+
Die stacheligen Sanddornbüsche auf dem Hof der Familie Berger werden von Hand geschnitten.

Sanddorn

Die Zitrone des Ostens

  • schließen

Der Hof Berger im brandenburgischen Petzow bei Potsdam ist der größte Sanddornanbauer Deutschlands. Die Früchte der genügsamen Pflanze liegen voll im Trend.

Sanddorn, so weit das Auge reicht. Zehntausende Sträucher mit knallig orangen Beeren wachsen auf den Plantagen des Familienbetriebes Berger. Sanddorn kennen die meisten Deutschen vom Ostseeurlaub. Dort geben die Pflanzen den Dünen Halt. Daher überrascht es, dass der größte Anbaubetrieb Deutschlands vor den Toren Potsdams im brandenburgischen Petzow liegt. Die Frucht wird auch „Zitrone des Ostens“ genannt – wegen ihres hohen Gehalts an Vitamin C. Lange Zeit war Sanddorn ein absolutes Nischenprodukt. Da die Verbraucher verstärkt heimische und gesunde Lebensmittel nachfragen, liegt Sanddorn nun im Trend.

Der Hof der Familie Berger ist eingerahmt von hohen Bäumen und Seen, die von der Havel gespeist werden. Auf dem Gelände einer ehemaligen Gärtnerei ist neben dem Hofladen und einem Restaurant ein großer Garten für Besucher angelegt. Dazwischen stehen Flachbauten für die Produktion. „Unsere Kunden sollen sich hier auch wohlfühlen“, sagt Dorothee Berger. Sie trägt ein Kleid und führt mit schnellen Schritten durch den Laden. In den Holzregalen stehen fein sortiert: Säfte, Marmeladen, Liköre, Wein, Bonbons, Tee und und und. „Sanddorn lässt sich ganz vielfältig verarbeiten“, sagt die 39-Jährige, die die Produkte deutschlandweit vermarktet.
Landwirtschaft auf den trockenen, sandigen Böden zu betreiben ist jedoch ein Knochenjob. Bergers Vater Andreas steht in kariertem Hemd, Jeans und Gummistiefeln auf dem Hof. Seine Hände sind rau. Er entschied nach der Wende, auf 20 Hektar das genügsame Ölweidengewächs anzubauen. Anfangs wurde das von vielen belächelt. Der säuerlich schmeckenden Beere wurden kaum Chancen gegen Zitrone, Orange & Co. eingeräumt.

Sanddorn stammt ursprünglich aus Asien und verbreitete sich hierzulande vor allem an der Ostsee. Der Gartenbau-Ingenieur Hans Joachim Albrecht bekam Ende der 60er Jahren von der DDR-Führung den Auftrag, einen alternativen Vitaminspender zur Zitrone hervorzubringen. Die Südfrucht musste teuer importiert werden. „Die Beeren sollten groß und inhaltsreich sein, die Pflanze eine gute Schnittverträglichkeit haben“, erinnert sich Albrecht. So züchtete er zunächst die Sorte Leikora. Es folgten später Sorten wie Askola und Dorana. „Anfang der 80er Jahre haben wir die erste Plantage mit 3000 Pflanzen in Ludwigslust im heutigen Mecklenburg-Vorpommern angelegt“, sagt der inzwischen 86-Jährige. Noch immer verfolgt der ehemalige Zuchtleiter die Entwicklung aufmerksam.

Auf Bergers Hof lief in den vergangenen Wochen die Ernte. Den bis zu drei Meter großen Sträuchern haben die fehlenden Niederschläge nur wenig ausgemacht. „Die Wurzeln reichen bis zu drei Meter tief“, erläutert der Landwirt. Deshalb könnten die Pflanzen gut mit Trockenheit umgehen. Natürlich sei aber auch bei ihm in diesem Jahr die Ernte geringer ausgefallen als sonst.

