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"Die Zukunft liegt in den Daten, das gilt für die Chemieindustrie genauso wie für den Pharmasektor."

Chemiebranche

Die Zukunft liegt in den Daten

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Kai Beckmann, oberster Vertreter der deutschen Chemiebranche, über flexible Arbeitszeitmodelle und Big Data in der Krebsforschung.

Früher, da war Kai Beckmann ein echter Exot. Ein IT-Spezialist in einer Chemiefirma. Da sei man schon mal schräg angeschaut worden, erzählt Beckmann, heute Mitglied der Geschäftsleitung bei Merck und Präsident des Bundesarbeitgeberverbands Chemie. Inzwischen läuft ohne Computercode gar nichts mehr und Beckmanns Expertise ist gefragt wie nie zuvor. Im Interview spricht er darüber, wie die Digitalisierung seine Branche umkrempelt und was das für die Beschäftigten bedeutet.

Herr Beckmann, wie verändert die Digitalisierung die chemische Industrie?
Es entstehen viele neue Möglichkeiten: Computer helfen uns in der Forschung und Entwicklung. Sensoren überwachen die Produktionsanlagen und melden, wenn ein Teil auszufallen droht, so dass wir es rechtzeitig austauschen und unerwarteten Stillstand vermeiden können. Moderne Kommunikationsmittel ermöglichen uns eine viel intensivere Zusammenarbeit mit Kunden, auch über tausende Kilometer und mehrere Zeitzonen hinweg. Auf den Punkt gebracht: Durch die Digitalisierung entstehen neue Produkte, neue Wertschöpfungsketten, neue Arbeitswelten und neue Geschäftsmodelle.

Der Ex-Chef von BASF, Jürgen Hambrecht, hat einmal erzählt, wie seine Forscher an einem Problem eines Kunden gescheitert sind und wie letztlich der Computer die Lösung geliefert hat, auch wenn diese zunächst von allen für Unsinn gehalten wurde. Wie wichtig wird diese Art der Forschung?
Die Zukunft liegt in den Daten, das gilt für die Chemieindustrie genauso wie für den Pharmasektor. Leistungsfähige Rechner und Softwarelösungen, über die wir heute verfügen, führen zu schnelleren und vor allen Dingen auch besseren Ergebnissen als bei der klassischen Herangehensweise. Man kann zum Beispiel sehr viel über Muster herausfinden, die sich aus der Analyse großer Mengen von Daten ergeben – zum Beispiel im Kampf gegen Krebs.

Müssen sich die Wissenschaftler Sorgen machen, dass der Computer sie ablöst?
Das glaube ich nicht. Aber die Arbeit der Wissenschaftler verändert sich. Dauerhaft. Die Arbeit in früheren Zeiten war durch Einzelpersonen geprägt, die im Labor tüftelten und irgendwann „Heureka“ schrien. Das ist schon lange nicht mehr so. Das sind nun Teams, die arbeiten zusammen, die tauschen Informationen aus. Außerdem entstehen neue Berufsbilder in unserer Branche. Chemiker, Biologen, Mediziner und Pharmazeuten bleiben wichtig, aber Berufe wie der Mathematiker oder der Data-Analyst erleben eine Renaissance beziehungsweise kommen neu hinzu.

Mit der Digitalisierung verknüpft wird von den Arbeitgebern häufig der Ruf nach mehr Flexibilität. Ist das nicht ein alter Arbeitgeberwunsch verpackt in neue Schläuche?
Als wir bei Merck vor sieben Jahren mehr Flexibilität in puncto Arbeitszeit und Arbeitsort vereinbart hatten, da war das zunächst ein Wunsch der Arbeitnehmer und nicht der Arbeitgeberseite. Das stand unter der Überschrift Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Einige Führungskräfte sahen damals aber das Ende des Abendlandes herannahen. Die sagten: Das ist völliger Kontrollverlust und ich weiß gar nicht, ob die Leute dann noch was schaffen.

