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Der 47-jährige Christian Sewing führt die Deutsche Bank seit dem 8. April.

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Die Deutsche Bank besinnt sich auf ihre Wurzeln: Der neue Chef des Instituts, Christian Sewing, fährt das Investmentbanking deutlich herunter - und hofiert Privatkunden.

Ganz am Ende wird Christian Sewing noch ein wenig melodramatisch. „Wir werden die Tugenden, auf denen diese Bank vor fast 150 Jahren aufgebaut wurde, wieder zum Leben erwecken. Wir werden diesen Geist wiederbeleben“, sagt er mit kraftvoller Stimme. In einem Hollywoodstreifen wäre das der Moment, in dem die gerührten Zuschauer erleichtert aufseufzen, ein paar Tränen verdrücken und wissen: „Der Film wird gut ausgehen. Der kämpferische Protagonist wird es schaffen, sein marodes Unternehmen und die verzweifelten Mitarbeiter zu retten.“

In der Realität aber haben die Analysten und Journalisten, die dem neuen Chef der Deutschen Bank am Donnerstagmorgen in einer Telefonkonferenz zuhören, trotz der glühenden Ansprache doch ihre Zweifel, dass für Deutschlands größtes Geldhaus noch alles gut werden wird. Zu oft schon haben diverse Manager der Bank Besserung gelobt.

Vertrauensvorschuss für Sewing

Viele Analysten sind allerdings gewillt, Sewing – der erst seit gut zwei Wochen die Bank führt – einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Denn immerhin kündigt er am Donnerstag gravierende Veränderungen in der Ausrichtung der Bank an. Das Institut wird ihr Investmentbanking zusammenschrumpfen, vor allem in den USA und in Asien. Behalten werden soll im Grunde nur das Geschäft, das für europäische Kunden der Bank wichtig ist.

Das heißt, dass die Bank beispielsweise nicht mehr als Finanzier zur Verfügung stehen wird, wenn ein US-Unternehmen ein anderes übernehmen möchte – sehr wohl aber noch, wenn ein deutsches Unternehmen auf dem amerikanischen Markt expandieren möchte. Zudem werden Teile des Anleihegeschäfts zurückgefahren, das weltweite Aktiengeschäft kommt auf dem Prüfstand.

Die Deutsche Bank verabschiedet sich damit von dem zwei Jahrzehnte lang gehegten Anspruch, eine weltweit führende Investmentbank zu sein. Die Zeit, in denen die Investmentbanker das Machtzentrum der Bank waren, ist offenbar endgültig vorbei.

Jahrelang hatten sie dem Institut gigantische Gewinne beschert – jedoch oft mit hochriskanten und unmoralischen Geschäften. Auf etwa 18 Milliarden Dollar summieren sich die Straf- und Vergleichszahlungen dafür seit der Finanzkrise bis heute. Dennoch kassierten die Investmentbanker munter weiter hohe Boni – alleine seit 2010 etwa 22 Milliarden Euro, obgleich die Bank immer wieder rote Zahlen schrieb und das Investmentbanking längst keine überragenden Erträge mehr ablieferte. Diese Plünderung der Bank und seiner Aktionäre dürfte beendet sein.

Die Bank gibt das Investmentbanking – anders als von einigen Beobachtern gefordert – aber nicht ganz auf. „Das sollte sie auch nicht. Man muss ja nicht komplett den US-Banken das Feld überlassen“, sagt Andreas Pläsier, Analyst bei der Bank M. M. Warburg. „Die Bank braucht Investmentbanking, um eine angemessene Eigenkapitalrendite zu erzielen, das geht nicht alleine mit dem Privatkundengeschäft.“ Zudem bräuchten europäische Unternehmen im Kapitalmarktbereich Begleitung von einer Bank.

Der Umbau wird zusätzliche Jobs kosten

Stärken möchte der neue Vorstandschef das Privat- und Firmenkundensegment und das Geschäft mit vermögenden Kunden. Diese Bereiche sollen ab 2021 nachhaltig ungefähr die Hälfte der Erträge des Konzerns erwirtschaften. Allerdings ist dieses Ziel nicht sonderlich ambitioniert. Schaut man auf die Zahlen des ersten Quartals, steuerten diese Bereiche bereits etwa 45 Prozent bei. Im Vergleich zu früheren Zeiten ist es jedoch ein Schwenk: Im Jahr 2007 wurden im Investmentbanking noch zwei Drittel der Erträge erwirtschaftet.

Zudem kündigt Sewing am Donnerstag an, die Führungsstrukturen, inklusive des Vorstands, zu verschlanken sowie Kosten für Immobilien und Beratungsleistungen zu überprüfen. Und, besonders wichtig: Er will „kompromisslos“ an den viel zu hohen Kosten der Bank arbeiten.

Der Umbau wird zusätzliche Jobs kosten – wie viele genau, wollte Sewing nicht offenbaren. Zuletzt hatte der Konzern mehr als 97.500 Vollzeitstellen. Diese Zahl dürfte nicht nur durch das Zusammenstutzen des Investmentbankings schrumpfen. Auch die Integration der Postbank in die Deutsche Bank – intern wird von einer neuen „Bank für Deutschland“ gesprochen – wird zu einem Stellenabbau führen.

Kosten soll der Umbau insgesamt 800 Millionen Euro und damit 300 Millionen Euro mehr als bereits von Sewings Vorgänger John Cryan veranschlagt worden waren. Das sorgt bei den Analysten am Donnerstag für viele Nachfragen. „Bei angekündigten zusätzlichen Restrukturierungskosten von nur 300 Millionen Euro kann es keine riesige Reform sein“, äußert Philipp Häßler von Equinet seine Zweifel. Ist es nun spektakulär, was Sewing verkündet? „Nein“, meinen Analysten einhellig. „Der Big Bang war das sicher nicht, aber ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Häßler. Denn schon Sewings Vorgänger Cryan hatte den Weg zumindest ansatzweise vorgegeben. Er hätte ihn aber nicht energisch genug verfolgt, sagen Kritiker – weswegen er von Aufsichtsratschef Paul Achleitner in einer umstrittenen Entscheidung geschasst wurde. „Die neue Nachricht ist eher, dass das Management nun wirklich anpacken und die notwendigen Maßnahmen endlich konsequent umsetzen will“, meint Analyst Pläsier.

Tatsächlich betont Sewing am Telefon wiederholt und mit viel stimmlichem Elan, dass er die angekündigten Maßnahmen auch umsetzen will – und das schnell. Angesichts katastrophaler Quartalsergebnisse, die er ebenfalls am Donnerstag verkünden muss, bleibt ihm allerdings auch nichts anderes übrig. Mickrige 120 Millionen Euro Gewinn machte der Konzern, nach 575 Millionen Euro im Jahr zuvor. In allen Geschäftsbereichen sanken die Erträge, dabei ist im Investmentbanking traditionell das erste Quartal auch zugleich das stärkste.

„Das einzige Argument für einen Kauf der Aktie ist, dass sie billig ist“, sagt Analyst Häßler. Er ist vorsichtig, was eine Prognose für die Entwicklung der einst so stolzen Deutschen Bank angeht: „Leider dachte man schon mehrfach, dass das Schlimmste für die Bank überstanden ist: etwa als Cryan kam oder als die großen Rechtsstreitigkeiten beigelegt waren. Das Hauptproblem der Bank sind aber die erodierenden Erträge. Dieses Problem ist nicht so einfach zu beheben.“ Er sei daher nur zurückhaltend optimistisch. „Man muss abwarten.“

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