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Fast jeder dritte Euro, den die Deutschen mit niedrig verzinsten Sparprodukten zur Seite gelegt haben, wurde im vergangenen Jahr nach Expertenmeinung von der Inflation aufgezehrt - rein rechnerisch.

Zinsen

Schlechte Zeiten für Sparer: Die Inflation frisst Erspartes 

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Die Zinsen, die Banken heute noch auf Tagesgeld, Festgeld oder Spareinlagen zahlen, sind so niedrig, dass sie die Teuerung nicht mehr übersteigen – was das für Sparer bedeutet.

Es sind und bleiben schlechte Zeiten für Sparer. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres hätten deutsche Sparer 15,9 Milliarden Euro an Wertverlust erlitten. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Realzins-Radar der Comdirect-Bank. Der Grund: Die Zinsen, die die Bank heute noch auf Tagesgeld, Festgeld oder Spareinlagen zahlt, sind so niedrig, dass sie die Inflation nicht mehr überschreiten. Die lag laut der Berechnung von Comdirect im ersten Halbjahr 2019 durchschnittlich bei 1,71 Prozent, während der durchschnittliche Einlagenzins gerade einmal 0,16 Prozent betrug. Damit lag der Realzins für diesen Zeitraum bei minus 1,55 Prozent.

Konkret bedeutet das: Wer Geld bei einem Zinssatz anlegt, der geringer ist als die Inflationsrate, hat zwar am Ende der Laufzeit mehr Geld auf dem Konto, er kann sich dafür aber real weniger kaufen, als er zum Anlagezeitpunkt für den anfänglichen Betrag bekommen hätte. Weil die Preise bedingt durch die Inflation gestiegen sind.

Das war nicht immer so. Zum Vergleich: Im Januar 2000 war die Inflation zwar ähnlich hoch wie heute, damals lag gleichzeitig der Zins aber deutlich höher – für ein zwölfmonatiges Festgeld bei einem Anlagebetrag von 5000 Euro laut FMH-Finanzberatung durchschnittlich bei drei Prozent. Sparer haben trotz Inflation real Gewinn gemacht.

Das ist heute anders und es ist gewollt: Die Europäische Zentralbank (EZB) hält den Leitzins seit März 2016 bei null Prozent, der Einlagesatz, zu dem Banken Geld „parken“ können, ohne es direkt weiter zu investieren, liegt sogar bei minus 0,4 Prozent. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Die Währungshüter wollen damit Investitionen in der Eurozone ankurbeln. Kreditnehmer profitieren durchaus von den günstigen Zinsen, Sparer nicht.

„Rein rechnerisch wurde in den vergangenen zwölf Monaten somit fast jeder dritte Euro, den die Deutschen mit niedrig verzinsten Sparprodukten zur Seite gelegt haben, von der Inflation aufgezehrt“, kommentiert Arno Walter, Vorstandvorsitzender von Comdirect. Seiner Ansicht nach seien deshalb Sparer gefragt, das eigene Sparverhalten zu überdenken und stärker auf Wertpapiere für den langfristigen Vermögensaufbau zu setzen.

Tatsächlich gibt es momentan kein Zinsprodukt in Deutschland, das die Inflationsrate überschreitet, sagt auch Max Herbst von der FMH-Finanzberatung. Der Mittelwert bei einem zweijährigem Festgeld liege derzeit bei 0,27 Prozent, selbst bei zehn Jahren schafft es ein Kunde bei einer deutschen Bank nicht über die Inflationsrate. „Möglich wäre dieser Sprung, wenn ich mich für ein Institut außerhalb Deutschlands entscheide“, sagt Herbst. Einige italienische Banken warten noch mit Zinssätzen von knapp zwei Prozent auf, Vermittler wie Zinspilot oder Weltsparen werben mit einem einfachen Zugang zu anderen europäischen Festgeldern mit höherer Rendite, sei es in Italien, Schweden oder der Türkei.

Mit einigen dieser Produkte ließe sich die Inflation hierzulande tatsächlich auch schlagen. Herbst rät allerdings zur Vorsicht: „Zwei Jahre Festgeld anlegen im europäischen Ausland sind unproblematisch, von zehn Jahren rate ich ab“, sagt er. Niemand wisse wie Europa in zehn Jahren aufgestellt sei, ob es die Garantie in Italien dann noch gebe. Ohnehin komme man zehn Jahre nicht mehr an das Ersparte heran.

„Sparen lohnt sich trotzdem“

Eine weitere Möglichkeit für höhere Zinsen bieten ETFs, Fonds und Aktien, die die Mehrheit der Deutschen allerdings immer noch scheuen. Auch wenn es hier Renditen von sechs, sieben Prozent geben kann, die mit sicheren Anleihen nicht zu erreichen sind. Doch mehr Rendite bedeutet immer auch mehr Risiko. „Aktien gelten ja leider immer noch als etwas Böses“, sagt Andreas Feldmann, Portfoliomanager bei der B&K Vermögen GmbH in Köln. „Aber vielleicht sollte man schauen, ob man das Risiko nicht neu definieren müsste, ob nicht auch der Rentenmarkt ein hohes Risiko in sich birgt, wenn es keine Zinsen mehr gibt“, so der Vermögensverwalter. Denn das sich die Zins-Situation in naher Zukunft ändern wird, glaubt er nicht.

Die EZB selbst kündigt frühestens für Mitte 2020 eine Zinssteigerung an. „Doch die wird, wenn überhaupt, marginal ausfallen und auch die Inflation wird weiter steigen“, glaubt Feldmann. Ähnlicher Ansicht ist auch Herbst. „Ich halte es aber für wahrscheinlich, dass die EZB den Minuszins zuvor von minus 0,4 auf minus 0,5 oder gar minus 0,6 hochschraubt, um zu erreichen, dass die Inflation wieder ansteigt“, sagt er. Fällt die Inflation, besteht die Gefahr, dass sich die Konjunktur abkühlt, weil Unternehmen mit Investitionen auf noch günstigere Zeiten warten. Wenn die Inflation, wie von der EZB gewollt hingegen weiter ansteigt, fallen auch die Anlagezinsen weiter – Tagesgeld und Festgeld werden noch billiger.

Und nun? Müssen alle Deutschen an den Aktienmarkt gezwungen werden? Lohnt sich Sparen einfach nicht mehr? „Das wäre wiederum der fatalste Schluss, den man aus der derzeitigen Situation ziehen kann“, sagt Herbst. Jeder müsse seine Risikobereitschaft selbst abwägen. Ein paar mehr Zinsen für ein ungutes Gefühl? Das wäre ein schlechter Deal.

„Auch wenn höhere Zinsen mehr Rendite bringen würden – Sparen macht auch bei null Zinsen noch Sinn“, sagt Herbst, die Rechnung sei schließlich einfach. Wer monatlich hundert Euro auf seinem Girokonto spart, hat am Ende des Jahres 1200 Euro. Selbst wenn das Geld gemessen an der Inflation dann weniger wert ist, kann man dennoch im Notfall auf die Rücklagen zurückgreifen. „Wer gar nichts spart, hat diese Möglichkeit nicht.“

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