Wir schauen also zu skeptisch auf die Flexibilisierungsfrage?
Vor allem zu skeptisch auf die Digitalisierung. Die Diskussion wird ja gelegentlich so geführt, als ob Digitalisierung eine Krankheit wäre. Digitalisierung ist aber umgekehrt auch nicht das Allheilmittel für alle Probleme der Welt. Wenn man sich zwischen diesen Polen bewegt, wird man sehen, dass ein paar Themen in der digitalen Welt plötzlich sinnvoll und machbar werden, die man vorher vielleicht nur mühevoll oder gar nicht angehen konnte. Es war schon eine Voraussetzung für das mywork-Modell von Merck, dass die Beschäftigten von zu Hause aus einen einfachen Zugang zur Firmen-IT haben. 

Was haben Sie für Erkenntnisse gewonnen aus diesen Jahren?
Ein sichtbares Ergebnis: Freitags ist der Parkplatz nicht mehr so voll. Gar nicht nur scherzhaft gemeint. Die Leute teilen sich ihre Fahrzeiten besser ein und die Vorgesetzten haben gelernt, dass die Flexibilität ein Vorteil ist, dass sie damit ganz andere Arbeitsmodelle hinbekommen.

Hat es die Effizienz gesteigert?
Auf jeden Fall ist ein veraltetes Weltbild geradegerückt worden: nämlich, dass man Menschen zur Arbeit zwingen muss. Menschen arbeiten gerne, vor allem aber auch selbstbestimmt, und eine wichtige Aufgabe des Arbeitgebers ist es, ihnen Steine aus dem Weg zu räumen und ihnen gute Rahmenbedingungen zu bieten, damit sie ihre Arbeitskraft bestmöglich einsetzen können. Ich kann mich an eine Dame erinnern, die im Bewerbungsgespräch gesagt hat, dass sie alleinerziehend ist und gewisse Freiheitsgrade braucht. Ich fand erstmal die Offenheit absolut anerkennenswert, und die Lösung haben wir natürlich gefunden. Sie ist heute noch da und ist eine hervorragende Mitarbeiterin. Jeder, der da einen Abwehrreflex hat, der lebt im falschen Jahrhundert.

Bei Zeitungen sagt man: Die Zeitung wird auf dem Flur gemacht. Mitarbeiter treffen sich zufällig, kommen ins Gespräch, entwickeln spontan eine Idee, die so gut ist, dass sie umgesetzt wird. Wie verändert sich das, wenn sich die Menschen seltener begegnen, weil sie zu Hause sind?
Das war, neben dem Kontrollverlust ein weiterer Kritikpunkt. Aber man hat unterschätzt, dass die Menschen ja weiterhin am sozialen Umgang interessiert sind und sich dafür auch bewusst Tage suchen, an denen man sich trifft. Auch bei uns kommen Ideen nicht nur aus den Forschungslaboren, sondern entstehen oft in der Kaffeeküche. Das ist ein ganz wichtiger Ort für Innovationen. Aber es gibt mittlerweile eben auch virtuelle Kaffeeküchen, zum Beispiel Chats. Diese sozialen Räume braucht es, physisch und virtuell.

Wie gestaltet man es richtig, dass es einerseits flexibel ist und man andererseits die ständige Verfügbarkeit verhindert?
Da gibt es nicht den einen richtigen Weg. Ich setze hier ganz stark auf den Faktor Eigenverantwortung. Das Handy ist bei mir zu Hause am Wochenende zum Beispiel nicht permanent an. Wenn es etwas ganz Wichtiges ist, gibt es natürlich Mittel und Wege, mich zu erreichen. Wichtig ist: Den Ausschaltknopf kann jeder selbst bedienen.

Und was ist, wenn der Vorgesetzte hinterher Stress macht, weil man nicht am Wochenende erreichbar war?
Es steht in keinem Arbeitsvertrag, dass man permanent erreichbar sein muss. Das sollten auch Vorgesetzte respektieren. Etwas anderes sind natürlich – wie früher auch schon – Bereitschaftsdienste. 

