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Überschwemmt den Markt mit billigem Geld: die Europäische Zentralbank in Frankfurt.

Rendite

Der Zins-Wahnsinn

Staatsanleihen versprechen Anlegern Sicherheit. Die ist derzeit besonders gefragt. Das hat ungewöhnliche Folgen: Selbst über viele Jahre laufende Papiere bringen keine Rendite mehr.

Wer sein Geld in Staatsanleihen stecken will, muss derzeit draufzahlen. Die Zahl der Papiere mit negativen Zinsen ist zuletzt massiv gestiegen. Wir erläutern, worauf die Anleger wetten.

Wieviel bringen aktuell hiesige Staatsanleihen?
Sämtliche vom deutschen Staat ausgegebenen Papiere bringen im Moment eine negative Rendite. Bei den für den Finanzmarkt wichtigen Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit betrug sie am Montagnachmittag minus 0,65 Prozent. Wer Papiere mit einem Wert von 100 000 Euro kauft, muss dafür also eine Gebühr von 650 Euro zahlen. Der bislang tiefste Wert lag bei 0,72 Prozent. Er wurde Ende voriger Woche erzielt.

Steht Deutschland damit allein?
Nein. Etwa 90 Prozent aller europäischen Staatsanleihen befinden sich im Minus-Bereich. Weltweit ist das Volumen der Papiere mit negativen Renditen in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Waren es noch im Oktober 6400 Milliarden Dollar, so stieg dieser Wert im August nach den Daten des Finanznachrichtendienstes Bloomberg auf 15.000 Milliarden Dollar.

Was sind die Gründe für diesen deutlichen Anstieg?
Vordergründig geht es darum, dass die konjunkturellen und geopolitischen Risiken gestiegen sind. Der Brexit und die Handelsstreitigkeiten der US-Regierung mit China, Japan und der Europäischen Union werden von Branchenkennern immer wieder als die wichtigsten Faktoren genannt. Der Erklärung dafür: Wenn alles unsicherer wird, flüchten sich Investoren in sichere Geldanlagen. Anleger verkaufen schwankungsanfällige Aktien und setzen auf vermeintlich sichere Anleihen. Bevorzugtes Ziel sind dabei die deutschen Papiere. Denn Zahlungsausfälle durch eine Pleite des deutschen Staats gelten als höchst unwahrscheinlich. Die steigende Nachfrage lässt die Preise dieser Papiere steigen. Dadurch sinkt zugleich deren Rendite.

Wer kauft denn Papiere mit Minuszinsen?
Vor allem Großinvestoren, wie zum Beispiel Pensionsfonds oder Lebensversicherungen. Wie zahlreiche andere Akteure am Finanzmarkt müssen die Fonds-Manager in einer bestimmten Größenordnung die sicheren Anleihen halten, um ihre Risiken zu streuen. Papiere mit negativen Renditen drücken also die Gesamtgewinne von Fonds und Lebensversicherungen. Für Pensionäre gibt es dann letztlich weniger Geld.

Sind auch Spekulanten am Werk?
Für viele Beobachter gibt es da keine Zweifel. Der renommierte US-Anleiheexperte JJ Kinahan sagte kürzlich dem Fernsehsender CNBC, es werde unter Händlern mittlerweile von Anleihen wie von hochfliegenden Aktien gesprochen. Die Papiere würden von Spekulanten gekauft, weil sie darauf setzten, dass sie die Papiere kurzfristig zu höheren Kursen weiterverkaufen könnten. Dieses Szenario würde bei einer zunehmenden Verschlechterung der ökonomischen Gesamtlage eintreten. All das hat zu kuriosen Situationen geführt: Besonders begehrt sind derzeit Papiere mit extrem langen Laufzeiten. So hat eine sogenannte Methusalem-Anleihe des österreichischen Staates seit Jahresbeginn ein Kursplus von 70 Prozent erreicht – es gibt nur wenige Aktien mit einer vergleichbaren Performance.

Was bedeuten diese Entwicklungen für Privatinvestoren?
Auch Privatinvestoren können in Staatsanleihen investieren. Und es gibt tatsächlich ein Szenario, in dem auch Anleihen mit negativen Renditen etwas bringen können: Wenn die Preise nicht steigen, sondern eine Deflation eintritt. Wenn also Produkte und Dienstleistungen so stark billiger werden, dass sie die Negativ-Renditen überkompensieren. Japan hat jahrelang darunter gelitten. In der Euro-Zone ist die Inflation deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent. Eine Deflation gilt dennoch als unwahrscheinlich. Zudem warnen viele Marktbeobachter, dass sich am Anleihemarkt womöglich eine Blase gebildet habe. Das bedeutet, dass die hochgeschossenen Kurse sehr bald abstürzen könnten – eben wegen der massiven Aktivitäten der Spekulanten.

Wie ist die Entwicklung in der nächsten Zeit zu beurteilen?
Am Montag fielen die Kurse der Anleihen spürbar. Doch Patrick Boldt von der Landesbank Hessen-Thüringen geht davon aus, dass Staatspapiere der großen EU-Länder weiterhin gefragt bleiben werden, solange die schwierige geopolitische Gemengelage bestehe. Wichtig wird Ende dieser Woche eine Rede vom Jerome Powell, Chef der US-Notenbank Fed, auf einer Notenbankkonferenz. Viele Experten gehen davon aus, dass Powell die Gelegenheit nutzen wird, um den Finanzmarkt auf die Haltung der Fed einzustimmen. Die Fed hatte kürzlich zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt die Leitzinsen gesenkt. Signalisiert Powell eine weitere geldpolitische Entspannung mit einem niedrigeren Zinsniveau, könnten die Anleiherenditen noch weiter sinken.

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