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Druck von Euro-Scheinen in Italien.

Zinsen

Im tiefen Tal der Zinsen: EZB macht das Geld wohl noch billiger

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Seit Jahren versucht die Europäische Zentralbank, mit einer lockeren Geldpolitik die Wirtschaft anzukurbeln. Doch das funktioniert nicht richtig. Jetzt wird die EZB wohl noch einmal nachlegen. Was das für Anleger und Häuslebauer bedeutet.

Für Beobachter besteht kein Zweifel mehr, dass die Europäische Zentralbank (EZB) Geld demnächst noch billiger macht. Womöglich fallen schon an diesem Donnerstag bei der Sitzung des EZB-Rates wichtige Entscheidungen. Wir erläutern, was dies für Verbraucher und Unternehmen bedeutet.

Muss die EZB wirklich handeln?

Sie muss nicht, aber der scheidende Präsident Mario Draghi hat sich schon vor einigen Wochen selbst unter Druck gesetzt, als er ankündigte, mit aller Kraft darauf hinzuwirken, dass sich die Inflation in der Eurozone der Ziel-Marke von zwei Prozent wieder nähert. Derzeit liegt sie bei 1,3 Prozent.

Warum ist die Inflation so wichtig?

Die Verbraucherpreise sind für die EZB der wichtigste Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung. Brummt’s, wird mehr Geld ausgegeben, das treibt die Preise nach oben. Rechnet man Ausgaben für Energie und Lebensmittel heraus, lag die Inflationsrate in der Eurozone im Juni aber nur bei 1,1 Prozent – das ist der Wert, der unmittelbar mit der Konjunkturentwicklung verknüpft ist. Als Ursachen für die Entwicklung werden übereinstimmend von den Ökonomen vor allem die Unsicherheiten genannt, die sich durch die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskriege und den näher rückenden Brexit ergeben.

Was kann die Notenbank nun tun?

Draghi wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man über einen umfänglichen Werkzeugkasten verfüge. Das reicht auf der einen Seite der Skala von einer Art verbaler Intervention bis hin zu einer Senkung der Leitzinsen. Ersteres könnte in einer weichen Variante bedeuten, dass Draghi am Donnerstag ankündigt, dass frühestens Ende nächsten Jahres die Zinsen wieder erhöht werden könnten, bislang war von einem Aufschlag ab Mitte 2020 die Rede. Die große Mehrheit der Experten geht davon aus, dass es am Donnerstag eine Anpassung des Ausblicks geben wird. Die Leitzinsen liegen seit März 2016 bei null Prozent. Eine weitere Senkung würde bedeuten, das Geschäftsbanken noch eine Prämie von der EZB dafür bekommen, dass sie sich Geld bei ihr leihen, was äußerst ungewöhnlich wäre und der EZB den Vorwurf der Subventionierung von Banken einbringen würde. Experten der französischen Bank Société Générale halten es gleichwohl für denkbar, dass diese Situation eintritt – allerdings erst im nächsten Jahr.

Welche weiteren Instrumente könnten zum Einsatz kommen?

Heftig diskutiert wird, ob Draghi eine weitere Senkung der Negativzinsen für Einlagen von Banken schon jetzt verkünden wird. Aktuell müssen die Geldhäuser minus 0,4 Prozent zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Eine Erhöhung dieser Art von Gebühr auf 0,5 Prozent halten viele Analysten für möglich. Die Experten der Commerzbank gehen sogar von einer Verschärfung auf 0,6 Prozent aus, da Draghi „ein kraftvolles Signal“ senden müsse. Der Strafzins soll Banken dazu bringen, ihr Geld nicht zu bunkern, sondern es in Form von Krediten an Kunden zu vergeben, was die Wirtschaft ankurbeln könnte. Zugleich beschweren sich aber insbesondere deutsche Banken, dass die Strafzinsen ihre Finanzkraft schwächen. Deshalb ist auch eine Staffelung im Gespräch. Dies würde bedeuten, dass Institute einen von Strafzinsen nicht belasteten Freibetrag für ihre Einlagen bei der EZB erhalten.

Wie sieht es mit dem Aufkaufen von Anleihen aus?