Der Acht-Stunden-Tag steht in der Kritik. Es gibt Arbeitgeber, die seine Abschaffung fordern. Schließen Sie sich dem an?
Wir haben sehr starre Arbeitszeitregelungen. Sie besagen: Der Beschäftigte geht zur Arbeit und arbeitet dann ausschließlich. Dann geht er nach Hause und ruht sich dort ausschließlich aus. Das ist doch nicht die Welt, in der wir heute leben. Die Leute müssen vielleicht früher weg, um die Kinder aus der Kita zu holen, und sind dann für die Familie da. Dafür setzen sie sich am späten Abend nochmal an den Computer. Wenn sie danach die vorgeschriebene elfstündige Pause einhalten sollen, dürfen sie laut Gesetz morgens nicht ins Büro. Meine Botschaft lautet, sich zu überlegen, ob man die Regeln nicht den veränderten Arbeitsgewohnheiten anpassen sollte. Aus meiner Sicht ist das überfällig.

Wenn flexibles Arbeiten von den Beschäftigten so gewünscht wird, dann müssten Arbeitgeber und Gewerkschaften ja eigentlich gut zusammenkommen.
Das ist genau unsere Botschaft. Es gibt wenige Dinge, die in Deutschland so gut und verlässlich funktionieren, wie die Sozialpartnerschaft. Warum überlässt man es nicht den Sozialpartnern, genau dieses zu gestalten? Die wissen doch am besten, was für die jeweilige Branche notwendig ist. Warum muss es immer der Gesetzgeber tun?

Vielleicht, weil es in vielen Branchen keine oder keine guten Sozialpartnerschaften gibt? Die Chemie ist ja ein Arbeitnehmerparadies im Vergleich zu vielen anderen Wirtschaftszweigen.
Man kann ja ein Tarifprivileg in das Gesetz einbauen, so wie kürzlich bei der Zeitarbeit. Das wäre ein guter Weg, den Nutzen von Tarifbindung aufzuzeigen, damit es nicht ein reines Geldthema ist, wenn gerade Tarifrunde ist. Da appelliere ich auch durchaus an die Unternehmensseite: Tarifbindung ist besser als keine Tarifbindung.

Die Digitalisierung erfordert Zeit zum Lernen, sonst verlieren die Beschäftigten den Anschluss. Welche Lösungen schweben Ihnen da vor?
In der Chemie wird sehr viel Wert auf Aus- und Weiterbildung gelegt, aber ich halte das auch für einen Standortvorteil unseres Landes insgesamt, weil wir diese Philosophie stark geprägt haben. Ob das so weit führt, dass man in Zukunft in seinem Berufsleben vielleicht sogar nochmal komplette Qualifizierungsauszeiten nimmt, wird sich zeigen. Ich halte das für ausgesprochen überlegenswert. Es wird sich zeigen, ob es organisierbar ist.

Wie ließe sich das denn organisieren?
Wir haben tragfähige Konstrukte in unseren Tarifverträgen wie Langzeitkonten, die dafür verwendet werden können. Die Tarifverträge bieten Möglichkeiten, das zu unterstützen.

Gereicht die Digitalisierung der deutschen Chemie zum Vorteil oder zum Nachteil im internationalen Wettbewerb?
Ich bin der festen Überzeugung, sie nützt uns. Wir sind ja nicht der günstigste Standort, was Arbeitskräfte betrifft. Wir sind ein flexibler und ein leistungsstarker Standort mit hochqualifizierten Beschäftigten. Das müssen wir ausnutzen. Wenn ich meinen einzigen Wettbewerbsvorteil über günstige Arbeitskräfte bekäme, müsste ich vor der Digitalisierung Angst haben. Aber es wäre schon gut, wenn wir eine bessere Infrastruktur hätten, die Digitalisierung auch großflächig ermöglicht. In der Chemie gibt es auch Unternehmen, die nicht in Ballungsräumen tätig sind. Die sind dort zu Hause, wo sie vor über 100 Jahren gegründet wurden, und diesen Standort haben sie sich vermutlich nicht nach Netzabdeckung ausgesucht.

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