Anfang September: Wo sich sonst Autos stauen und nach Feierabend dichte Menschentrauben um die Pubs stehen, kann man Passanten jetzt an einer Hand abzählen. Schlangen vor Sandwich-Läden zur Mittagszeit gibt es vereinzelt nur deshalb, weil viele Filialen großer Ketten wie Starbucks geschlossen bleiben.

Erhebliche Teile der City of London, glaubt Catherine McGuiness von der zuständigen Verwaltungsbehörde, „machen wieder auf, allmählich kommen die Leute zurück“. Allmählich – das beschreibt den Sachverhalt sehr genau. Der Investmentbank Morgan Stanley zufolge waren auf der Insel Ende Juli gerade mal 37 Prozent der Büroangestellten an ihrem gewohnten Arbeitsplatz, in der EU lag der Anteil knapp doppelt so hoch. Im traditionell stillen August gingen in den 63 größten Städten Großbritanniens 17 Prozent der Angestellten in ihre Büros, in London nur 13 Prozent.

Corona-Krise in Großbritannien: Unternehmerverband spricht von „Geisterstädten“

Viele Firmen, nicht zuletzt in der City, geben sich mit minimalem Personalstand vor Ort zufrieden. Bei Werbeagentur-Gigant WPP etwa verlieren sich kaum mehr als 300 Menschen in Räumen für insgesamt 10.000 Beschäftigte landesweit. Viele Banken, Vermögensverwalter, Versicherungen und Beratungsfirmen, darunter Schroders und KPMG, haben ihren Mitarbeitern das Arbeiten von daheim aus freigestellt. Öl-Gigant BP will sein historisches Hauptquartier am St. James’s Square verkaufen; man wolle zukünftig im „Hybrid-Modus“ arbeiten und Büroraum freimachen, sagt CEO Bernard Looney.

Schon spricht der Unternehmerverband CBI von „Geisterstädten“. Die „natürliche Vorsicht“ der Menschen stelle ein Risiko für die Erholung der Volkswirtschaft dar, mahnt Zentralbank-Gouverneur Andrew Bailey. Die Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt häufen sich, und zwar besonders bei jenen Dienstleistern, die vom Konsum bisheriger Büroarbeiter – laut Thinktank CEBR pro Person durchschnittlich 202 Pfund (227 Euro) pro Monat – abhängig sind. Die Kaffeehaus-Kette Costa Coffee verkündete am Donnerstag die Streichung von 1650 Arbeitsplätzen, beim Sandwich-Verkäufer Pret A Manger verlieren 2890 Angestellte, beinahe ein Drittel der Belegschaft, ihren Job.

Wie unterschiedlich kommerzielle Vermieter auf die britische Corona-Krise reagieren, erlebt der Unternehmer Hubert Zanier. Für das Wiener Kaffeehaus „Kipferl“ kam der örtliche Vermieter in der hippen Camden Passage dem Österreicher großzügig entgegen. Bei mehreren Immobilienbesitzern seiner asiatischen Suppenküchen „Nusa“ hingegen biss Zanier mit der Bitte um Geduld auf Granit. Es handele sich überwiegend um Investmentfonds mit vielen Objekten, hat der 47-Jährige beobachtet: „Die machen es Firmen wie meiner unmöglich weiterzumachen. Dafür werden sie demnächst schwer auf die Nase fallen“ – wenn kleinere und größere Unternehmer ihre Geschäfte mangels Kundschaft schließen müssen.

Leere Innenstädte in Großbritannien: Boris Johnson gegen Corona-Homeoffice

So könne das nicht weitergehen, betonten Regierungschef Johnson und manche seiner Minister kürzlich, sprachen drohend von Jobkündigungen für jene, die im Homeoffice verharren. Dazu gehören auch viele Tausend Regierungsangestellte, was der Chef der zuständigen Gewerkschaft FDA, Dave Penman, gut findet: „Wenn die Leute völlig problemlos von zu Hause aus arbeiten können, brauchen wir wirklich nicht Zehntausende Menschen in die U-Bahnen und Büros scheuchen.“

Nach Protesten von Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften ruderte die Regierung zurück: Man werde „sich nicht einmischen in Entscheidungen, die im Dialog zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gefällt werden müssen“, sagt Arbeitsministerin Therese Coffey. Johnson setzt auf Appelle: Zu Beginn des Schuljahres kehre die Nation „in Schulen und Büros“ zurück, verkündete er im Londoner Unterhaus. „Wir wollen das Land voranbringen.“

Corona in Großbritannien: Kampagne soll Bürger in Innenstädte und öffentliche Verkehrsmittel zurückholen

Kommende Woche soll eine Anzeigenkampagne die Covid-Sicherheit von Geschäftszentren und öffentlichen Verkehrsmitteln betonen. Allerdings gibt es für das Millionenprojekt noch nicht einmal einen zündenden Slogan.

Zudem stehen den schönen Appellen die Regierungsversäumnisse in der Corona-Pandemie entgegen: Eine der auf die Bevölkerungszahl bezogen weltweit höchsten Todesraten, monatelanges Schulchaos, und dauernde Kurswechsel bei Vorschriften wie Mindestabstand und Maskenpflicht haben die Menschen dauerhaft verunsichert. Am Mittwoch wurden lokale Lockdowns in den Städten Trafford und Bolton (Greater Manchester) binnen weniger Stunden zunächst aufgehoben, dann neu verhängt. Für lokale Dienstleister und Einzelhändler ist das Gift. (Von Sebastian Borger)

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