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Der Zorn der Linde-Beschäftigten

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Von: Thomas Magenheim-Hörmann

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Kein Interesse an Fusion: Linde-Mitarbeiter demonstrieren in München.
Kein Interesse an Fusion: Linde-Mitarbeiter demonstrieren in München. © dpa

Tausende Linde-Mitarbeiter protestieren gegen geplante Fusion mit dem Konkurrenten Praxair. Ein Selbstläufer ist die geplante Zusammenlegung bisher nicht.

Das Wetter bildet die passende Kulisse für die ins Stocken geratenen Pläne zur Großfusion. Dunkle Wolken und kalte Regenschauer ziehen am Donnerstag über die Münchner Konzernzentrale des Dax-Konzerns Linde, der mit dem US-Konkurrenten Praxair verschmelzen will. Für Management und Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle erst ungemütlich machen es aber gut tausend vor dem Verwaltungsbau protestierende Beschäftigte. Das ist ansehnlich angesichts von 8000 Linde-Mitarbeitern bundesweit, zumal weitere Kollegen an Standorten wie Köln und Stuttgart, Worms und Hannover bei einem europaweiten Linde-Aktionstag zweier Gewerkschaften auf die Straße gegangen sind. „Jetzt weiß auch das Management, dass wir gegen die Fusion sind“, ruft Linde-Betriebsrat Hans-Peter Kaballo nach oben.

Die Protestierenden vor der Linde-Zentrale zücken bei diesen Worten rote Karten und pfeifen. Das wiederholt sich, als Bayerns IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler von einer „unfreundlichen Übernahme“ durch Praxair spricht. An die von Reitzle propagierte Fusion unter Gleichen glaubt hier niemand. Bei geplanter Verlagerung der Konzernzentrale von München nach Dublin und der Unternehmensführung in die USA nebst Übernahme des dortigen Managementstils könne man nicht von einem Zusammengehen auf Augenhöhe sprechen, findet Linde-Betriebsrat Hans-Dieter Katte, der auch Vizeaufsichtsratschef ist.

Monatelang habe man alle Informationen ausgewertet, die von Linde und Praxair kommen, sagt er. Resultat ist, dass man europaweit bei einer Fusion mit dem Abbau von 8000 bis 10 000 Stellen rechnen müsse. Für Wechsler ist klar, wer die Zeche zahlt: „Die genannte Milliarde Euro Einsparungen zahlt Linde.“ Viel zu verhandeln ist aus Sicht der Belegschaft nicht. Irrweg oder Totgeburt wird die Fusion wahlweise genannt. Praxair sei kleiner als Linde, schlechter aufgestellt und höher verschuldet. „Die brauchen uns, nicht umgekehrt“, zürnt ein im Regen stehender Lindianer. Umstehende pflichten bei.

Andere befürchten im Fall einer Fusion harte Kartellauflagen – ebenfalls auf Kosten von Linde. Bei den Firmenkulturen würden Welten aufeinanderprallen. Von Reitzle, ihrem Aufsichtsratschef, fühlen sie sich verraten und verkauft. „Gegen die Beschäftigten ist die Fusion zum Scheitern verurteilt“, warnt Katte.

Ein Selbstläufer ist sie wahrlich nicht. Wäre es nach den ursprünglichen Plänen gegangen, müsste die Fusion zum jetzigen Zeitpunkt ausverhandelt und beschlossene Sache sein. Davon kann keine Rede sein. Ein Treffen des Aufsichtsrats Anfang Mai, bei dem über die Fusion final hätte abgestimmt werden sollen, wurde abgesagt. Von der Idee, die Firmenehe am 10. Mai der Linde-Hauptversammlung präsentieren zu können, kann man sich verabschieden. Hoch hergehen dürfte es dort dennoch. Denn die Linde-Aktionäre wollen über die Fusion abstimmen, was ihnen der Konzern – im Einklang mit dem deutschen Aktienrecht – verweigert.

Auch jenseits des Atlantiks, am Praxair-Firmensitz Danbury im US-Bundesstaat Connecticut, grollt es dem Vernehmen nach wegen des erwogenen Firmensitzes Dublin. Der würde zwar Steuern sparen, aber US-Präsident Trump sieht es nicht gern, wenn Konzerne abwandern. Das macht die Sache heikel.

Es könnte also besser laufen für Reitzle, der sich im fusionierten Konzern bereits den lukrativen Posten eines Verwaltungsratschefs gesichert hat, der deutlich mehr Geld und Macht beinhaltet als der eines deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden. Mindestens bis in den Juni hinein wird nun zwischen Linde und Praxair weiterverhandelt, um ein fusionsfähiges Konstrukt zu schaffen. Will Reitzle nicht seine Drohung wahrmachen und die Fusion im Linde-Aufsichtsrat mit seinem Doppelstimmrecht gegen den Willen des Personals durchdrücken, müssen zudem noch Betriebsräte, IG Metall und IG BCE überzeugt werden.

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