Die EZB hat erst Ende 2018 ihr Programm beendet, mit dem vor allem immer mehr Staatsanleihen von Geschäftsbanken gekauft wurden. Seither werden nur noch Papiere, die auslaufen, durch neue im gleichen Volumen ersetzt. Würde dieses Programm wieder hochgefahren, erhielten die Kreditinstitute mehr Geld, das sie dann in Form von Darlehen weiterreichen können. Zugleich wird dadurch das Angebot der Anleihen auf dem Finanzmarkt verringert, was deren Kurse steigern und damit deren Renditen sowie das Zinsniveau insgesamt sinken lässt. Das macht es auch den Euro-Regierungen leichter, neue Schulden aufzunehmen. Bei diesem Thema gehen die Einschätzungen der Experten weit auseinander. Gut möglich, dass die EZB eine Entscheidung auf den September vertagt, wenn neue Daten über die Wirtschaftsentwicklung vorliegen.

Was bedeutet die aktuelle Lage für die Verbraucher?

Sie müssen sich darauf einstellen, dass das Zinsniveau noch über einen längeren Zeitraum auf sehr niedrigem Niveau verharren wird. Für Tagesgeld und ähnliche Anlageformen wird es kaum noch etwas geben. Immer wahrscheinlicher wird hingegen, dass Banken von ihren Kunden Strafzinsen für Guthaben auf Girokonten verlangen oder an anderer Stelle über zusätzliche Gebühren neue Einnahmequellen erschließen.

Wer profitiert von den niedrigen Zinsen?

Alle, die Kredite aufnehmen. Vor allem Hypothekenzinsen sind derzeit extrem niedrig. Nach Berechnungen der Internetplattform Interhyp muss ein Häuslebauer oder -käufer bei einem Kredit mit einer Laufzeit von zehn Jahren seit Anfang Juli im Schnitt weniger als ein Prozent Zinsen zahlen. Das Niveau könnte noch weiter sinken. Wer hingegen Geld anlegen will, muss sich vor allem auf Aktien kaprizieren, da Anleihen und andere festverzinsliche Wertpapiere auf absehbare Zeit kaum etwas abwerfen. Niedrige Zinsen bedeuten auch, dass der Euro relativ schwach bleibt, was für Fernurlauber ein Nachteil ist, aber der Exportwirtschaft hilft, da Waren auf Märkten jenseits des Euroraums billiger werden.

Wie solide ist die Geldpolitik der EZB?

Die Geldpolitik der EZB wird insbesondere von deutschen Volkswirten massiv kritisiert. Ein wichtiges Argument dabei ist, dass die Geldpolitik eigentlich dazu gedacht ist, die in Zyklen auftretenden Schwächephasen der Wirtschaft auszugleichen. Brexit und Handelskriege haben aber mit Konjunkturzyklen nichts zu tun. Deshalb der Vorwurf, dass ein Problem mit falschen Mitteln bekämpft wird, was zu Verwerfungen führen kann: etwa Blasen an den Immobilien- und Aktienmärkten und Fehlinvestitionen in fragwürdige Projekte, für die es in normalen Zeiten niemals Geld gäbe. Auch aus diesem Grund kommen immer wieder Forderungen, dass sich die Regierungen mit staatlichen Investitionsprogrammen etwa in Infrastruktur stärker engagieren müssen. Dafür hat sich auch Christine Lagarde als Chefin des Internationalen Währungsfonds im Frühjahr stark gemacht. Lagarde übernimmt im Oktober den Posten der EZB-Chefin.

Ohne Eigenkapital

Angesichts der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank sparen immer weniger Menschen fürs Wohneigentum. Das zeigt eine Umfrage des Verbands der Privaten Bausparkassen. Demnach legen nur noch 29 Prozent der Befragten gezielt Geld zurück, um Eigenkapital aufzubauen. Das ist laut den Bausparkassen der tiefste Stand seit 20 Jahren. 2018 waren es noch 35 Prozent. Gleichzeitig bleibt aber der Wunsch nach Wohneigentum gleich groß: Mehr als jeder zweite Mieter möchte an sich gerne in den eigenen vier Wänden wohnen. 

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