+
Verspricht den Nutzern mehr Privatsphäre: Mark Zuckerberg.

Facebook

Mark Zuckerbergs Kehrtwende

  • schließen

Zahlreiche Skandale haben der Reputation von Facebook stark geschadet. Nun denkt Konzernchef Mark Zuckerberg um.

Als Mark Zuckerberg in einem Studentenwohnheim in Harvard damit anfing, Facebook zu entwickeln, da fragten sich viele Leute noch, warum sie überhaupt Informationen von sich ins Internet stellen sollten. So hat es der Facebook-Gründer einmal selbst erzählt. Inzwischen ist es für viele Millionen Menschen weltweit keine Frage mehr, dass sie im Internet präsent sind. Auf Facebook, Twitter, Linkedin oder mit einem eigenen Blog. Sie sind sich aber auch zunehmend der Risiken bewusst, die das Internet birgt. Es vergisst nichts, Fremde kommen in den Besitz von persönlichen Daten und bisweilen gibt es hässliche Anfeindungen.

Zuckerberg hat deshalb am Mittwochabend eine Kehrtwende bekanntgegeben. Ab sofort soll bei Facebook die Privatsphäre der Nutzer deutlich mehr Bedeutung bekommen. Der 34-Jährige ist zu der Erkenntnis gelangt, dass seine Einschätzung von 2010 wohl nicht mehr gilt. Damals hatte Facebook seine Nutzer quasi zwangsentblößt. Private Details sowie Freundeslisten und Fotos wurden über Nacht öffentlich zugänglich. Zuckerberg verteidigte die Entscheidung zu der Zeit mit dem Satz: „Die Leute fühlen sich nicht nur wohl dabei, mehr und andersartige Informationen zu teilen, sondern offener und mit mehr Leuten.“

Diese Einschätzung hat Facebook in eine sehr schwierige Lage gebracht. Die lasche Haltung zu Privatsphäre und Datenschutz gipfelte in dem Cambridge-Analytica-Skandal, in dessen Zuge 2018 bekannt wurde, dass das Unternehmen die Daten von bis zu 87 Millionen Nutzern weggegeben hatte. Zuvor hatte es bereits Kritik gehagelt wegen der Rolle von Facebook im US-Wahlkampf, wegen der Verbreitung von Hass-Postings und Fake-News, der Zensur von Inhalten oder dubioser psychologischer Experimente, die mit Nutzern ohne deren Wissen durchgeführt wurden.

„Die Marke Facebook stirbt“, ist die international renommierte Vertrauensexpertin Rachel Botsman angesichts der vielen Vorkommnisse überzeugt. „Sie wird in fünf Jahren das neue Myspace sein.“ Das Vertrauensverhältnis zwischen den Nutzern und Facebook sei zusammengebrochen und dem Konzern sei es nicht gelungen, das wieder in Ordnung zu bringen, erläuterte die Wissenschaftlerin von der Saïd Business School der britischen Universität Oxford kürzlich im Digitalmagazin „T3N“. Die Phase der Entzauberung und der Rückzug der Nutzer habe begonnen. Viele wechselten von aktiver Partizipation zu passivem Konsum.

Zuckerberg muss reagieren. Und tut es. „Ich glaube, die Zukunft der Kommunikation wird sich zunehmend auf private, verschlüsselte Dienste verlagern, wo sich die Menschen sicher sein können, dass das, was sie einander mitteilen, sicher bleibt und der Inhalt nicht für immer existieren wird“, schreibt er. Er erwartet, dass die meiste Kommunikation innerhalb des Facebook-Netzwerks künftig über den dann verschlüsselten Facebook-Messenger und über Whatsapp laufen wird und nicht mehr über das herkömmliche Facebook. Dieses werde zu einem Ort, an den man sich begebe, wenn man sich an die Öffentlichkeit wenden wolle.

„Privatsphäre gibt den Menschen die Freiheit, sie selbst zu sein“, so Zuckerberg. An dieser Zukunft wolle Facebook mitarbeiten. Rund um Prinzipien wie Privatsphäre, Datenverschlüsselung und Sicherheit werde Facebook seine diversen Angebote in den kommenden Jahren überholen.

Inhalte könnten in Zukunft zudem eine bestimmte Zeit nach ihrer Veröffentlichung automatisch – oder entsprechend der individuellen Wünsche der Nutzer – gelöscht werden, damit peinliche Partyfotos oder fragwürdige politische Äußerungen aus der Jugend die Menschen später nicht wieder einholten und ihnen dann Schaden zufügten.

Diese „große Richtungsänderung“ wolle das Unternehmen mit Hilfe externer Experten gestalten, so Zuckerberg. „Wir werden das so offen und gemeinschaftlich machen wie wir können, denn viele dieser Themen betreffen verschiedene Teile der Gesellschaft.“ Als ein Beispiel nennt er die Strafverfolgung. Verschlüsselte Dienste schützten die Menschen zwar, sie erleichterten Kriminellen aber auch das Leben. „Wenn Milliarden Menschen einen Dienst nutzen, werden einige von ihnen ihn für wirklich fürchterliche Dinge (...) missbrauchen“, so Zuckerberg. Man müsse diese Gefahr so gut wie möglich eindämmen. Wenn der Inhalt der Kommunikation nicht mehr einsehbar sei für Facebook, könne man versuchen, Verbrechern anhand von Nutzungsmustern auf die Schliche zu kommen, doch werde dies nicht so effektiv sein wie die bisherigen Methoden.

Für das Unternehmen Facebook stellt sich die Frage, inwiefern sich mehr Privatsphäre damit verträgt, Geld zu verdienen. Bislang kommt der Löwenanteil der Einnahmen aus personalisierter Werbung. Zwar lässt sich auch mit den Meta-Daten der Nutzer („Wer hat wann wem geschrieben?“ oder „Wer hat wann welchen Inhalt aufgerufen?“) noch viel machen. Aber so gut wie bisher würde Facebook seine Nutzer dann nicht mehr kennen.

Zuckerberg ist aber zuversichtlich, dass es mit dem Geldverdienen klappen wird. „Es gibt jede Menge Geschäftsmöglichkeiten“, sagte er der „New York Times“. Vorstellbar ist, dass Facebook mehr zahlungspflichtige Dienstleistungen, etwa Finanzgeschäfte, anbieten wird. Gerade dazu wäre die Wiederherstellung von Vertrauen eine wichtige Bedingung.

Gleichzeitig scheint Zuckerberg bewusst zu sein, wie sehr die Reputation von Facebook gelitten hat: „Ich verstehe, dass viele Leute nicht glauben, dass Facebook eine solche auf Privatsphäre fokussierte Plattform aufbauen würde oder wollte.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare