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Wie die Zukunft unsere Gegenwart prägt

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Von: Hermannus Pfeiffer

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Erwartungen, die Unternehmen, Medien und Wissenschaft heute hegen, entscheiden über die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft.

BMW-Boss Harald Krüger kündigte kürzlich an, die Produktionskapazität der Autofabrik im chinesischen Shenyang auf 500 000 Einheiten zu steigern; Bayer-Chef Werner Baumann ist sich gewiss, die über 60 Milliarden Dollar schwere Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto wird zum Erfolg zu führen. Beide Manager geben vor, rational zu handeln. Tatsächlich gründen sich ihre jüngsten Mega-Deals aber nur auf Erwartungen, Erwartungen an eine ungewisse Zukunft: Weltweit werde künftig mehr Saatgut gekauft, Chinesen werden mehr BMW fahren wollen.

Doch erst aus solch „fiktionalen Erwartungen“ entspringt die gewaltige Dynamik des Kapitalismus, ist Jens Beckert überzeugt. So investieren Manager, weil sie Profit erwarten; Verbraucher kaufen Produkte, weil sie eine zukünftige Befriedigung ihrer Wünsche erwarten; Banken vergeben Kredite, weil sie deren Rückzahlung erwarten; Menschen sparen, weil sie erwarten, dass Geld auch in der Zukunft Kaufkraft besitzen wird.

Dabei ist der Glaube an die Stabilität des Geldsystems grundlegend für den Kapitalismus. Aber er hängt von der – eigentlich aberwitzigen – Erwartung ab, dass die an sich wertlosen Papier- und Metallstücke zu einem zukünftigen Zeitpunkt gegen wertvolle Güter eingetauscht werden können. Beckert, er leitet das renommierte Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, blickt aus „einer neuen Perspektive“ heraus auf den Kapitalismus.

Geld hat an sich keinen Wert, doch die Akteure handeln so, als sei es wertvoll. Ohne „fiktionale Erwartungen“ funktioniert das nicht: Wer einen Konsumkredit aufnimmt, um sich eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer zu gönnen, tut dies in der Erwartung, den Kredit vom zukünftigen Einkommen zurückzahlen zu können. Davon geht die Bank ebenfalls aus. Gleiches gilt für jeden Investitionskredit an einen Unternehmer.

Die Folge solcher Fiktionen („Vorgestelltes, Erdachtes“) ist ein Wachstumsdruck, der die Wirtschaft zur Dynamik zwingt: Der Unternehmer muss seine geliehene Kaufkraft nutzen, um neue Produkte zu schaffen, deren Wert zumindest dem des Darlehens zuzüglich der Zinsen entspricht. Aber das dies gelingen wird, ist eine fiktionale Erwartung. Allein ein zukünftiger Erfolg auf dem Markt kann solche Erwartungen wahr werden lassen.

Zwar hält auch Beckert die Vergangenheit, Produktivkräfte oder schulische Bildung für wichtig, doch die Dynamik des Kapitalismus hängt von den Erwartungen der Akteure an die Zukunft ab. So kann man Beckerts überlangen „Essay“ über die „Imaginierte Zukunft“ als Kritik an der bis zur Finanzkrise kaum umstrittenen ökonomischen Theorie der „rational“ handelnden Akteure lesen oder als Fortschreibung von Marx, Weber, Schumpeter und Bourdieu.

Wirtschaftliche Entscheidungen sind nicht rational, sondern folgen lieben Gewohnheiten, persönlichsten Interessen, altruistischen Werten – oder sie sind schlicht falsch, weil es naturgemäß an Informationen mangelt. Für Beckert sind solche Fehler jedoch nur „von begrenzter Relevanz“. Zwar unterstellt er ebenfalls, dass die Akteure beabsichtigen, rational zu handeln, also ihren vermeintlichen Nutzen zu maximieren. Aber ihre Entscheidungen beruhen „zwangsläufig“ auf der Erwartung vermuteter Ergebnisse in der Zukunft. Und die „imaginierte Zukunft“ bleibt nun einmal ungewiss.

Allerdings ist es keineswegs so, dass herrschende und alternative Lehren die imaginierte, also eingebildete Zukunft gänzlich außer Acht lassen. Dies ist beispielsweise der Grund, warum Wirtschaftsminister und Notenbanker Deflation fürchten: Die Erwartung zukünftig fallender Preise könnte die Verbraucher davon abhalten, bald ein neues Auto zu kaufen oder die teure Kreuzfahrt im Pazifik zu buchen. Dann droht Rezession.

Banker und Wirtschaftswissenschaftler versuchen, die Ungewissheiten des Lebens einzuspeisen, sie versuchen, die Zukunft auf ein berechenbares „Risiko“ zu reduzieren. Das greift allerdings zu kurz. Die Berücksichtigung von „Ungewissheiten“, so Beckert, habe sehr viel größere Auswirkungen als angenommen und könne „ein neues Verständnis“ wirtschaftlicher Phänomene ermöglichen.

Nun fallen auch „fiktionale Erwartungen“ nicht vom Himmel. Unternehmen und Politik, Experten und Medien bestimmen den Diskurs, der für einen bestimmten Zeitraum Erwartungen prägt. Die, sagen wir, Geschichte liefert dazu einen sozio-kulturellen, die Staaten einen institutionellen Rahmen. Institutionen wie die Europäische Zentralbank sichern dann das Vertrauen – auch das eine Erwartungshaltung – in den Wert des Euro.

Mit welchen Ungewissheiten und Risiken scheinbar rationale Entscheidungen von Managern behaftet sind, hat ein anderer deutscher Wirtschaftsgigant bereits erfahren. Acht Milliarden Euro setzte Thyssen-Krupp durch den Bau zweier Stahlwerke in Brasilien und den Vereinigten Staaten in den Sand. Unerfüllte Erwartungen haben den auf eine 200-jährige Tradition zurückblickenden Großkonzern fast ruiniert.

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