Geerntet wird per Hand. Mit kleinem Trecker und Anhänger wird durch die Sträucherreihen gefahren. Geschützt durch dicke Handschuhe und mit viel Geschick schneiden die Mitarbeiter die dornigen Zweige samt Beeren ab. „Die Arbeit gut und schnell zu erledigen ist anspruchsvoll“, sagt Berger. Auf 150 Hektar wächst bei ihm inzwischen der sonnenliebende Sanddorn, doch immer nur auf einem Teil der Fläche wird jährlich geerntet – im Schnitt sind es 125 Tonnen.

Andere große Anbauer wie der Agrarbetrieb Seydaland aus Jessen (Landkreis Wittenberg) schneiden die Pflanzen mit einer Erntemaschine. Das geht deutlich schneller. „Die Sträucher benötigen dann aber auch eine längere Zeit, bis sie wieder voll tragen“, sagt Berger. Die Zweige landen bei ihm anschließend im Tiefkühlhaus. Das hat Vorteile: Die gefrosteten Beeren lassen sich so einfach von den Zweigen schütteln und können ohne Verluste bis zur Verarbeitung gelagert werden.

Der Anbau von Sanddorn hat sich bundesweit in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Der Verband zur Förderung von Sanddorn und Wildobst schätzt, dass die Sträucher heute auf mehr als 800 Hektar wachsen – das entspricht etwa 800 großen Fußballfeldern. Spitzenreiter ist Brandenburg mit 400 Hektar, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind es je 200 Hektar, aber auch in Niedersachsen und Baden-Württemberg gibt es Plantagen. Zum Vergleich: Auch die Heidelbeere wird hierzulande nur auf 800 Hektar angebaut. Um den Bedarf an dem gefragten Nischenprodukt Sanddorn zu decken, werden aktuell jährlich 2000 Tonnen Sanddorn aus dem Ausland importiert. Es überrascht daher nicht, dass sich immer mehr Betriebe für den Anbau interessieren.

Landwirt Berger rät allerdings zur Vorsicht: „Es sind erhebliche Investitionen nötig, und der Markt ist nicht unbegrenzt aufnahmefähig.“ Als die Familie mit dem Anbau begann, gab es so gut wie keine industriellen Abnehmer. Also baute der ökologisch wirtschaftende Betrieb mit heute 25 Mitarbeitern selbst eine Verarbeitung auf. Dabei wurde improvisiert. Die Bergers kauften beispielsweise eine Abfüllanlage für Pharmaprodukte, die sie für die Marmeladenherstellung umfunktionierten. Dann starteten sie die Weinproduktion und kauften dafür Edelstahltanks.

„Begonnen haben wir mit drei Säften, heute sind es mehr als 70 Produkte“, sagt Dorothee Berger. Die meisten werden unter der eigenen Marke „Sandokan“ an Großhändler und Einzelhandelsketten geliefert. „Wenn ich in Deutschland unterwegs bin, schaue ich immer, ob in den Märkten auch unsere Produkte stehen“, sagt Berger.

Während Sanddorn im Anbau genügsam ist, gestaltet sich die Verarbeitung der Beeren anspruchsvoll, denn sie oxidieren schnell. Anstatt eines gelben Saftes entsteht dann ein brauner Brei. „Sanddorn muss schonend und zügig verarbeitet werden“, erklärt Berger. Gerade großen Marmeladenherstellern falle es mitunter schwer, das richtige Herstellungsverfahren zu finden.

Jedes Jahr kommen von „Sandokan“ etwa zehn neue Produkte auf den Markt. Aktuell gefragt sind beispielsweise ein neuer Sanddorn-Eierlikör und ein Meerrettich mit dem besonderen Aroma. „Von zehn Neuheiten bleiben nach einigen Jahren allerdings nur zwei bis drei übrig.“ Dorothee Berger stört das allerdings nicht. Es macht ihr Freude, immer neue Produkte und Varianten zu entwickeln und zu schauen, wie sie vom Kunden angenommen werden. Die Entscheidung, auf den Exoten gesetzt zu haben, bezeichnet die Familie als Glücksgriff.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare